Gedanken

Ab- und Zukunft

Bei Sonnenaufgang bin ich wieder da | © Anne SeubertVon einer die auszog, uns das freuen zu lernen.

Denk ich an die Zukunft in der Nacht? Tatsächlich ähnelt unsere Beziehung mit unserer Zukunft zur Zeit eher eine 24/7-Symbiose denn einem One-Night-Stand. Aber was hat sie an sich, die Zett-Lastige, dass sie uns wachhält, auch wenn wir auf den ersten Blick nichts bei uns tragen, das sie näherkommen oder fernhalten könnte? Was lässt sie um uns kreisen, wo sie doch alle Welt haben könnte. Beginnen wir mit dem Naheliegenden.

Mañana (manˈjɑːnə/) oder morgen lieber nicht?

Zeit ist in Sachen Zukunft ein gleichsam omnipotenter wie dehnbarer Begriff. Kommendes Jahr? In 20 Jahren? Oder das Erleben zukünftiger Generationen? Oder vielleicht doch schon ab morgen? Mañana, das unbestimmte Morgen des spanisch sprechenden Weltdrittels, die damit neben dem Futur 1 (bestimmt) und dem Futur 2 (Konjunktiv) eine dritte Zukunftsform beanspruchen, auf die wir anderen ebenso neidisch wie verächtlich blicken. Das Wörterbuch übersetzt in “in the indefinite future” und fügt erläuternd hinzu: used to indicate procrastination.

Als wäre jedwede Zukunft bestimmt, als könnten wir verbindlich für immer zusagen, die Liebe, den Job, oder auch nur das Wetter. Vorhersage tönen wir vollmundig und haben doch nichts als Ahnungen im Köcher.  Da aber sind wir bestimmt, 24 Grad und leichter Sprühregen, die Zukunft wird rosig und unsere Liebe ewig halten, ungeachtet dessen, das wir noch nicht einmal offen gelegt haben worauf wir uns beziehen. Einen Ort? Einen Zeitpunkt? Einen Zeitraum?

 Talent & Zweifel

 Im Zweifel für den Angeklagten, fordert das deutsche Recht, aber wessen könnten wir unsere Zukünftige Gegenwart auch nur beschuldigen? Dass sie uns ins Bockshorn jagt immer und immer wieder ohne auch nur eine Existenz zu beanspruchen? Im Deutschen kommt die Zukunft, dass dafür auch jemand gehen muss, der weniger Talent hat, zu bleiben, bleibt dabei unausgesprochen. Aber allen Anwesenden ist klar, dass es die Gegenwart sein muss, die das Feld zu räumen hat. Diese Gegenwart, die so präsent wie flüchtig, die große oder kleine Schwester der Zukunft, immer auch beide Hände voll zu tun hat mit der spätpubertierenden Vergangenheit, der dritten im Bunde, die immer und immer wieder Hormone vortäuscht und alles durcheinander wirbelt: Den hatte ich schon im Bett! Das ist ja wohl mein Verdienst! Denk dran, ich hab dich damals erst auf die Idee gebracht!, und überhaupt: Ohne mich wärst du gar nicht hier!

Die Gegenwart tut nur so abgeklärt, das steht auf einem anderen Blatt, als Sandwich-Geschwisterkind ist sie es gewohnt, unsere Aufmerksamkeit zu teilen und eher die Rolle der Vernunft, denn die der Diva einzunehmen. Gleichzeitig weiß sie sehr wohl um ihre Bedeutung als Brücke zwischen damals und übermorgen, zwischen gestern und gleich, zwischen Steinzeit und Science Fiction, sie ist Komplizin und Spaceship zugleich. Und Seelentrösterin für den Größenwahn der einen und den Liebeskummer der anderen sowieso. Aber wer spielt welche Rolle in der Zukunft? Gibt es dann der Vergangenheiten zwei, und wie lange hält sich die Zukunft auf der Eins? Ist der Zukunft klar, wie schnell sie zur Gegenwart und nicht minder rasch zur Verflossenen aka Vergangenheit verkommen wird?

Apropos Verflossene: Wie gut sprach Dáli deutsch oder gibt es das Sprachbild für abgelegte Geliebte auch im Spanischen? 

Zukünftige & Muse

Warum sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in unserer Sprache weiblich? Ist das unsere Anspielung auf ihre Fruchtbarkeit? Ist die Zukunft in unserem Spiel ein Ziel oder ein Zwischenraum auf dem Weg zurück in die Gegenwart? Ist sie mehr ein Weg und damit Strecke denn das Ziel und somit Punkt? Auf wieviel Zukunft können wir uns einlassen? Wie genau können wir zielen?

