Geliebte

Wiedersehen – Retrouvailles

Und dann stehst Du doch da, bist gar Teil der Gruppe, die mitten im Raum steht, und er steht da plötzlich auch, Dir gegenüber, den Kopf leicht schief gelegt und lächelt Dich über die andern 5 im Kreis stehenden an. Du lächelst reflexartig zurück und keine drei Sekunden später steht er neben Dir. Keine weiteren zwei Minuten später fragt er, ob ihr euch nicht irgendwohin setzen wollt und räumt schon mal das Sofa hinter euch frei. Du deutest auf die Sitzecke im Nebenraum und ihr setzt euch als hättet ihr euch gestern erst gesehen und als sei die Nähe, die da zwischen euch ist, selbstverständlich. Du schaust ihn an und willst Deine Hand über seine Haut streichen lassen um zu fühlen, ob das noch die Haut von damals ist. Der Blick ist jedenfalls der gleiche geblieben. Du schaust ihm zu, wie er sein Glas zum Mund führt, wie er den anderen Frauen zuzwinkert, wie er sich gemütlicher hinsetzt. Du möchtest ihn berühren, möchtest von ihm berührt werden, genießt seine Nähe, spürst gar Vertrautheit. Andere gesellen sich zwar zu euch, nehmen auch an eurem Gespräch stellenweise teil, bilden aber nur einen verschwommenen Hintergrund, vor dem ihr agiert. Unsicher und dann wieder forscher, tastend und dem Blick des andern ausweichend.
Ihr scherzt und er trinkt und macht Dir Komplimente, die nur schwer über das hinweghelfen, was eigentlich zwischen euch steht. Was dich angespannt aufrecht sitzen lässt. Und was dringend zu Wort kommen sollte. Du versuchst, Deine Position zu behaupten, ohne vom Schmerz übermannt zu werden, weinen wäre fatal. Du blickst minutenlang ins Leere, um einen Ansatz zu finden, deutlich zu machen ohne zu verurteilen. Er sucht nach Worten, findet nur Phrasen, die Dich enttäuscht schlucken lassen. Hat er so wenig verstanden?
Du würdest so gerne verzeihen, wenn die Schuld denn mal wenigstens sprachlich fassbar würde, wenn statt Floskeln endlich verbindliche Sätze fielen. Und schon ist da wieder diese Vertrautheit, die euch flüstern lässt über Nichtigkeiten. Da ist das Staunen, dass Du Dich so wohl fühlst mit ihm, dass da plötzlich Trauer mitschwingt. Trauer, Ohnmacht und Wut. Seine Kommunikationsverweigerung, seine grausame Ichbezogenheit, sein Konsumieren anstelle von Teilhaben werden Dir wieder bewusst. Nähe ist allein nicht möglich, und ohne Kommunikation auch nicht von Dauer.

Später, draußen, streicht ihr euch um die Beine, nehmt jede Möglichkeit zur Berührung wahr und kommt doch nicht zum Punkt. Er wird wieder fahren und er wird sich nie wieder melden egal was Du sagst. Und so lächelst Du leise, lässt Dich umarmen und trauerst erst morgen um den Menschen, dessen Nähe so wohl tat, dass Du es auf ein Gespräch hättest ankommen lassen.

Gedanken

S(ch)atzinseln

Lesend gefalle ich mir nicht nur besser, ich fühle mich auch gleich viel weniger sinnlos. Was albern anmutet, ich weiß. Lesend erobere ich mir Meere, Welten, ja Herzen und erweitere dabei spielend meine Horizonte. Noch ein Meer hier, und dann darin geschmökert, hier einen Küstenstrich entdeckt und dort muschelreiche Strände gekapert. Hier eine Meerenge durchkreuzt und da ein Kap umsegelt und schon war ich wieder drei Stunden älter aber sieben Leben reicher.
Kapitelweise verschlinge ich Romane, lasse mich ent- und verführen, mitunter sogar dazu, die letzte vor der ersten Seite zu lesen. Ich versinke in fremden Schicksalen, in virtuellen Bedrängnissen und erfundenen Dilemmata, ich atme im Umblätterrhythmus und organisiere das zur-Tasse-greifen nach Absätzen im Text. Und dann und wann hebe ich Schätze, ganz ohne Karte und verhextem Kompaß, Satz-Juwelen, die nur für mich in einem zwei Kilo schweren, tausend Seiten tiefen Buchstabenmeer versenkt wurden, auf dass ich früher oder später meinen hungrigen Blick darüber gleiten ließe und den Schatz hübe:
Ewig wird der Muschel die Schönheit ihres Werkes unbekannt bleiben. Dieser Satz Paul Valérys enthält das Paradox seiner Weltansicht: Nur die Muschel >weiß< , wie sie ihr Gehäuse macht, und nur sie findet die Geborgenheit im Zentrum seiner Zweckmäßigkeit; aber der Glanz dessen, was sie um sich absondert, bleibt ihr im Dunkel – der Genuss des Werkes erfordert den exzentrischen Betrachter, den, der es selbst nicht gewesen ist, den Fremden aus der Welt der Nichtmuscheln. (Hans Blumenberg)

Eine Tasse Tee und drei Seiten weiter hänge ich gedanklich immer noch an diesem Satz fest –
Let me be you eccentric beholder.