Gerede

Bastard

Beklebte Wände, verqualmte Luft und der DJ ist der Älteste im Raum. Riesenkronleuchter an der Decke, die schummriges Licht zwischen die Rauchfaden werfen. Barfeeling. Die Musik einen Tick zu laut, als dass man die umgebenden Gespräche mühelos verstehen könnte, man muss sich schon konzentrieren. Die Mitmenschen teils routiniert am Tresen lehnend, teils unsicher erwartungsvoll zur Bühne schauend. Für eine kulturelle Veranstaltung erstaunlich viele Männer im Publikum, ja sie sind definitiv in der Überzahl. Durch die Bank alternativ, alle Altersklassen bedienend.

Du aber willst nicht mehr verführerisch lächeln. Stattdessen lieber Dialektfetzen vor Dich hin brummeln, die keiner versteht, obwohl sie doch alles beinhalten: Kraftvoll verkürzte Wortmutationen, die klingen als spucktest Du unzerkaute Knäckebrotbröckchen.
Du willst nicht mehr lachen, auch nicht ansteckend oder verlegen: Du willst Deine Stirn grimmig in Falten legen, Querfalten im Millimeterabstand und die Mundwinkel ruhig auch mal der Schwerkraft folgen lassen.
Vollkommen verkopft durch die Gegen irren willst Du und nicht anmutend tänzelnd, die Arme ladylike angewinkelt, eine unpraktische Handtasche schlenkernd, Blickkontakte suchen.

Die Tresenkraft ist schwerhörig, aber das Bier kalt und billig und mit etwas Glück beginnt das Programm in Kürze.

Geliebte

Wiedersehen – Retrouvailles

Und dann stehst Du doch da, bist gar Teil der Gruppe, die mitten im Raum steht, und er steht da plötzlich auch, Dir gegenüber, den Kopf leicht schief gelegt und lächelt Dich über die andern 5 im Kreis stehenden an. Du lächelst reflexartig zurück und keine drei Sekunden später steht er neben Dir. Keine weiteren zwei Minuten später fragt er, ob ihr euch nicht irgendwohin setzen wollt und räumt schon mal das Sofa hinter euch frei. Du deutest auf die Sitzecke im Nebenraum und ihr setzt euch als hättet ihr euch gestern erst gesehen und als sei die Nähe, die da zwischen euch ist, selbstverständlich. Du schaust ihn an und willst Deine Hand über seine Haut streichen lassen um zu fühlen, ob das noch die Haut von damals ist. Der Blick ist jedenfalls der gleiche geblieben. Du schaust ihm zu, wie er sein Glas zum Mund führt, wie er den anderen Frauen zuzwinkert, wie er sich gemütlicher hinsetzt. Du möchtest ihn berühren, möchtest von ihm berührt werden, genießt seine Nähe, spürst gar Vertrautheit. Andere gesellen sich zwar zu euch, nehmen auch an eurem Gespräch stellenweise teil, bilden aber nur einen verschwommenen Hintergrund, vor dem ihr agiert. Unsicher und dann wieder forscher, tastend und dem Blick des andern ausweichend.
Ihr scherzt und er trinkt und macht Dir Komplimente, die nur schwer über das hinweghelfen, was eigentlich zwischen euch steht. Was dich angespannt aufrecht sitzen lässt. Und was dringend zu Wort kommen sollte. Du versuchst, Deine Position zu behaupten, ohne vom Schmerz übermannt zu werden, weinen wäre fatal. Du blickst minutenlang ins Leere, um einen Ansatz zu finden, deutlich zu machen ohne zu verurteilen. Er sucht nach Worten, findet nur Phrasen, die Dich enttäuscht schlucken lassen. Hat er so wenig verstanden?
Du würdest so gerne verzeihen, wenn die Schuld denn mal wenigstens sprachlich fassbar würde, wenn statt Floskeln endlich verbindliche Sätze fielen. Und schon ist da wieder diese Vertrautheit, die euch flüstern lässt über Nichtigkeiten. Da ist das Staunen, dass Du Dich so wohl fühlst mit ihm, dass da plötzlich Trauer mitschwingt. Trauer, Ohnmacht und Wut. Seine Kommunikationsverweigerung, seine grausame Ichbezogenheit, sein Konsumieren anstelle von Teilhaben werden Dir wieder bewusst. Nähe ist allein nicht möglich, und ohne Kommunikation auch nicht von Dauer.

Später, draußen, streicht ihr euch um die Beine, nehmt jede Möglichkeit zur Berührung wahr und kommt doch nicht zum Punkt. Er wird wieder fahren und er wird sich nie wieder melden egal was Du sagst. Und so lächelst Du leise, lässt Dich umarmen und trauerst erst morgen um den Menschen, dessen Nähe so wohl tat, dass Du es auf ein Gespräch hättest ankommen lassen.