Gelüste

Tag der Zarten, der sich im Himmel noch Verlaufenden

Tag der Zarten und zärtlich Neckenden,
der Hauchenden und Streichelnden,
der am seidenen Faden nistenden und
dem am Tautropfen nippenden.

Tag der morgens Errötenden und der
Verblassenden noch beim leisesten Spott,
der sich ankündigenden Wunder kuratierenden
und der Schattenrisse flickenden.

Tag der Zurückbleibenden und -haltenden,
der sich im Nebel auflösenden und im Wasser
verschwimmenden, als wäre die Welle Wind,
der durch die Fasern fährt, als wäre Nichts das,
was bleibt, wenn die Zeit zwischen unseren Fingerkuppen schmilzt.

Tag der Sanftmütigen und Linderung verheißenden,
der Blinzelnden und Scheuen, derer, die ihre Wange
wehmütig dem Regen anheim gebenden für einen Kuss,
der so flüchtig, so zart, so zärtlich, so Flügel sich verlegen
flatternd von einer Seite auf die andere flüchten lassend.

Tag der Anbrechenden, der an der Dämmerung zerbrechenden,
der sich im Kreis an das Kurveninnere schmiegenden,
der noch im tiefsten Zweifel Hoffnung zwischen den Dunkelheiten aufspürenden,
der Tastenden und Weichenden, der Milchglasscheiben austrinken wollenden,

Tag der Verweilenden und die Liebe kosenden. Tag derer, die werden, während der Augenblick sich aus dem Staub macht und die Landebrücke die Beine hochzieht. Tag der sich im Himmel noch verlaufenden.

Gelüste

Magnolia Nord-Nord-Ost

Magnolia | © Anne Seubert

Wenn man sich von Berlin aus Nord-Nord-Ost hält, das Polnische immer im rechten Ohr, dann findet einen früher oder später das Delta der Ucker, einem Fluss, der die Uckermark prägt, und sowohl den Oberucker- als auch den Unteruckersee flutete. An einem Punkt aber gönnt sich die Ucker einen Umlaut, wer wollte ihr das verdenken, und wird zu Ücker.

Map spicken? | © Anne Seubert

Ein Ü kommt selten allein? Eine gewagte Behauptung, aber hier stimmt das sogar, in Ückermünde endet die Ucker – und das Pommerland, das Haff breitet sich aus, drängt allseits ins Landesinnere, bringt eine Fauna aufs Trapez, die prall noch in der Dürre. Hier kam ich nicht zur Welt, aber zur Ruhe und las an einem Wochenende mal eben drei Romane. Das hatte auch damit zu tun, dass mir das Lesen in den letzten Wochen fremd geworden war, und noch mehr damit dass mein Vermieter der örtliche Buchhändler selbst, der meine Wohnung mit Romanen, vielleicht nicht tapeziert, aber doch grosszügig ausgestattet hat.

Gerade mal die Küche war bis auf das Traditionswerk pommerscher Küche seitenlos geblieben, überall sonst tummelten sich Schwarten und Neuerscheinungen, verführerische Bildungslücken und altvertraute Meister. Dazwischen hatte er fast verschämt, so schien es, Magazine geschmuggelt und Reiseführer zur Erkundung der Region. Mein Leseherz dankt, mein Reisehirn weiss jetzt schon, wir kommen wieder, lieber Holger Brandstädt!

Am Meer | © Anne Seubert

Und dann tun wir nichts und blicken aufs Meer, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, mögen die Wolken zwischendurch auch den Horizont erreichen und wieder verlassen, wir bleiben sitzen und blicken aufs Meer, das da kommt und geht und uns sitzen lässt und wir finden das auch noch gut. Wir werden nicht lesen, nicht eine Zeile, wir werden nicht schreiben, nicht eine Zeile, zumindest den einen Tag, darum kommen wir vorsichtshalber wieder gleich zwei, so dass wir am zweiten Tag weiterschreiben können, all das was da vom Meer angeschwemmt worden war, in Worte kleiden und auf Zeilen setzen. Und am dritten Tag? Sollen wir da schon wieder fahren? Nur wenn wir die Nächte heimlich lesen durften, wir haben gesehen, die Taschenlampe dafür liegt schon neben dem Bett, das übrigens so ruhig ist, das man gerne auch mal ein Stündchen länger …

Brückenblick | © Anne Seubert

Aber wen stört das schon, höchstens dass die Zugbrücke dann hochgezogen ist, das kann schonmal passieren, dann steht man da und kommt nicht ans andere Ufer und nicht auf den Deich, der einen Spaziergang im Grünen möglich macht, unter Trauerweiden und immer wieder entlang des Flusses, der sich Ucker nennt und so gemächlich dahinfließt als wäre es ihm egal, ob Ucker oder Ücker und überhaupt Namen! Schall und Rauch, solange wir uns an die Geschichten erinneren, die hier in jedem Balken stecken, liebevoll hervorgepult und gernst zwischen zwei Fischbrötchen zum Leben erweckt. Dass der Zug bis in den Hafen fährt, hatte ich schon erwähnt oder? Eben!