Gerede

Beilagen

Manchmal lache ich an unpassendsterer Stelle und zwar laut. Im Kino zum Beispiel, im Theater, auch bei Gesprächen. Und dann ging ich gerne baden, nicht etwa sprichwörtlich, nein wortsinnlich. Tief ins Meer am liebsten, alternativ aber auch in einen See. Einen Fluß. Pragmatisch meist einfach unter die Dusche. Und da singe ich dann melodramatische Arien oder hysterische Schmonzetten, auf das die Kacheln klirren, der Abfluss bebt und sich der Duschvorhang bauscht. Im schlimmsten Falle, ist nicht einmal eine Dusche in der Nähe, nicht einmal eine blöde braunes-kaltes-Wasser-aus-rostigen-Öffnungen-tröpfeln-lassende Dusche. So wie letztens als ich mit M. in der Cocktailbar saß, wir stundenlang über der Karte gebrütet hatten, die wie im China-Restaurant alle Gerichte, gleichgültig ob Speise oder Getränk, mit Nummern versehen hatte und ich mich ewig nicht zwischen Nr. 332 und 421 entscheiden konnte. M. hingegen hatte von Anbeginn an zielsicher die Nr. 334 anvisiert. Als unsere Bestellung dann aufgenommen werden wollte, versenkte ich mich tief in die Karte um eventuell ja doch noch ein schlagendes Argument für die Pattsituation zwischen 332 und 421 zu entdecken, während M. seine 334 in Auftrag gab.
„Mit Pommes?“

Da lachte es aus mir heraus, noch ehe ich die Situation entschlüsselt, noch ehe ich auch nur M.’s erstauntes Gesicht wahrgenommen hatte, noch ehe überhaupt von begreifendem Verstand die Rede sein konnte. Ich lachte allein, auch die nächsten 2 Minuten. Als ich mich längst schämte zu lachen und doch nicht aufhören konnte. Als ich mir eine Dusche wünschte. Oder auch nur einen Duschvorhang.
Später saßen wir dann Reste aus unseren Gläsern durch Strohalme schlürfend in dieser Bar, in der außer uns längst niemand mehr saß, und ich lachte längst nicht mehr. Nur die Scham, die war noch da.

Da hob M. den Blick und rezitierte in die entstandene Stille hinein ein Gedicht, das mich spürbar versöhnte mit meinem Lachen, auch wenn die Scham vorerst blieb:

Dein Lachen

Nimm mir das Brot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.

(Pablo Neruda, aus: In deinen Träumen reist dein Herz)

Gerede

Teatime

Wenn 11 Uhr morgens sich wie nachmittags 17 Uhr anfühlt, weiß ich, es ist Herbst. Dann ist da das Feuchte, das mir durch die Ärmel zieht und mir die Haare lockt, da im Nacken, wo sie etwas dünner, und seitlich vorne, da wo andere Leute Geheimratsecken haben. Oder bald haben werden. Da rückt dann selbst der Horizont ein Stück näher, in der Hoffnung, einen Schluck Heißgetränk abzubekommen. – Ich mein, es gibt ja viele Geschmäcker und fast ebenso viele Heißgetränke. Also was bringt einen eigentlich dazu, freiwillig pures warmes Wasser zu trinken? – Ich bin da gar nicht so, meine Horizonte dürfen alle mal nippen an meinem Beuteltee, ja, sie dürfen auch aus meiner Tasse trinken. Hätte ich nicht einige Zeit in einem Büro gearbeitet, wüsste ich nicht, dass dies etwas Anmerkenswertes darstellt. Die bürointerne Teeküche damals jedoch lehrte mich stets meine eigene Tasse zu benutzen, ausschließlich Teebeutel aus meinem Teebeutelvorrat mit heißem Wasser zu tränken und unter keinen Umständen Fremdgeschirr mitabzuwaschen. Der Strafkatalog war einfach verständlich und duldete keine Ausnahmen:
Benutzung einer fremden Tasse – Denunziation vor allen Kollegen mit abschließendem jovialen „Du kannst diese Tasse noch leer trinken, aber danach brauche ich sie umgehend zurück!“ des Eigentümers.
Benutzung eines Fremdteebeutels – Gelbe Post-its am Teeregal „Es fehlt ein Pfefferminz-Teebeutel in meiner Packung. Wer ihn sich genommen hat, soll ihn doch bitte ersetzen!“
Abwaschen von Fremdgeschirr – Hinweis beim Aufeinandertreffen in der Küche, das müsse ja nun nicht sein und man solle das doch in Zukunft bitte unterlassen.
Als der Wasserkocher dann irgendwann aufgab, verwaiste die Küche zunehmends und die zehn sorgsam beschrifteten Milchpackungen im Kühlschrank wurden eine nach der anderen sauer. Obacht, Falle, jetzt bloß nicht den Kapitalfehler begehen, anderer Leute verwesende Lebensmittel wegzuschmeißen!

Ich teile meinen Tee weiterhin, ob offen, gebeutelt, oder gar schon aufgebrüht gern, auch wenn der ein oder andere Horizont zum Schlürfen neigt und ich das eher eklig finde.