wer liest der kunst vor?

Autorin Anne Seubert
zu Gast im
Skulpturenpark Schlossgut Schwante

www.wortlaute.de
www.schlossgut-schwante.de

"wer liest der kunst vor?" – Wortlaute im Park

Auf welchem Weg findest du zu mir? Wieviel Zeit hast du für mich mitgebracht? Begegnest du mir auf Augenhöhe oder willst du über mich verfügen? Bin ich dir Landschaft, Kunst, Komplizin, Oase oder Bühne? Wer liest der Kunst vor? Wer schreibt ihr ein Gedicht?

2021 begleitet die Autorin Anne Seubert als Poetin in Residence den Skulpturenpark Schlossgut Schwante durch ein ganzes Jahr von Januar bis Dezember.
In den monatlichen Begegnungen mit dem Park und seiner Kunst sind Gedichte und lyrische Momentaufnahmen entstanden.

Zwölf Gedichte geben im Park Zeugnis von dieser besonderen Annäherung zwischen Autorin, Kunst und Park, von der wachsenden Vertrautheit und den Perspektivwechseln. Sie laden ein zur Reflektion, zum Dialog und zum Verweilen.

Wortlaute im Park 01

Ankunft

Während der Schnee noch schläft,
bereitest du die Landschaft vor, du kochst
Kaffee, fütterst die Bäume, und nimmst
die Sonne an die lange Leine.

Während der Schnee noch schläft,
schüttelt mein Haupt den Regen ab, legt
vorm ersten Wimpernschlag den Traum
trocken, den Scheitel in die Mitte.







Während der Schnee noch schläft,
weckst du mich.

Wortlaute im Park 02

Den Wind zu Gast

Muschelhorn, sagst du,
und ich Aurora Borealis.


Sodann nimmt ein Rauschen
uns eben noch fremde Sirenen
an die Hand, verführt uns,
Freundschaft zu schließen
mit einem Baum in der Nähe,
der als erster, und seiner Sehnsucht
Wurzeln verspricht.

Wortlaute im Park 03

Out of Bed

Morgens Frühstück
mit Park im Rücken,
als Grün unter den nackten Füßen,
und im Haar als erste Blüten,
die frisch geduscht
versuchsweise auf Ästen
austreiben:



Frühling als ob ihn keiner sieht!

Wortlaute im Park 04

Die Partie eröffnet der Stein ein Würfelwurf ins Feld der Natur:



Stein mein Name,
groß und stark und grau und
unbehauen bloß,
ich behaupte mich im Feld,
Adern durchziehen mich.

Meine Wunden aber
hast du mir zugefügt,
mich gespalten, Mensch,
der du mich heute besuchen kommst.

Wortlaute im Park 05

Im Moment
hält die Luft den Atem an
lehnt sich in dieses Wogen, das
ein Wagnis auch,
ein Anlehnen möglich macht
und der Sonne den Weg weist.


Im Moment
notiert mein Auge das Sehnen
zählt bis drei, schmiegt sich in die
stählerne Wärme, hält
was da asynchron in Bewegung, und
den Tank unter Wasser hält.

Samt Tiger.

Wortlaute im Park 06

Und dann ist plötzlich Sommer
der Tisch gedeckt
das Tor geöffnet und du strahlst
den Schlüssel zum Schloss
in der Hosentasche.

Es soll Gäste geben
hast du dir gewünscht
das Silber poliert und
für die kommenden Tage
den Dresscode “Blüte” ausgegeben.

Gut, dass das Grün mitzieht!

Wortlaute im Park 07

Den Intellekt absetzen dürfen,
der Eile ein verschwörerisches
“Verweile doch” zurufen und
der Pflicht die Tür weisen:


Heute ist Kunst!



Morgen vielleicht auch noch,
aber niemals so verwundbar
wie das Heute,
das trotzig die Fahne hisst:


Ja, ich bin,
vielleicht nicht schön,
nicht schwach, aber da,
und das auch dann,
wenn du längst wieder!

Wortlaute im Park 08

Runde um Runde
läuft die Zeit durch Kronen
aus schwerem Absynth
Slalom und Abfahrt und
mit werdendem Abstand
Langlauf auf Loipen aus Moos.







Ich möchte dir Mond sein
raunt die Sonne
in die trägen Mittagsstunden
Übernimm du das Ruder
stammauf- wie abwärts

Der nächste Morgen schläft aus!

Wortlaute im Park 09

Ich öffne das Fenster,
dir, gleich einem Buch,
einen Regen vorzulesen.


Vom Himmel fällt Blatt für Blatt
was der Sommer erübrigte und
du schätzt: Lesestoff

Der Schnitt einer, der dir steht.
Die Wunde eine, die du öffnest.
Der Regen einer, der dich grüßt.

Wortlaute im Park 10

Herbstens
tragen die Bäume schwer
am Erbe eines ausführlichen Sommers.

Herbstens
kommt das Licht auf sanften Schwingen
schläft der Frieden ein Rad
oder zwei.

Herbstens
findet das Glück den Weg
von allein.

Wortlaute im Park 11

Morgens wie abends nimmt der Nebel
dem Himmel seine Höhe,
dem Schnee seine Tiefe, macht dir
das eben noch Fremde vertraut
und alle Härte weicht
einem Tasten.


Als du der Stille gewahr werdend
deine Stimme einpackst,
alle Spaziergänge abbestellst,
und deine Augen auf eine Bank
im Park setzt, blüht um dich
der Nebel auf, lädt den See zum
Landgang, und das Ufer zum
Niederknien.

Wortlaute im Park 12

Wir hatten dem Schnee eine Stille
um die Schultern gelegt, so als ob
nichts gewesen wäre, und
die Decke eine, die sich heben lässt,
mit einem Wort oder Reim.





Wir erwachten, als der Frühling
die Landschaft zur Ader ließ,
die Welt anrief und
der Rost kalte Füße bekam –
Schlummern war gestern!

"wer liest der kunst vor?" – Wortlaute im Park | Schwante 2021

Skulpturenpark
Schlossgut Schwante
Schloßplatz 1-3
16727 Oberkrämer
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© Anne Seubert
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