wer liest der kunst vor?

Skulpturenpark Schlossgut Schwante___
Anne Seubert | 2021
www.wortlaute.de

"wer liest der kunst vor?" – Poesie im Park | Schwante 2021

Auf welchem Weg findest du zu mir? Wieviel Zeit hast du für mich mitgebracht? Begegnest du mir auf Augenhöhe oder willst du über mich verfügen? Bin ich dir Landschaft, Komplizin, Trost, Oase oder nur Rahmen? Wer liest der Kunst vor? Wer schreibt ihr ein Gedicht?

2021 begleitet die Autorin Anne Seubert als Poetin in Residence den Skulpturenpark Schlossgut Schwante durch ein Jahr. Fast jeden Monat verbrachte sie Zeit zwischen und mit der Natur und den Kunstwerken. Aus den in diesen zwölf Monaten in der Begegnung mit dem Park geführten Zwiesprache sind Texte entstanden. Zwölf ausgewählte geben Zeugnis von dieser besonderen Begegnung zwischen Autorin und Park, von ihrer Annäherung, der wachsenden Vertrautheit und den Perspektivwechseln im Kommen und Gehen.

Poesie im Park 0 1 | 2 0 2 1

Den Wind zu Gast
Muschelhorn, sagst du,
und ich Aurora Borealis


dann nimmt ein Rauschen
uns eben noch
fremde Sirenenan die Hand, verführt uns,
Freundschaft zu schließenmit einem Baum in der Nähe,
der als erster, und seiner Sehnsucht
Wurzeln verspricht.

Poesie im Park 0 2 | 2 0 2 1

Ankunft

Während der Schnee noch schläft,
bereitest du die Landschaft vor,
du kochst Kaffee, fütterst die Bäume
und legst die Sonne an die lange Leine.












Während der Schnee noch schläft,
weckst du mich.

Poesie im Park 0 3 | 2 0 2 1

Out of Bed

Morgens Frühstück
mit Park im Rücken;
unter den nackten Füßen,
und im Haar als erste Blüten,
die frisch geduscht
versuchsweise auf Ästen
austrieben:



Frühling, als ob ihn keiner sieht!

Poesie im Park 0 4 | 2 0 2 1

...und doch wagt der Stein einen
Würfelwurf ins Feld der Natur:


Stein mein Name,
groß und stark und grau und
unbehauen bloß;
ich behaupte mich im Feld,
Adern durchziehen mich,
meine Wunden aber
hast du mir zugefügt,
mich gespalten, Mensch,
der du mich heute besuchen
kommst.

Poesie im Park 0 5 | 2 0 2 1

Im Moment

hält die Luft den Atem an,
lehnt sich in dieses Wogen, das,
ein Wagen auch
ein Anlehnen möglich macht;
man möchte Teil werden, und
der Sonne den Weg weisen


Im Moment

notiert mein Auge das Sehnen,
zählt bis drei, sucht
lehnt sich in die stählerne
Wogen, weicht nicht, hält,
was da asynchron in Bewegung,
und den Tank unter Wasser hält.
Samt Tiger.

Poesie im Park 0 6 | 2 0 2 1

Und dann ist plötzlich Sommer,
der Tisch gedeckt,
das Tor geöffnet und du strahlst,
den Schlüssel zum Schloss
in der Hosentasche.
Es soll Gäste geben,
hast du dir gewünscht,
das Silber poliert und
für die kommenden Tage
den Dresscode „Blüte“ ausgegeben.

Gut, dass das Grün mitzieht.

Poesie im Park 0 7 | 2 0 2 1

Den Intellekt absetzen dürfen,
der Eile ein verschwörerisches
„Verweile doch“ zurufen
und der Pflicht die Tür weisen.

Heute ist Kunst!
Morgen vielleicht auch noch,
aber niemals so verwundbar
wie das Heute,
das trotzig die Fahne hisst:

Ja, ich bin,
vielleicht nicht schön,
nicht schwach, aber da,
und das auch dann,
wenn du längst wieder!

Poesie im Park 0 8 | 2 0 2 1

Runde um Runde
läuft die Zeit durch die Kronen
aus schwerem Grün
Slalom und Abfahrt und
mit werdendem Abstand
Langlauf auf Loipen aus Moos







Ich möchte dir Mond sein
raunt die Sonne
in die trägen Mittagsstunden,
übernimm’ du das Ruder,
stammauf- und abwärts,
der nächste Morgen schläft aus.

Poesie im Park 0 9 | 2 0 2 1

Ich öffne das Fenster,
dir, gleich einem Buch,
einen Regen vorzulesen.


Vom Himmel fällt Blatt für Blatt
was der Sommer erübrigte und
du schätzt: Lesestoff
Der Schnitt einer, der dir steht.
Die Wunde eine, die du öffnest.
Der Regen einer, der dich grüßt.

Poesie im Park 10 | 2 0 2 1

Herbstens…
… tragen die Bäume schwer am Erbe
eines ausführlichen Sommers.
… kommt das Licht auf sanften
Schwingen peu à peu.
… hat das Gemüt sturmfrei.
… schlägt der Frieden ein Rad, oder zwei.

Herbstens findet das Glück den Weg von
allein.

Poesie im Park 11 | 2 0 2 1

Nebel, Atem, Farbmomentum
Morgens wie abends nimmt der Nebel
dem Himmel seine Höhe,
dem See seine Tiefe, macht dir das eben
noch Fremde vertraut, und alle Härte
weicht einem Tasten.

Als du der Stille gewahrwerdend deine Stimme
einpackst, alle Spaziergänge
abbestellst, und deine Augen auf eine
Bank im Park setzt, blüht um dich der
Nebel auf, lädt den See zum Landgang,
und das Ufer zum Niederknien.

Poesie im Park 12 | 2 0 2 1

Wir hatten dem Schnee eine Stille
um die Schultern gelegt,
als ob nichts gewesen wäre und die
Decke eine, die sich heben lässt,
mit einem Wort oder zweien.

Das Wetter wagte nicht zu atmen,
als wir einen weiteren Jahreswechsel
anberaumten und die Glaskugel
in Frage stellten.

Wir erwachten, als der Frühling
die Landschaft zur Ader ließ, die
Welt anrief und der Rost
kalte Füße bekam:
Ruhe war gestern!

"wer liest der kunst vor?" – Poesie im Park | Schwante 2021

Skulpturenpark
Schlossgut Schwante
Schloßplatz 1-3
16727 Oberkrämer
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