Gelüste

Dem Duft nachgeben

#wir | © Anne Seubert

Dem Duft nachgehen, den du unterm Zopf trägst, sorgfältig hochgesteckt. Dem Abend Glauben schenken, der ins Plaudern geraten war, jenseits der eigentlichen Agenda. Der Stille gewahr werden, die sich in den Atempausen, kokett in Szene zu setzen versucht, durchaus mit Erfolg. Dem Lektorat ein Zeichen setzen, zwischen die Stühle, morgen sei auch noch ein Tag. Der Vorfreude aufs Tablet helfen, das du leer aus der Küche mitbringst, Geduld sei geboten. Den Händen ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen können: Ehre wem Ehre gebührt. Der Nacht ein Lager bereiten, nahe am Fluß, Blick auf die Morgenröte, ein paar Wolken als Sichtschutz bis dahin.

Gelüste

Tag der Zarten, der sich im Himmel noch Verlaufenden

Tag der Zarten und zärtlich Neckenden,
der Hauchenden und Streichelnden,
der am seidenen Faden nistenden und
dem am Tautropfen nippenden.

Tag der morgens Errötenden und der
Verblassenden noch beim leisesten Spott,
der sich ankündigenden Wunder kuratierenden
und der Schattenrisse flickenden.

Tag der Zurückbleibenden und -haltenden,
der sich im Nebel auflösenden und im Wasser
verschwimmenden, als wäre die Welle Wind,
der durch die Fasern fährt, als wäre Nichts das,
was bleibt, wenn die Zeit zwischen unseren Fingerkuppen schmilzt.

Tag der Sanftmütigen und Linderung verheißenden,
der Blinzelnden und Scheuen, derer, die ihre Wange
wehmütig dem Regen anheim gebenden für einen Kuss,
der so flüchtig, so zart, so zärtlich, so Flügel sich verlegen
flatternd von einer Seite auf die andere flüchten lassend.

Tag der Anbrechenden, der an der Dämmerung zerbrechenden,
der sich im Kreis an das Kurveninnere schmiegenden,
der noch im tiefsten Zweifel Hoffnung zwischen den Dunkelheiten aufspürenden,
der Tastenden und Weichenden, der Milchglasscheiben austrinken wollenden,

Tag der Verweilenden und die Liebe kosenden. Tag derer, die werden, während der Augenblick sich aus dem Staub macht und die Landebrücke die Beine hochzieht. Tag der sich im Himmel noch verlaufenden.