Gelüste

Tanz unter dem Gewölbe der Gezeiten

Einsame Herbstlandschaft im Nebel, Thön | Anne Seubert

Behutsamkeit streiche ich mir auf die Lippen, bevor ich den Mund aufmache. Möge sie die Worte weich werden lassen, das Tal zu fluten und den Berg deiner Gedanken baden gehen lassen unter dem Blick eines Himmels, der noch lange nicht gezähmt die Wolken tanzen lässt statt die Stirn zu runzeln. Behutsam legt der Regen mir seine Tropfen auf die nackte Haut, jede einzelne eine Geschichte vom Wasser zwischen den Inseln, zwischen Ebbe und Erde, Himmel und Flut.

In Wellen legst du das Meer, bevor du deinen Fuß aufsetzt und den Himmel zum Tanz unter dem Sternengewölbe aufforderst. Deinen Fuß, der der Zehen fünf, der Worte nicht eines parat, fragt man ihn, wer hier Weg, wer Woge, wer Wasser. Dein Fuß, der den Tanz unter den Nägeln brennen lässt und die Wellen den Ton angeben: Ein Rauschen, so zart, dass der Himmel sich die Ohren zuhalten möchte nur um dann doch zu lauschen und sich hinzugeben, bis alle Wolken im Takt.

Dick Nebel aufgelegt, stecke ich mir beim ersten Schritt die eigenen Floskeln ans Revers, den Wegweiser auf Shuffle und den Wald auf Snooze. Möge der Wind uns holen und um die nächste Ecke bringen, wo die Musik spielt und der Boden ein Wellenbad aus Moos und Tannenspitzen. Behutsam nimmst du die Hände aus den Taschen, legst Wasser nach und den Nachmittag in unsere Arme.

Gelüste

Jungfuchsdämmerung

Engel würden Vokuhila tragen | © Anne Seubert

deine fährte aufnehmen
deiner tatze die eine wange hinhalten
und die andere auch
deine hutschnur hochgehen und
alle felle davonschwimmen lassen
bloß dich bergen vor aller erden blick
dir himmel und herz aufgehen lassen

anschleichen

der dämmerung einheizen und
wolke für wolke deine blöße bedecken
deiner wunden gewahr werdend alle hände auflegen
deinen nacken kraulen
den muskeln unter das fell folgen
stille dir einflößen, subkutan und
unwiderstehliche fallen dir stellen, mond voran

anschmiegen

den bau dir bucht werden lassen
anker das licht, dem dein rücken die wand,
sich anzulehnen zwischen den schatten, die da fallen wo dein schritt spuren hinterließ

deinen blick finden und im einfallswinkel der pupillen
dir den milchschaum um den roten bart streichen
schliesslich dich einbuchten, mit blick auf den mond und zurück.