Gerede

Paloma adé

Heinz hat zu Hause einen Stall voller Models. Mit ihnen bereist er die Republik um Ruhm und Ehre, und manchmal sogar Geld einzustreichen. Heinz ist 71 und ab nächsten Monat endlich mit ausreichend Zeit für seine Models gesegnet, er geht nämlich in Rente. Darum nimmt er sich nochmal richtig (!) Zeit für mich, erklärt mir das Prozedere der Wettbewerbe und sein Abschneiden. Er ist stolz auf seine Models, nach diesem erfolgreichen Wochenende erst recht. Und er sieht gut aus, wenn er so stolz aufrechter als sonst seine Mettwurststulle schmiert und sich durch niemanden vom Erzählen abbringen lässt.
SG heißt sehr gut und HV steht für hervorragend, 97 Punkte sind das Optimum.
Wenn Heinz mit seinen Models wochenends die Wettbewerbe im Umland abklappert, hat er 10 von seinen insgesamt 100 dabei. Oder 15. Selten jedoch mehr. Auch eine Preisfrage, obwohl er den Wagen selbst fährt. Er hat es mir heute genau ausgerechnet, wie viel er ausgibt jedes Mal für Startgeld, Fahrt und Unterkunft und wie viel er einnimmt, gewinntechnisch. Und, dass er kein Bier trinkt, wenn er Auto fährt.
Es ist kein billiges Hobby, doch es erfüllt ihn mit Stolz. Diesmal gab es stapelweise Preiskarten: zweimal 96 Punkte in den Kategorien „blau gehämmert“* und „gelber Stahl“* und viele Male 95 und 94. Eine der Preiskarten hat er sogar direkt weiter verkauft, sagt er mir stolz lächelnd. Für 30 Euro. Da staune ich auch. Zudem hat er Sachpreise eingeheimst, eine Vase zum Beispiel, aber er zögert etwas sie in seine monetären Berechnungen miteinzubeziehen.
Ich werde Heinz vermutlich vermissen, ich bin mir nicht sicher. Die Momente wenn er heimlich eine aus der Tür raus rauchte oder wenn er in einem Wust von Papieren in das Löffeln seines dienstäglichen Jägersalats vertieft war.

Gelage

Ze Big BandHoulle – Merci!

Es gibt nur sehr wenig Menschen auf dieser Erde, die mir mit einem Song von Britney Spears eine Freude bereiten können. Auch wenn sie ihn selbst performen. Sehr wenige.
Heute kamen auf einen Schlag 14 neue dazu. Sie waren pink und albern angezogen, sie waren laut und sprachen französisch. Und das kam so:
Müde und im Kopf bereits den Einkaufszettel am entwerfen, den Kragen hochgeschlagen, trat ich mein Fahrrad durch die überlaufene Fußgängerzone. Pünktlich zu Feierabend. Entsprechend viel müder grimmiger Atem schlug mir entgegen, man hatte es eilig, man war sauer, es war dank frischer Zeitumstellung bereits fast gänzlich dunkel und dank eingebrochenem goldenen Oktober auch kalt und grau. Ging mir nicht anders: In grauer Eile.
Da hörte ich erst leise immer lauter werden Trompetenklänge, wild und Unzen neben dem Ton: Eine Busladung 20jähriger Franzosen, ein Mädel nur, mit Blasinstrumenten aller Art und Trommeln bewaffnet hatten sich aufgebaut, Berlin ein Lächeln auf die Lippen zu werfen. Ungefragt, ungehemmt mit französischem Akzent in den Zwischenansagen, sich selbst bejubelnd und belachend, offensiv guter Laune. Und die Leute blieben stehen, wippten, lachten, sprachen ihren Nachbarn an, warfen Kleingeld in den Geigenkasten und versuchten die Webadresse auf dem ausgebreiteten pinken Tuch zu entziffern – was zumindest mir leider nicht gelang -. Eine Oase im Großstadtdschungel. So gar nicht weihnachtlich, auch nicht trist, nicht müde und nicht kitschig. Nur voller Elan.
Wir waren einer Meinung: Das hatte uns gerade sehr gefehlt!
Ich überlegte nur kurz, hüpfte in den nächstgelegenen Bäcker, holte eine Palette pinkglasierter Berliner und drapierte sie neben den Geigenkasten. Ze Big Bandhoulle holten aus zu einem Tusch mir zu Ehren und setzten kurz darauf zu ihrem Britney-Cover an, mitten in die verdutzten Gesichter und in mein verlegenes Gesicht. Mit dem radelte ich dann gleichermaßen beschwingt gen Markthalle. Immun gegen Warteschlangen, leergekaufte Regale und überteuerte Produkte.