Geschwister

Auch in der Gesellschaft deutscher Lichtbildner: habent sua fata libelli

„Habent sua fata libelli“ schrieb Terentianus Maurus einst zwischen viele andere Worte in ein Lehrgedicht, heute wird er, wie hier auch, aus seinem Zusammenhang gerissen, gern zitiert.
Sie mag Sätze, in die jeder so viel hineininterpretieren kann, so viel, dass es immer stimmt und so viel auch, dass er sich ganz erhaben vorkommt. Stiller Mitwisser eines Codes, der das Leben erklärt. Meist kann man sie nicht so leicht widerlegen, zu pauschal ihre Aussage, ihr Urteil. Wer will denn schon bestreiten, dass Bücher ein Schicksal haben? Eben. Und aufladen kann man es, dieses Schicksal, dramatisch, melodramatisch, kryptisch gar. Sie verabscheut Willkür.

Heute floh sie dann auch aus der schicksalsträchtigen Welt der Bücher in das oberflächlich buntbekleckste Universum der Bilder. Hoffte Ruhe zu finden, inwendig vor allem, einen Ausguck gar aus Zeilenschlünden und Buchstabenmysterien, in großflächige, flachbrüstige Medusen. Sie wurde enttäuscht, das aufgestöberte Universum der dritten Etage, war zwar weitgehend frei von Buchstaben, aber leider schwarzweiß. Es begegnen ihr dafür mindestens zwei Männer, zwei Leben, zwei Schicksale auch, im mittleren Raum hinten rechts. Dort standen sie wohl schon ein ganzes Weilchen, als sie den Raum schließlich betrat, fast eingeschüchtert durch die überall herrschende Ruhe. Der eine unsichtbar im Bild, der andere eher omnipräsent, fielen sie ihr somit durch den Dialog, den sie miteinander führten, auf. Textfrei, aber umso einprägsamer jenseits von Zeilentreue, anbiederndem Floskeltum und Absatzentrückungen.
Was sprachlich von dieser Begegnung zu vermitteln bleibt, ist somit ersteinmal nicht viel; Jahrgang 1924 und Jahrgang 1942 der andere, besteht die Verbindung zwischen ihnen in einem schwarzgekleideten Wagen, Christo (?), oder besser dem Bild davon: Robert Häusser und Jochen Rindt.

Und dann ist es doch die Bibliothek, in der ich sie wiederfinde, die Hände zwischen Buchdeckel gepresst, vereinzelte Finger als Wachposten auf fernliegende Seiten abkommandiert: Um ja keinen Satz zu verpassen, er könnte die Erklärung ja bergen. Wieder der Versuchung erlegen, sich statt auf die Geschichten selbst einzulassen, den Beipackzettel zu konsultieren
Hastig fliegen ihre Augen über die Seiten, vorbei an den Bildern, die allesamt viel zu beredt wären, würde ihr Auge in ihrer Mitte zur Ruhe kommen und Aufmerksamkeit schenken. Das wäre nicht nur fatal. So werden allein stehende Sätze gesucht, meist gar mit doppeltem Abstand vom restlichen Text getrennt, kursiv gestellt oder in Anführungszeichen gesetzt, oft rechtsbündig ihre Einsamkeit noch unterstreichend. Und sie schlingt sie unverdaut hinunter, das linke Auge immer schon eine Seite weiter. Auch wieder schade drum, denke ich, heute irgendwie keinen konsistenten Standpunkt findend.

Die kleinen stillen Dinge zogen mich an. Stand da zum Beispiel, Oder: Sehen lernen entwickelt das Bewusstsein. Beide von Robert Häusser.

Gelage

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten

Für Herrn Engraver

Vorbei an gestylten Currywürsten, an undefinierbar farblosen Gewebeproben und in Brandtzwiebäcken versunkenen Gestalten schieben wir uns zu den Bulldozerwelpen und Leuchtreklamezicken. Uncharmant flüstert Dir der Bucklige einen Schwall unsortierter Zischlaute ins Ohr: Du mögest Ihn nicht so lose über den Arm geworfen mit Dir herumtragen, über die Schulter geworfen sei das Mitsichführen hingegen erlaubt ebenso wie das Inanspruchnehmen kostenloser Krippendienste. Er lächelt seine spröden Lippenfetzen durchdringend, Eitelkeit ist ihm offensichtlich unbekannt, nicht weniger als fremder oder eigener Ungehorsam. Und so nicken wir nach außen dem Ernst der Situation genüge tuend, innerlich blutwurstende Rache schwörend. Der nächste Raum legt Dir einen Schatten zu Füßen, den Du unbemerkt fast hastig durchschreitest, dem Kleingedruckten sorgsam ausweichend. Aus der Wand links von uns ragen kopflose Hörer, deren Stimmen der schwarzweißen Diva Leben einhauchen sollten. Uns machen sie die Kehle trocken, den Blick müde und die Beine zu Staub. Einknickend fragt mich mein Nachfolger nach Deinem Namen, die Entschuldigung für seine Unwissenheit gleich mitgelächelt. Ich raune ihm Unsägliches ins Ohr, seinem Knie den entscheidenden Stoß gen Raummitte gebend, dort stünde die Couch, samt Kissen an dem zu horchen ich ihm riete. Er jedoch möchte aufrecht bleiben, standhaft, und versagt mir gar Undankbarkeit, dabei verachte ich Demut in Einstellungsgesprächen. Unser aller Rausschmiss droht über allem und wenn da nicht die Treppenhäuser wären, die Raum um Raum verbinden, mitunter mühsam zu erklimmen, immer aber durch pure Anwesenheit glänzend, ich wüsste nicht wie die Räume zu erreichen, an deren Fenstern ich mir die Nase letzten Winter plattdrückte.
Du lächelst meine Hand ergreifend, als wir den vermeintlich vorletzten betreten und angesichts des Andrangs den Platz nahe dem Blumenbukett, unter dem gläsernen Lüster, ansteuern. Eine Sitzplatzgarantie wäre lieb gemeint aber unangebracht gewesen lache ich, mein Päckchen schnürend.