Gedanken

Zwischenzeiten

Irgendwie sind Dir heute die Nuancen abhanden gekommen. Die Nuancen, die zwischen hell- und dunkelblau liegen. Und die zwischen eiskalt und lauwarm. Sogar die zwischen lecker und essbar. Nach dem zehnten entgegenkommenden Kinderwagen waren alle Kinder nur noch herzig und die zehnte Kneipe an der Du vorbei kamst, ja, auch die hatte Leckeres im Angebot. Draußen war es kalt und der Himmel grau, da waren wir uns alle sowieso einig.
Und dann bist Du auf den Friedhof geflüchtet, wo es wenigstens ein paar Blätter zum hoch wirbeln gibt und es als normal gilt, Blicken auszuweichen. Hier darfst Du Dir Tränen ins Knopfloch stecken, und mitten im Schritt innehalten. Jedes Stolpern wirkt hier erhaben und Einsamkeit ist hier fast Pflicht. Zeit wird anders bewertet und Schatten sind willkommen. Du suchst Dir Deinen Weg an der Mauer entlang bis zur Bank, die Dich ankommen lässt, Deinem Steißbein Ruhe gewährt und nur leise und diskret ächzt, wenn Du Deine Kilos fallen lässt. Nuancen gibt’s dafür zwar nicht im Tausch aber die Zeit gewinnt wieder an Tempo, Stunde um Stunde bezwingend.

Gerede

Beilagen

Manchmal lache ich an unpassendsterer Stelle und zwar laut. Im Kino zum Beispiel, im Theater, auch bei Gesprächen. Und dann ging ich gerne baden, nicht etwa sprichwörtlich, nein wortsinnlich. Tief ins Meer am liebsten, alternativ aber auch in einen See. Einen Fluß. Pragmatisch meist einfach unter die Dusche. Und da singe ich dann melodramatische Arien oder hysterische Schmonzetten, auf das die Kacheln klirren, der Abfluss bebt und sich der Duschvorhang bauscht. Im schlimmsten Falle, ist nicht einmal eine Dusche in der Nähe, nicht einmal eine blöde braunes-kaltes-Wasser-aus-rostigen-Öffnungen-tröpfeln-lassende Dusche. So wie letztens als ich mit M. in der Cocktailbar saß, wir stundenlang über der Karte gebrütet hatten, die wie im China-Restaurant alle Gerichte, gleichgültig ob Speise oder Getränk, mit Nummern versehen hatte und ich mich ewig nicht zwischen Nr. 332 und 421 entscheiden konnte. M. hingegen hatte von Anbeginn an zielsicher die Nr. 334 anvisiert. Als unsere Bestellung dann aufgenommen werden wollte, versenkte ich mich tief in die Karte um eventuell ja doch noch ein schlagendes Argument für die Pattsituation zwischen 332 und 421 zu entdecken, während M. seine 334 in Auftrag gab.
„Mit Pommes?“

Da lachte es aus mir heraus, noch ehe ich die Situation entschlüsselt, noch ehe ich auch nur M.’s erstauntes Gesicht wahrgenommen hatte, noch ehe überhaupt von begreifendem Verstand die Rede sein konnte. Ich lachte allein, auch die nächsten 2 Minuten. Als ich mich längst schämte zu lachen und doch nicht aufhören konnte. Als ich mir eine Dusche wünschte. Oder auch nur einen Duschvorhang.
Später saßen wir dann Reste aus unseren Gläsern durch Strohalme schlürfend in dieser Bar, in der außer uns längst niemand mehr saß, und ich lachte längst nicht mehr. Nur die Scham, die war noch da.

Da hob M. den Blick und rezitierte in die entstandene Stille hinein ein Gedicht, das mich spürbar versöhnte mit meinem Lachen, auch wenn die Scham vorerst blieb:

Dein Lachen

Nimm mir das Brot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.

(Pablo Neruda, aus: In deinen Träumen reist dein Herz)