Gelüste

Noch eine Runde Schweben


Dein Schweigen hat ein Auge auf mich geworfen, füßelt heimlich mit meinem Lächeln, prüft seine Wirkung, während ich mit dem Leben flirte. Ich rede, träume, gestikuliere, zu laut und zu leise, zu raumgreifend und zu flatterhaft vor allem, um deinem Schweigen Einhalt gebieten zu können oder einen Schoß.

Mein Leben genießt die Aufmerksamkeit, hat Fahrt aufgenommen, will noch eine Runde und noch eine, schneller, höher, tiefer. Will die Nacht und den Tag, den Morgen und die Erschöpfung, den Anfang und ja kein Ende. Will den Moment und zwar jeden, ausbuchstabiert und in koketten Lettern auf den Leib geschrieben, will den Wankelmut und die Dekadenz, die Frechheit und den Schnaps auf’s Haus. Will nach Hause gebracht werden und über Nacht bleiben, will die Ruhe vor dem Sturm und den Sturm selbst, den Nachtisch zuerst, aber die Vorspeise bitte auch. Will den Blick und die Berührung, die Rente und alle Boni bar auf die Hand.

Dein Schweigen hat angefangen, Briefe zu schreiben, vorzugsweise nachts in altehrwürdiger Tinte auf Büttenpapier, fast meine ich das Kratzen der Feder zu hören, wenn ich den Buchstaben über das Papier in die Worte folge, die du für uns gemalt hast. Es lässt die Seiten aus, verführt mich in knietiefe doch stumme Fußnoten, lässt Stille wie ein Kapitelband neue Anfänge finden und knüpft ein Ende, das seinen Leser längst gefunden hat. Es kann schwimmen, weisst du das, und die Welt aus den Angeln heben?

Gelage

übrig, was auf der strecke bleibt: der weg

lang gemacht hat er sich, der weg, den ich gegangen sein wollte. die ankunft verzögert sich, das wort lädelt noch, sucht satzzeichen, nestelt im necessaire, lächelt verschämt, fragt doch nicht nach dem sondern steht im weg. dem weg, den ich gehen will, der da liegt, als hätte er die zukunft gepachtet, dabei ist doch alles nebel und morgenrots güldener schweif. nichts sein lautet die ungestellte frage oder auch nichts sein dürfen, weil alles schon war oder doch zumindest im werden begriffen, als begreife jemand, was ein wort will, das ausgesprochen schon so fremd wie der atem, der in deinen statt meinen lungen sich tummelt, ausgeleiert weil second hand.

selten wagt es einer den morgen an die hand zu nehmen und in den tag zu geleiten, der sich breit macht, während die dunkelheit sich trollt und das wasser die mühlen des alltags zum laufen bringt. ein auge sich öffnen lassen kann dann schon zu viel der ehre sein; sehen heisst auch sichtbar werden, heisst auch aus dem niemandsland in ein ich bin jetzt wer zu treten, in mehr oder minder vollem bewusstsein: teilnehmen an dieser welt, den fragen, dem wege finden wo eben noch steppe.

den weg verstehen, als das, was übrig bleibt, wenn du los- oder weiterzeihst, als spur die du hinterlässt wenn du längst gegangen bist. wer fragt schon nach dem weg, den er gehen soll, den du gegangen bist, den du empfehlen kannst. gefragt ist das ziel, das vermeiden von umwegen, der weg als nützliches übel aber hat schlechte karten, kommt auf die streckbank und unsere ungeduld zu spüren, wenn er es übertreibt. die lobby des weges: eine kurze, eine kurvenlose, eine hinterrücks kürzende: ich bin schon da! als hätte das schnelle ankommen einen wert jenseits der zeitersparnis.

wegweiser mein, stern des südens, des abends, des glücklichen endes: ich nehme dich beim wort, der hand, wahr und für das was du bist: wegweiser gefährte auf der verschlungenen alles anderen als geraden, die punkte zu ecken macht und das hin und her zum genuss. sehnsucht gewordener navigator in einem meer aus sonnenauf- und untergängen, sirenengesängen und unmöglichkeiten. herrscher über los und ziel, ankunft und abfahrt, proviant- und pausenpauschalen, höhenmeter und abkürzungen. der weg in offene arme ist und bleibt einer der schönsten, nicht nur wegen des ziels sondern auch wegen des lächelns, das einem den weg weist noch in dunkelster nacht.