Gedanken

Renaissance

Wenn lackieren nicht mehr hilft und der Spliss allzu offenkundig an der Epidermis’ Poren zu Tage tritt, weiß man, es ist Zeit für eine Oberflächentiefenüberholung. Wenn dann auch noch das Lächeln in die Kehle rutscht, man sich verschluckt und plötzlich auf Kommando in der Lage ist, Schuppenpartikel auszuspucken, wird es höchste Zeit. Es lohnt im Übrigen nicht, sich Äquivalenzumformungen hinzugeben und für die Radiokarbonmethode ist es allem Pessimismus zum Trotz dann doch noch zu früh.

Du schleichst atemlos durch jüngst verwaistes Laub, das aus Stahl geformt zu sein scheint, so schmerzhaft anstrengend ist jede Berührung mit ihm für Deinen großen Zeh. Es keucht wie Du, nur aus unzählig mehr Kehlen, und ihr versucht euch in berührungsloser Koexistenz. Lächerlich mutet es an, zu unumstößlich die Gesetze der Gravitation und zu flächendeckend der Laubbefall des Fußgängerwegs. Du rettest Deine Fingerkuppen in die flusenbewohnte Innenecke Deines graumelierten doppeltgenähten Wollstoffmantels. Und dort, wo die Winkelhalbierende ihren eigenen Winkel trifft, bohrt sich spiralförmig und in der weiß-weichen Haut unter Deinen zu lange nicht geschnittenen Fingernägeln ansetzend ein neuer Traum in Dein Gewebe. Er steuert, wie von Ferne, subkutan streng parallel zu den Papillen, aber unaufhaltsam schnuppernd, auf Dein Herz zu.

Dieses wiederum erhöht in der Folge seine Frequenz, klimpert erwartungsvoll mit falschen Wimpern und stülpt die Lippen in Form. Es weiß nicht, dass es noch Jahreszeiten dauern kann bis zum Eintreffen des Verursachers all dieser vorbereitend ausgeführten Reaktionen. Deine Außenhaut empfängt von all dem nur bleich flüsternde Signale und Du selbst wirst nicht vor morgen früh, beim ersten mürrischen Blick in den Spiegel, bemerken, dass sich Deine Oberflächenspannung relativ prim erhöht hat und dementsprechende das Rundungsverfahren eingeleitet wurde. Die Wangenknochen wölben sich wieder konvex und ein roséfarbener Schatten macht sich seit fünf Uhr früh auf, sie zu benetzen.

Gerede

Small Talk

Sie lachen auch noch freundlich als ich Sie bereits bei der Begrüßung unabsichtlich doch ebenso unverzeihlich übergehe, als mitgereistes Anhängsel nur betrachte, und machen mich schmunzelnd und nach ihrer Mappe greifend darauf aufmerksam. Schon da hätte ich einen guten Grund gehabt, meine Wangen anzuröten. Wir verlieren uns aus den Augen und ich werde mich später erinnern, dass wir bereits telefoniert hatten und dass ich mir den Körper zur Stimme um Jahre älter, gesetzter und distinguierter vorgestellt hatte.
Den Dialekt, den Sie sprechen, mag ich nicht, aber Ihnen wird er verziehen. Nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, aufgrund der Farbe Ihrer Augen, die kenne ich nicht einmal, vielmehr aufgrund des zu fehlen begonnen habenden Haupthaars. Sagen Sie es nicht weiter, bitte.

Die anderen Teilnehmer drängen sich mittlerweile um und zwischen uns und erst viel später werde ich mir Ihren Vortrag kopieren. Sie lachen selbst während ihrer Präsentation, ohne dadurch Autorität zu verlieren, das beneide ich sehr. Ich hoffe, Sie merken es nicht. Sie sind hier sehr gefragt, vielleicht etwas weniger als anderes noch, und gesellig und wir treffen uns oft am Buffet, tagsüber zum Kaffee meistens aber dann auch abends, als der Tisch sich fast biegt unter den Braten und Salaten, den Schüsseln und Platten, gefüllt mit obszön leckeren Cremes. Danach wird noch Wein und Kaffee gereicht, nur weit nach Mitternacht hilft das unserer Verdauung auch schon nicht mehr weiter. Ich verliere Sie aus den Augen.
Der nächste Tag wird dementsprechend hart für uns alle und ich lächle die verschlafenen Blicke hinweg, die eigenen ebenso wie die der anderen. Morgens bleibt der Raum leer und Sie sitzen zufällig nur unweit entfernt, so dass mein raumprüfender Blick auf Ihre Füße fällt, die gerade im Umzug begriffen. So trägt der linke noch den Sportschuh, während der rechte bereits in helles Leder gehüllt. Ich wende mich ab um zu grinsen und als ich einen erneuten Blick wage, sind beide Füße beledert und die Sportschuhe hinter Tchibo-Plastik verborgen.
Sie hatten verschlafen, werden Sie mir nachher gestehen, und deshalb nur wenige Minuten heute morgen. Ein Grund mehr, Sie zu mögen.

Nach dem Finale, das weniger furios als erwartet ausfällt – die Erkenntnisse blieben überschaubar -, gehören Sie zu der Runde, die noch semiprofessionell Biertrinken geht. Ich erfahre mehr von Ihnen und Ihren Forschungen, die Sie um die ganze Welt treiben. Ich erfahre nicht nur Ihr Alter und Ihren beruflichen Werdegang, nein, während Sie mit Ihren Abenteuern den Tisch unterhalten, verraten Sie mir nebenbei noch Ihr Lächeln und Ihre Begeisterung für Ironie und Understatement. Fünf Minuten vor dem allgemeinen Aufbruch dann doch noch die erste Berührung, Ihre Hand auf meiner, Blickkontakt: Das „Sie“ nerve Sie nun doch und ob wir nicht Du zueinander sagen wollten.