Geschwister

Bruder in Zeiten der Cholera

Kernzeitverletztend den Capuccino unterwegs süffelnd, rennen wir um ein Leben, das uns nie gehörte. Du lachst atemlos als Du, in der Eile den Blick zurückgewandt, die Laterne streifst und wirfst noch im Fallen Handküsse gen Backstagebereich. Der Wolken Saum riecht wohl etwas streng und Dein Blick beginnt kurz zu flattern. Die Zeit für Rücksicht fehlte heute eindeutig und so bleibt es auch bei einer hilfesignalisierenden Geste, dann müssen wir weiter. Hasten und Jahre ansammeln, als gebe es Payback drauf.
Dass Dir die Luft langsam knapp wird, merk ich am Erröten Deiner Wangen, dass das Wasser Dir allerdings mittlerweile bis unter den Hals gestiegen ist, verbirgst Du bis zuletzt gekonnt. Ich hätte Dir gerne Flügel geliehen, auch einen Baumstamm untergeschoben und sogar Schwimmunterricht bezahlt. Du hättest vermutlich die Flügel theatralisch gespreizt, Autogramme in die Rinde geschnitzt und den Schwimmunterricht schon im Vorhinein als lächerlich abgetan, hättest Du mich überhaupt die Hand ausstrecken lassen.
Auch Brüder haben Geheimnisse voreinander, vielleicht gerade Brüder, auch wenn wir die meisten teilten. Dein Blut kocht in mir hoch, wenn Du wütend wirst und Du lachst, wenn ich einen Witz erzählt bekomme. Wenn sie unser Lied spielen, meist gegen drei Uhr früh, tanzen wir unter der Neonröhre mit jeweils einem lachenden und einem weinenden Fuß.
Dein Scheitel liegt auch beim Tanzen rechts, während meiner von Mitte nach links rutscht, man sieht uns nicht an, dass wir Brüder sind. Kaum einer weiß es mit Sicherheit, manche mögen es ahnen. Es liegen Äonen zwischen uns und oft auch Kontinente, wir haben nie zusammen gefrühstückt. Aber Winnetou wäre stolz auf uns gewesen.

Gedanken

60 Stunden

60 Stunden bekommt man verschrieben, wenn man auf einmal nicht mehr sehen kann. 60 Stunden um den Umgang mit dem Stock zu lernen, das gleichmäßige Schwenken, das Halbkreise auf den Boden vor sich zeichnen. 60 Stunden um das Gewicht und den Rhythmus halten zu lernen. 60 Stunden um wieder verkehrstauglich zu werden.
Als Bonusmaterial gibt es eine Leuchtdiode, einem Fahrradrücklicht nicht unähnlich, die man sich an die Brust pappt um auch im Dunkeln gesehen zu werden, raffinierterweise mit einem Zippo ausgestattet, an den man den Stock vorübergehend einklinken kann, wenn beide Hände benötigt werden. Beim Zahlen an der Kasse beispielsweise. Und für den Stock ein rundes und ein spitzes Endstück, alle zwei Monate muss es sowieso wegen Verschleiß ausgetauscht werden. Der schwarzgepunktete gelbe Anstecker gehört serienmäßig in dreierlei Ausführung dazu.

60 Stunden, auch wenn es schwierig wird die Zeit zu lesen. Eine Alternative bieten zeitansagende Armbanduhren, etwas diskreter die Variante zum Aufklappen mit braille-technisch abtastbarer Zeitangabe. So gar nichts für Fashion-Victims und zarte Armgelenke sind jedenfalls die grellbunten Exemplare mit bierdeckelgroßem Ziffernblatt. Obwohl Farbe wichtig wird, wenn das Augenlicht abnimmt und so transparente Glasgefäße nicht mehr wahrnehmbar. Aber in Zeiten von IKEA hat man ja große Auswahl an Buntglasgefäßen jenseits des Kristallglases, so dass das unvermeidliche Zerschmeißen trotz Signalfarbe nicht gleich den Bankrott nach sich zieht. Teetrinken, und auch Kaltgetränke in Zukunft aus Tassen trinken sind weitere bedenkenswerte Möglichkeiten.

60 Stunden, wenn Fernsehen zum Radio verkommt, wenn Zugfenster nur mehr Schlieren beheimaten und Bücher keine Freunde mehr werden können. Wenn Mitmenschen zu lärmproduzierenden Silhouetten verkommen, die oft wohlmeinend stützen wollen und sich dann scheiternd abwenden. 60 Stunden, wenn die Tage mit Unsichtbaren gefüllt werden wollen, Freunde zu Helfern verkommen und wenn Teelichter nur mehr Wärme aber kein Licht spenden. Die Schokolade schmeckt noch wie im Vorjahr, zeitlos gut nämlich, die Eisblumen hingegen werden unbemerkt blühen.