Gedanken

Kummer mit Aussicht

Reispapiern möge meine Haut binnen Minuten zu Segeln werden. Poren teerend, aus dem unverdienten Weiß ein ehrliches Schwarz werden lassen, ewiges Pech verkündend. Malerisch tragisch möge jeder Augenblick hereinbrechen über den Leib, über die Sehnsucht ein Mensch zu werden. Die Lächerlichkeit nehmend, am Leben gescheitert zu sein.

Oh Pathos ich hör Dir trapsen, doch Du trapst zu langsam. Dies eine Mal bin ich schneller, lasse ich mir nicht das letzte Wort, lasse mir nichts als die leibliche Hülle, die ich all die Jahre vergeblich geschändet: Sie wird doch das Letzte sein, das von mir bleibt. Sie und nicht etwa manikürte Gedanken, sie allein bar aller inneren Werte.

Leise und doch ohrenbetäubend, zumindest aber mich betäubend, des Bewusstseins berauben. Den Ruhepuls der Nullstelle entgegentreiben, der Sprache die Stimme, dem Ohr das Gehör und dem Hirn seine Zellen stehlend. Hufnageldick mindestens.

Vor allem eindeutig aber müsste es sein, nichts halbherziges, zögerliches endlich mehr. Jung, dynamisch, erfolgreich. Nicht der Versuchung eines Adieu erliegen und vorher überflüssiges Gewicht loswerden, damit es die Träger nicht unnötig schwer haben. Ebenso das Who-is-who ausdünnen, zwielichtige Gestalten daraus entfernen, und die Adressen der Einzelnen leicht zugänglich und in Druckbuchstaben verwahren.

Vielleicht sollte man aber auch einfach häufiger nach Patagonien reisen. Reisen vergrößert die Chance auf Ankünfte ungemein. Es sättigt Sehnsüchte, verzärtelt Rastlosigkeiten und entwendet der Leere geflissentlich die Aufenthaltsgenehmigung. Nur vorübergehend, schließlich zahlt das Heimweh gut für das Papierchen, sei es nun aus Reis oder Holz.

Gelüste

Bonjour Duchenne

Öfter mal das Ego kitzeln, dachte er sich kurz bevor er lächelte, bevor er zum lächeln ansetzte, als seine Augen also sein Gegenüber fokussierten, sein Körper allerdings schon im Wegdrehen begriffen war. Links, Richtung Radkappe um genau zu sein. Warum sein Vorhaben ihn sich krümmen ließ, konnte er so direkt nicht begründen, dass es so war, allerdings, bedrückte ihn. Auch war er nicht zufrieden mit der Ausführung seines Lächelns, viel zu verkrampft, zu bewusst, viel zu gezwungen. Ihm war das noch vor ihm liegende Trainingsaufkommen, bis er seinen Lippen einen dieser mit Leichtigkeit fließenden, verführerischen Halbmonde entlocken können würde, wohl bewusst.

Dass diese Krümmung allerdings so vehement und dabei seinen gesamten Körper umfassend ausfallen würde, so dass es ihm unmöglich wurde, sein Lächeln und dessen Wirkung auf sein Gegenüber zu verfolgen, verärgerte ihn zusehends. Er hatte ja nicht nur den Adressaten für diesen Prototypen seines Lächelns, sondern auch Zeitpunkt, Umgebung und Licht-, sowie Tonverhältnisse sorgsam ausgewählt und auch sämtliche für ein vollständiges Lächeln notwendige Muskelkontraktionen übenderweise wieder und wieder vollzogen, so dass er, als er schließlich Auge in Auge mit der Radkappe stand, den Fluch schon ausspruchbereit auf der Zunge trug.

Es war eine, weitgereiste und dementsprechend verdreckt-verbeulte, oft getretene Radkappe die seinem Blick da standhalten musste und sie tat es stoisch, ganz und gar im Einklang mit dem sie umschlingenden Winterreifen, der nur minimal auswärts gedreht. Ihre Gelassenheit, ihr offener und so gar nicht eingeschüchterter Blick hätte ihn andernorts beeindruckt, hier aber und in Vergegenwärtigung seiner Verkrümmung, machte sie ihm seine Wankelmütigkeit, seine Manipulierbarkeit nur allzu deutlich bewusst, machte ihn unangenehm klein. Der Fluch machte auf dem Absatz kehrt, verstaubte unausgesprochen auf seiner Unterlippe und ließ eine körperlich fühlbare Sprachlosigkeit zurück, die ausgehend von seiner Rachenhöhle bald seine Luftröhre, seinen Bauch und dann auch den Arme und Beine bevölkerte. Zumindest die linksseitigen, die rechtsseitig angeordneten Körperteile befanden sich aufgrund der Krümmung nicht in der Lage Sprachlosigkeiten, und seien diese noch so dringlich, aufnehmen zu können und flüchteten sich in einen lähmenden Krampf.

Er spürte das krampfende Zucken in die linke Körperhälfte ausstrahlen, schließlich war er seit Urzeiten darauf geeicht, die Signale seines Körpers zu achten, auch die leisesten, und jederzeit im Stande aktuelle Tätigkeiten zu unterbrechen, um den signalisierten Nöten seines Körpers ein Ohr und auch den restlichen Körper zur Verfügung zu stellen. Auf sich hören, hieß das, den eigenen Bedürfnissen Priorität einzuräumen und dabei auch den Körper und dessen Sprache ernst zu nehmen. Es hatte Jahre des Trainings bedurft, ihn so weit zu bringen, angefangen von der Anordnung der Mahlzeiten entsprechend den Morsezeichen seines Magens bis hin zu einer Schrittfolge, die nicht länger Indikator seiner Eile sondern vielmehr Ausdruck seines inneren Bewegungsrhythmus’ war.

Und dann entrutschte ihm doch ein Lächeln, eines das keines mehr sein wollte, eines, das nicht einmal mehr gewollt war. Vielmehr eines, das dreist und unbedacht die die Gunst der unbeobachteten Unterlippe nutzte, um der linken Radkappe des noch vor gar nicht allzu langer Zeit unter Fluchen am Straßenrand eingeparkten Wagens, nachmittags so gegen viertel vor drei, den Feierabend zu versüßen.