Gerede

Small Talk

Sie lachen auch noch freundlich als ich Sie bereits bei der Begrüßung unabsichtlich doch ebenso unverzeihlich übergehe, als mitgereistes Anhängsel nur betrachte, und machen mich schmunzelnd und nach ihrer Mappe greifend darauf aufmerksam. Schon da hätte ich einen guten Grund gehabt, meine Wangen anzuröten. Wir verlieren uns aus den Augen und ich werde mich später erinnern, dass wir bereits telefoniert hatten und dass ich mir den Körper zur Stimme um Jahre älter, gesetzter und distinguierter vorgestellt hatte.
Den Dialekt, den Sie sprechen, mag ich nicht, aber Ihnen wird er verziehen. Nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, aufgrund der Farbe Ihrer Augen, die kenne ich nicht einmal, vielmehr aufgrund des zu fehlen begonnen habenden Haupthaars. Sagen Sie es nicht weiter, bitte.

Die anderen Teilnehmer drängen sich mittlerweile um und zwischen uns und erst viel später werde ich mir Ihren Vortrag kopieren. Sie lachen selbst während ihrer Präsentation, ohne dadurch Autorität zu verlieren, das beneide ich sehr. Ich hoffe, Sie merken es nicht. Sie sind hier sehr gefragt, vielleicht etwas weniger als anderes noch, und gesellig und wir treffen uns oft am Buffet, tagsüber zum Kaffee meistens aber dann auch abends, als der Tisch sich fast biegt unter den Braten und Salaten, den Schüsseln und Platten, gefüllt mit obszön leckeren Cremes. Danach wird noch Wein und Kaffee gereicht, nur weit nach Mitternacht hilft das unserer Verdauung auch schon nicht mehr weiter. Ich verliere Sie aus den Augen.
Der nächste Tag wird dementsprechend hart für uns alle und ich lächle die verschlafenen Blicke hinweg, die eigenen ebenso wie die der anderen. Morgens bleibt der Raum leer und Sie sitzen zufällig nur unweit entfernt, so dass mein raumprüfender Blick auf Ihre Füße fällt, die gerade im Umzug begriffen. So trägt der linke noch den Sportschuh, während der rechte bereits in helles Leder gehüllt. Ich wende mich ab um zu grinsen und als ich einen erneuten Blick wage, sind beide Füße beledert und die Sportschuhe hinter Tchibo-Plastik verborgen.
Sie hatten verschlafen, werden Sie mir nachher gestehen, und deshalb nur wenige Minuten heute morgen. Ein Grund mehr, Sie zu mögen.

Nach dem Finale, das weniger furios als erwartet ausfällt – die Erkenntnisse blieben überschaubar -, gehören Sie zu der Runde, die noch semiprofessionell Biertrinken geht. Ich erfahre mehr von Ihnen und Ihren Forschungen, die Sie um die ganze Welt treiben. Ich erfahre nicht nur Ihr Alter und Ihren beruflichen Werdegang, nein, während Sie mit Ihren Abenteuern den Tisch unterhalten, verraten Sie mir nebenbei noch Ihr Lächeln und Ihre Begeisterung für Ironie und Understatement. Fünf Minuten vor dem allgemeinen Aufbruch dann doch noch die erste Berührung, Ihre Hand auf meiner, Blickkontakt: Das „Sie“ nerve Sie nun doch und ob wir nicht Du zueinander sagen wollten.

Gelage

Rara

Neun plus zwei Stühle, vier Dreifachstecker, zwei Computer, eine Milchglasscheibe und unzählige Schaumstoffecken und Zettelkästen. Das alles hinter einer Tür aus dunkelgrauem Stahl, so schwer dass er sie nur mit beiden Armen ziehend öffnen kann. Beim Eintritt des Neulings heben sich die Köpfe der Insassen, die nicht völlig vertieft in ihre Aufgabe. Aus dem Halbdunkel begegnen ihm fragende bis genervte Blicke, die ihn zu Boden schauen lassen, bis die Tür krachend hinter ihm ins Schloss fällt. Gerunzelte Stirnen quittieren diese Unachtsamkeit umgehend.
Die blauen Zettel fokussierend wagt er sich schließlich 3 weitere Schritte in den Raum, der damit schon zu Hälfte durchschritten. Schließlich hat er einen Auftrag zu erledigen, einen nicht unwichtigen, vor allem aber einen dringenden. Doch die Zeit geht hinter der Stahltür anders, von Moderne spricht man hier besser nicht, schon Farben jenseits der Grau-Braun-Töne sind hier verdächtig. Wohlweislich hat er eine Garde Bleistifte mitgebracht, Kugelschreiber sind hier verpönt, er erinnerte sich, und so notiert er in schwer leserlichem Hellgrau auf Blau seine Wünsche in dreifacher Ausfertigung, legt seine Identitätsnachweise bei und schiebt den Stapel möglichst lautlos der Wärterin ins Blickfeld.
Die Blicke im Rücken verharren im unteren Bereich seines Kreuzes, ein Fehler von ihm und sie würden vor Wonne vibrieren, doch die Wärterin nickt nach eingehender Prüfung seiner Schriftstücke gnädig, erhebt sich eine halbe Drehung von ihm weg vollziehend und ihm so mit ihrem massigen Rücken den Blick versperrend. Er wagt kaum mehr zu atmen, schließt für einen Moment die Augen.
Quietschen und Scharren, solchermaßen noch verstärkt in ihrer Wirkung auf ihn, zeigen das erfolgreiche Öffnen des Tresors an. Stille. Er öffnet die Augen genau in dem Augenblick, als ihm die Wärterin das Gewünschte aus sicherer Distanz zeigt, übergeben wird sie es ihm erst drei Unterschriften und einen warnenden Blick später. Lächeln darf er jetzt schon. Und dreieinhalb Minuten später ist er einer von ihnen, ein Insasse, der Neuankömmlinge mindestens kritisch beäugt. Auch einer der legitimiert einen der Stühle besetzen, der bei jeder Bewegung, jedem Laut im Raum lautlos stöhnend seufzen darf. Nur immer noch keiner, dem der Zugang auf die Tribüne gestattet wäre.