Wer an die Zukunft denkt, kommt nicht umhin, Fragen zu stellen. Sie liegen ihr näher als Antworten, auch wenn sie damit zu kokettieren weiß. Kommt Zeit, kommt Rat, ist eine der Redewendungen, mit denen sie sich schmückt.

In Zeiten der Krise wird deutlich, dass wer die Zukunft als Komplizin gewinnen kann, gute Chancen hat, als resilient bezeichnet zu werden, weil er eben gleichzeitig mit der Gegenwart und mit der Zukunft anbändeln kann, ohne die Vergangenheit vor den Kopf zu stoßen. Wie viele Kompromisse er dafür eingehen muss, steht auf einem anderen Blatt und das ist keines, das vergilbt, sondern eines, das auf Mikrofiche in die Annalen eingehen wird: Eine Kerbe für jeden, der das Morgen und das Gestern in einem Bett zur Ruhe bringt. Eltern von Zwillingen wissen, wovon ich spreche.

Andererseits, wenn wir unsere Lieben wie die Königskinder behandeln, die sie sind, sich nur in uns begegnend und ja, tatsächlich ja auch nur durch uns für Momente zum Leben erweckt, verzeihen wir den ein oder andern Tobsuchtsanfalls aus Habgier, Eifersucht oder untröstlichem Aufmerksamkeits-Bedürfnis. Jetzt oder nie, sagt sich leicht, wenn man in der Gegenwart zu Hause, als Zukunft aber muss man sich ganz schön was einfallen lassen, um zum Zug zu kommen: Drama, Versprechungen, Happy Endings oder Apokalypse, auf den Kopf gefallen ist sie nicht, unsere Zukünftige, und weiß uns mit immer neuen Szenarien Kopf und Herz aus der Gegenwart in die Zukunft segeln zu lassen, als wäre da alles mit Perwoll gewaschen oder doch tatsächlich wahrer als jetzt.

Gott & die Welt | #roomwithaview

Ob und wer in der Zukunft an unserer Seite weilt? Who knows! Der christliche Himmel ist schließlich auch nur eine andere Form von Zukunft, zugegeben in Sachen Lebensqualität ganz schön ausgefuchst, aber ist die Sprache hier noch von Leben oder ist das der Unterschied und der Himmel hätte in seinen ewigen Jagdgründen höchstens das Recht mit Aufenthaltsqualität zu werben? Und wenn wir von Qualitäten sprechen, für wen wäre die maßgeschneidert? Gibt es einen Erste-Klasse-Himmel mit Service am Platz und Warte-Lounge? Mit Pflegepersonal und Seeblick?

Welche Ausblicke gewährt die Zukunft? Welche Götter hält sie parat? Werden wir uns einen Glauben gönnen oder wird das Wissen überhand genommen haben?  Wieviel Zeit braucht die Zukunft, um sich fertig zu machen? Kann der Vorhang auf oder ist sie noch in der Maske?  Was steht in ihrem Rider: Welches Licht, welchen Raum, welche Snacks, welche Vorband wünscht sich die Zukunft?

Ich schrieb eingangs, Fragen sind das Mauerwerk der Zukünftigen, die so unversehrt wie mürbe daher kommt. Annahmen sind ihre Komplizin. Was nehmen wir an in Zukunft, was lassen wir weg – sei nicht nur am Rande gefragt. Annahmen sind unser Proviant auf dem Weg in die Zukünfte, und gleichzeitig ihre Erbmasse. Auf ihrer Grundalge gestalten wir, denn dass die Zukunft, etwas ist, das uns geschieht ist höchstens die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte haben wir in der Hand, oder genauer: im Hirn. Gut abgehangen könnte man sagen, so viel haben wir schon darüber nachgedacht. Ready to rock! hingegen bringt nur der großzügig verteilte Ankündigungs-Flyer über die Lippen ohne rot zu werden, denn das Allermeiste liegt noch vor uns.

Zukunft auf Probe

Wieviele Zukünfte uns zur Auswahl stehen? Ob es zur Zukunft ein Konkurrenzmodell gibt? Und: Haben wir die Chance auf eine Probe-Utopie? Eine Zieh-Zukunft, von fremden Eltern herangezogen mit dem Besten der Milch oder was auch immer man in diesen Kreisen trinkt, uns zu beglücken, stolz zu machen und fruchtbar?

