Gelüste

und sie skizzierte einen mann…

… rötel auf bütten … kratzend … schatten für schatten … mulde für mulde … schemenhaft … langsam den stift über das papier gleiten lassend … diesem mit den augen folgend … zuweilen zögernd … die finger schon rotverschmiert … mit den verfärbten fingerkuppen die harten linien verwischen … die konturen weicher machen … sinnend aus dem fenster und dem regen beim tropfen zuguckend …

… das licht fällt nun gräulich gefiltert … durch die ungeputzten scheiben … graumeliert … tiefere schatten werfend … den pinsel befeuchtet verdunkelt sein strich die flächen … der mann wird tiefer … erhält geheimnisse … falten … zeitspuren inner- wie äusserlich …

… zeit für farbakzente … sparsam … frech heraushebend was er lieber geheimhalten würde … die zuckenden mundwinkel … der blitzende schalk südöstlich der pupille … das linkische angewinkeltsein des rechten knies … sie malte ihr ich im du … ihr spiegelbild in seine iris, im halbschatten des oberlids … sie malte den mittlerweile getrockneten schlammspritzer auf seinem jeansumgebenen oberschenkel … ocker … einen hauch sienna … sie malte die sehnsucht seiner achselhöhlen von ihr beatmet zu werden … in purpur … und sie ließ nicht einen traum im abseits der von lachenden kindern lebte … zitronengelb unter der hutkrempe …
… sie gibt seiner nase die möglichkeit vor begehren zu halluzinieren und die nüstern zu weiten … rosé … sie färbte seine fußsohlen wüstensandwarm vor fernweh … und stellte seine füße bloß auf fruchtigfeuchtem erdreich … schwarzbraun … (den füßen gegenüber stellte sie ihr heimweh nach schweizer schokolade) …

… über das nunmehr lebendige blatt papier streicht der pinsel in den ersten morgenstunden noch … farbschicht um farbschicht verdichtend … firnis aufziehend … und mit ihr eine welle der neugier, ihr werk überflutend, in frage stellend … den boden auflockernd … für die pflanze mensch.

Gelage

Obelix & Co.

„Wildschweingulasch!“ entscheidet Oma als erste, während die anderen Familienmitglieder noch in der Karte versunken den Versprechungen der Menüs lauschen und nur zwischen den Zeilen hastig den Speichel notdürftig wieder in die Mundhöhle zurücksaugen. Oma wird ihre allzu schnelle Wahl später noch bereuen und das nicht nur die am Tisch sitzenden Familienangehörige, sondern ebenso die Gäste am Nachbartisch wie auch die mittelalte Kellnerin, die an diesem Abend nicht in Bestform war, wissen lassen: „Zäh wie Leder!“ stößt sie beim ersten Bissen hervor, den sie angekaut wieder zurück auf den Teller spuckt und mit der Gabel an die Seite schiebt, „War wohl ne alte Sau!“

Die Umsitzenden lächeln angestrengt milde, während der Opa ersteinmal das Grappa-Sortiment unter die Lupe nimmt und sich dann doch für einen heimischen Zwetschge entscheidet, der sei ihm noch so gut in Erinnerung. Und als das Glas von der Kellnerin schwungvoll begossen, bittet er den 12jährigen Enkel Probe zu nippen, worauf der Vater des Enkels erwartungsgemäß empört aufbegehrt. Er trinkt, dem Opa seiner Meinung nach, allerdings das falsche Bier, und ist somit nicht ernst zu nehmen. Den Enkel freut’s, er wagt einen Blick ins Glas des Ahnen. Es bleibt ein kurzer Blick, fast ein Zwinkern nur, dann gewinnen die Pommes an Cordon Bleu wieder an Faszination, die sie für eine ganze Weile auch behalten.

Der Rest ist Zanderfilet und Coupe Danmark und zwischen den Erwachsenen Gespräche, die so absurd, dass Brillen beschlagen und Füße unruhig um Auslauf bitten. Die Oma referiert noch übers alte Testament, der Opa versteht Empathie und setzt zu einem Monolog über sein neues psychologisches Wörterbuch an. Da kann die Oma einhaken, allerdings mit diametral konträr angesiedelter Meinung. Das Hörgerät funktioniert nur links, die eigene Meinung steht dafür robuster als jeder Gallier, wenn auch zu einem anderen Thema.
Die übrigen versuchen sich in Nicken und beifälligem Gemurmel und die Kellnerin vergisst gar ein Gericht komplett, ein anderes verdreht sie ineinander, so dass das Sauerkraut beim Rotbarsch auf dem Teller landet. Das Familienhaupt bleibt gnädig und lässt sich mit 45iger Zwetschge bestechen. Die Fleischbrocken auf Omas Teller werden und werden nicht weniger, und das nicht weil zu zäh, sondern eher weil zu zahlreich und nach und nach wird jedes Familienmitglied aufgefordert, sie doch bitte beim Verzehr des Ebers zu unterstützen. Verweigerung ist unakzeptabel und wird umgehend mit Schimpfkanonaden geahndet. „Sonst helft ihr mir auch immer.“ Das ist gelogen, wie sie weiß, und so untermalt sie es mit theatralischem Schluchzen.
Der Rotwein tröstet sie nur temporär, aber die Aussicht auf mindestens zwei Löffel Mousse au Chocolat, ermöglichen der Kellnerin das Abräumen des kalten verzehrresistenten und vom Rest der Familie verschmäht gebliebenen Wildschweins.