Gelüste

Rückwege und Hingabe

Anne Seubert: Wortlaute @ Museum Lehmbruck

beug dich über mich hinweg in ein grau, das dein fenster trübt und meine tür öffnet: sei spielbein und wundertüte, risikoummantelt und wutbefreit, sei würde und grazie und allerei rund. rege dich nicht, halte den spalt in der hand, die dich trägt durch diesen moment, dem du habhaft werden möchtest, ohne die zukunft aus den augen zu verlieren. rücke zurecht was dir mut macht und aus dem weg was dich hemmt, blicke tiefer, als das dekollete erlaubt und lass die hände aus den taschen, es ist knöchelfreie zeit, es ist das, was gestern noch wut war heute schon anmut und leckerbissen.

hinweg begib dich und gib dich hin. dem weg, der gabelung, der weisung aber geh aus dem weg und aus dir heraus, in ein museum stell dich, lass dich sehen, ansehen, aussähen und ernten und heimlich in hosentaschen schmuggeln, zwischen fingern, die schweissnass vor beutestolz. sei beute und jäger und wasserwage und brett, sei stein und meissel und schmeichel mit stimmen, die dir den gaumen wässrig und das herz balsamico-lüstern beben machen. sei frau in der hüfte und mann zwischen den knien, sei großherzog und waisenkind, immer eine identität mehr auf den lippen, bereit sich beim nächsten kuss zu bekennen.

rück den schatten ins aus und das licht auf halde, geb acht und alle neune drei stockwerke tiefer als erlaubt, die treppe nehmend oder den paternoster aber nie den lift. drück ab und zu mal auf abstand, die nähe um den kleinen finger wickelten, bereit loszulassen, wenn du das zittern nicht mehr spürst und meine hand zwischen deine finger gefunden hat, leg dich nieder, dar, ab und das lied auf, das dich auch im liegen tanzen lässt, die schulterblätter voran, nie den takt aus den augen verlierend und erst im letzten viertel die flasche öffnend, die den abend inne- und dich im visier.

 

Gegenwart

Aus der Stille entspringt ein Fluss

Die Türen dicht gemacht, das Buch geschlossen. Zeit, das Wasser in meinen Ohren zum Kochen zu bringen, das Du im Ich entkleiden. Nackt mir gegenüber ehrlich sein – ohne Spiegel, ohne Backgroundchor. Viel Haut, viel Moment. Dem eigenen Weg beim Bretter bohren zuschauen. Ekel auch. Und: Viel Sehnsucht. Viel Bedarf. Viele Wunder. Lust auf Nähe und Berührung, Zehren nach Gespräch und Augen. Blickleitsysteme erschaffen wollen und gleichzeitig in die Knie gehen. Auf die Knie. Augenhöhe plötzlich meiden. Veranstaltungen mit mehr als einer Person.

Ruhe. Fokus. Mahlzeiten mit mehreren Gängen und Schritte in eine gemeinsame Richtung. Anlanden. Mehr Raum. Mehr Worte übrig auch. Mehr ich als ihr. Weniger Bilder. Weniger Fragen. Mehr Käse, mehr Nüsse, mehr Stifte. Papier und Pistazien, Konsumgelüste. Schlaf. Spiegel. Geschenke. Aufmerksamkeit auf den einen oder anderen. Hände. Recherche. Konzerte. Küsse. Griffe. Blicke. Blumen. Neue Stühle. Und ein Vorhang.