Zukunft im Plural denken, wird aktuell von Zukunftsforschern unterschiedlicher Expertise empfohlen. Sie erarbeiten auf Grundlage von Erfahrungen, Sehnsüchten & Ängsten, Entwicklungen & Trendprognosen, und wie angesprochen Annahmen und Fragestellungen Dimensionen von alternativen Zukünften. Im zweiten Schritt folgt die Bewertung: Wo liegen Ängste, wo Wünsche, welche Zukunft vereint größere Wahrscheinlichkeiten auf sich? Und im dritten geht es um das Ausprobieren, Machbarkeiten, Möglichkeiten der Umsetzung. Probewohnen in der Zukunft sozusagen: Was könnte wirklich Wirklichkeit werden, und was tut nur so?

Wie können wir eine Gegenwart leben, in der sich unsere Lieblingszukünftige willkommen fühlt? Welche Fähigkeiten stünden uns in Zukunft gut zu Gesicht? Welche Sprache spricht sie und mit welchem Gericht kochen wir uns in ihr Herz? Ähnlich wie in der Liebe steht viel auf dem Spiel und wir wollen alles, außer uns lächerlich machen. Im Gegenteil #futureproof hätten wir unsere Übergangsjacke gern, selten hat der Begriff so gepasst. (sic!)

Zukunftshoheiten unter sich? Eine Frage der Perspektive

Es gibt der Dimension aber durchaus noch eine andere, wie stellen wir sicher, dass wir uns in unsere eigene Zukunft verlieben, egal, wer sie schließlich ist? Und wer gestaltet sie, wer hat die Zukunftshoheit, zeigt sich doch, dass eigentlich für alle Akteure zwischen Soll und Ist ein gewaltiger Unterschied klafft.

Die Gegenwart hat ein ganz schönes Päckchen zu tragen, indem sie die Vergangenheit verarbeiten, ihre eigene Identität leben und die Zukunft ermächtigen soll. Am besten gleichzeitig und zwar sofort. Handson-Qualitäten sind gefragt, Eitelkeit ist eher fehl am Platze, aber lässt sich die Zukunft vielleicht gar nutzen, um es uns in der Gegenwart gemütlicher zu machen, die Lebensqualität zu erhöhen, etwa indem wir uns mit Zukunftszuversicht ausstatten und damit mit einer Perspektive?

Wie sehr lassen sich Zukunft und Gegenwart Hand in Hand denken und inwiweit muss wie beim Tango immer einer sich hingeben und einer verdrängen? Wer gibt den Takt an?

Vielleicht ist es tatsächlich unsere Aufgabe, die zwei als Königskinder zu vermählen, zumindest ihre Fingerspitzen immer wieder in Berührung zu bringen, auf das der ein oder andere Funke überspringt, vielleicht ja sogar schon morgen.

 

 

 

 

 

 

Gedanken

Heute spielen die Blätter mit dir

Wald und Wolken | © Anne Seubert

Die Blätter spielen mit dir, Licht und Schatten; Du tanzt, das Bier noch in der Hand, die Schüchternheit im linken Zeh, und doch, es ist das Grün, das du trägst, in Schichten und Scharten, in Spitzen und Blattnarben, es juckt dich in den Knospen zu blühen, noch zierst du dich zitternd, zwei Hände voll der Hoffnung mit Hosenträgern und einem im Arm, der dir das Wasser reicht.

Es grünen zu lassen, strotzend, labend sich vor Grün, alle Neune grün sein lassend vor Zehn und auch 11 noch, die Blattgefechte austragen zu lassen zwischen dem Hell der Saumspitzen und dem Dunkel des Efeu, der sich die Mauer einverleibt, Ranke für Ranke, als wäre das Frühstück ausgefallen und der Kaffee kalt.

Du hattest nicht einen Zeh im Wasser, doch das Wasser ist dir nicht fremd. Es fließt in der Faser deines Kleides, wölbt den Schwung deiner Braue, die du hebst, wenn die Blüten sich aufschwingen zu Sonne & Licht und du die Stimme nicht heben musst, nicht räuspern, nur einmal rauschen und das Blattwerk des letzten Monats beben machen und wir stehen stramm vor deiner Frucht: Grün wie Gott  sie schuf, dieses Grün, das uns Hoffnung und Schimmer und ewige Jagdgründe zugleich, Fuß bei Gewehr.

