Gegenwart

Scham und Schein

Meine Kunst schämt sich neuerdings
legt Make-up auf, bevor sie das Haus verlässt
achtet auf ihre Ernährung
verweigert Exzesse

Meine Kunst schämt sich neuerdings
trägt Sonnenbrille und Highheels
liest Fachpresse und Ratgeber
trainiert Selbstwirksamkeit

Meine Kunst fühlt sich schuldig neuerdings
des scheinbar zuvielen oder zuwenigen
ihrer Gedanken und Gefühle –
oder deren Abwesenheit

Meine Kunst ist sich selbst nicht mehr genug
fragt neuerdings nach
hungert sich durch
bleibt auf der Strecke

Meine Kunst fordert Farbe neuerdings
fällt aus dem Rahmen
ragt aus der Sammlung
legt sich auf die Lauer

Meine Kunst erfindet sich neuerdings neu
incognito
und erlaubt sich
im Winter zu blühen

Gegenwart

Regeln aus Regen

Der Regen tropft dir das Meer auf die Stirn
flicht dir den Fluss in den Nacken

Der Regen möchte anonym bleiben
und stellt sich doch mit jedem Tropfen vor

Der Regen bringt die Stadt wortlos zum Schweigen
füllt die Vorräte während alle anderen längst ernten

Der Regen fordert keine Entschuldigung,
er droht selbst gerne mit Abwesenheit

Der Regen zwingt dich, dein Schiff zu bauen
noch vor dem Haus und dem Kind und dem Baum, den du immer pflanzen wolltest

Der Regen nährt den Medizinmann in dir
lehrt dich Großzügigkeit und Streuverlust und dem Wasser im Regenbogen die Tür offen zu halten, das man nur bei Sonnenschein sieht

Der Regen tauft dich auf deinen Namen
der aus dem Poetischen stammt und nur im Wasser aussprechbar wird: auf Zehenspitzen