Gelage

sei buch mir

sei buch mir in diesen stunden vor dem einschlafen, mit kapitelbändchen und goldschnitt. sei buch mir ohne siegel, aber mit der kraft, mich qua wortwogen über sieben ozeane zu tragen und in der vorgefundenen welt sofort heimisch zu fühlen. sei buch mir, verschlossen auf dem nachttisch wartend, mit übereinandergeschlagenen seiten, als könntest du kein wässerchen trüben.
sei buch mir, roman, saga, odyssee, mich seite für seite vom einschlafen abhaltend mit nichts als ein paar zarten lettern auf nackter haut. sei buch mir, immer noch ein kapitel parat haltend, in das ich mich flüchten kann, wie unter die decke, mit zwei kugeln vanilleeis. sei buch mir, mit vorbemerkungen und klappentext, wenn ich zwei starke rücken zwischen mir und der welt brauchen kann und nicht weiss, auf welche seite mich schlagen.
sei buch mir und verrat mich nicht, wenn ich mich zwischen deine absätze schmiege und manche seite nicht umblättern mag, weil ich mich so zu hause fühle in deinen gedanken. sei buch mir und nicht böse, wenn ich gierig tiefer in deinen leib tauche, seite für seite weiterblättere, um endlich zu verstehen, wer du bist, mir sein kannst in diesen stunden, die nur uns gehören. sei buch mir, unendliche geschichte, fortsetzungsroman, enzyklopädie, die unvollendete, lyrikbändchen, so zart beseitet wie ergreifend.
bleib buch mir, unverfilmt.

Geliebte

eine nacht zu viel

eine nacht zu viel, plötzlich überflüssig geworden, nicht im kalender verzeichnet. zur freien verfügung damit. zu verschenken, zu verschwenden, an dich, an die stadt. eine nacht, bei der nicht auffällt, wenn nicht geschlafen wurde. eine, die einem in die hände fällt, unversehens, die man teilen möchte, feiern, nicht unbedingt allein. eine, die man auskosten möchte, der man sich hingeben, die man sich verdienen möchte. so, als wäre das möglich. gedankenspielerei.

zwei, drei flaschen vom guten roten, das backgammonspiel, dich und eine meile strand. der mond hätte dienst, die wellen nachtschicht und wir mut im übermaß. von diesem unwiderstehlich trotzigen, der die naturgesetze en passant schachmatt setzt und uns mit einer leichtigkeit versieht, die den morgen wider willen vor der zeit erröten lassen.

gut siehst du aus. das hatte ich schon bei tageslicht genossen; die nacht entblößt deine wetterseite dazu, die raue mit den kerben, die du sonst eher versteckst. an die ich mich jetzt rantasten darf und die sich unter meinen fingerbeeren räkeln, anschmiegsam bis zum knöchel.

der morgen ist uns gnädig, lässt der dämmerung leine und uns spiel. einmal noch augen zu – augen auf, und du bist immer noch da. einmal noch flüsternd heere heimlichkeiten austauschen, lippe an ohr, und wimpern zählen, solange keiner mitrechnet.

und plötzlich statt wimpern die minuten bis die zeit wiedereinsetzt, der raum seine funktion zurückfordert und du deine rolle.