Licht und Schatten bekleidest du im Vorübergehen, dem Farn den großen Auftritt bereitend im Unterholz, da wo das Warme rar und das Feuchte reich an Salzen und Tönen, an Gewicht auch und an Geschmack. Grün auf der Zunge, im Kragen, am Hut, im Herze, in der Lunge und auf dem Blatt, das du umschlägst als du die Seite wechselst, Waldrand, Baby!

Der Wind, der durch die Knochen dir fährt, nimmt mit, was dir wie Moos sich in die Gelenke gelegt hatte, als die Stille zwei Minuten die Luft angehalten hatte und du Atem für zwei übrig hattest. Ein, fragst du, und ich hauche den Umlaut dir zwischen die Lippen, wie einem Kind den zu heißen Bissen.

Ich trag das Moos dir ab, das du auf dem Schultern trugst, wie einen doppelten Kragen, dein Schulterblatt geschützt vor Sturm und Stößen, vor Blicken und Frost, ich schmiege meine Wange ins Weich deiner Achseln, Wimper für Wimper in dein Dunkel führen, die Zartheit erobernd, die du nicht preisgibst, die sich nicht verzeichnen lässt, würde man sich dir kartografisch nähern.

Der Wind, der dir durch die Knochen fährt, erzählt mir von den Stellen, die meine Finger nicht fanden, als sie dein Land betraten. Er lotst mich vorbei an den Hochebenen deines Rückens, den Grat hinan, auf zu den Plateaus deiner Lenden hinter den sieben Mulden, bei den siebzehn Schrunden, die dein Becken nur freigibt, wenn du nickst, wenn du die Arme fallen lässt und den Nacken bloßlegst.

Ich mag es, mir vorzustellen, wie ich Wald wäre auf deinem Land. Wich ich Moos wäre, die dem Wetter zugewandten Flanken bergend, mich zwischen dich und den Regen stehlend, mir dich einverleiben, meine Wurzeln in dich schlagen, erst mit Blicken dich vermessen, mir Erde dich fruchtbar machen und dann ankern, da wo ich landen möchte.

Ich mag Baum sein auf deinem Land, deine Hügel erklimmen,  Buschwerk vorantreiben, Almen anlegen und einen flirrenden Birkenhain. Ich mag meine Jungbuchen unter deine Fittiche geben und eine Lichtung einräumen für dich, mich und zwei Sonnenstrahlen.  Wirbel für Wirbel den Puls des Wassers tastend, das du unter der Brust trägst, über die Schwelle und durch den Wald.

Der Bach, der sich durch deinen Wald tastest, stellst du mir vor, als wir das Lager aufschlagen, unterhalb der Biegung, die Lichtung vermutend, unter jedem Stein ein Stück Grund vermutend, das gehoben werden und zu den Akten gegeben werden möchte. Ein Zeichen weiter wartet der Boden, den du dir suchst, der die Zeit noch nicht in den Knochen, das Wasser noch nicht tief genug, für den Kiel, der deine Feder schmückt.

Ich möchte ein Boot sein,  ein Einbaum, in Wellen geborgen, ein Scheitel in deinem Haar, im Wasser zu Hause, ich möchte die Schönheit deiner wilden Wälder unter dem Pony tragen, Welt, und das Flüstern deiner Wiesen im Mundwinkel, wie die Kippe, die du mir rausküsst. Flaschendrehen. Flaschenpost. Postbote. Boot, das auf Wellen schaukelt.

Löwenmäulchen schenkst du mir im Traum, den meine Lider zum Frühstück servieren, es fiel schwer heute, das Licht einfallen zu lassen, es maßt sich an, über die Dunkelheit zu richten, dabei ist Dämmerung das was einbricht, den Tag aus dem Käfig lockt, Löwin, lachst du und küsst mir die Pranke, die Krallen in den Abend reichend, der uns beide lobt und die Stille ausbreitet, in, aus, über. Breit.

Diese Stille von gestern schreit heute fast. Die Wut von morgen lispelt heute noch beinahe zärtlich. Das Wasser der Berge, aus denen du herabsteigst, Morgen, trägt den Tag unmissverständlich grünend auf der Zunge, die alles ausspricht, was nicht bei drei im Tal. Heute spielen wir.

Heute spielen die Blätter spielen mit dir, Licht und Schatten, Du tanzt, das Bier noch in der Hand, die Schüchternheit im linken Zeh, und doch, es ist das Grün, das sich anschickt, auszutreiben und dem Horizont einen Kuss auf die Stirn zu geben, Mut und Schicksal zugleich.