Gedanken, Gegenwart

Bar, mit Karte oder mit Zeit?

© Heather Zabriskie

Das Verständnis davon, was wir ›Zeit‹ nennen, hat sich über die Jahrhunderte ebenso gewandelt wie ihre gesellschaftliche Funktion und die Weise, in der wir sie erfahren. Unser Zeitbegriff hat sich im tagtäglichen Gebrauch gedehnt. Wir haben ihn an unsere Bedürfnisse und Einsatzmöglichkeiten angepasst; Was wir heute Zeit nennen, umfasst das Zeitalter, in dem wir leben, ebenso wie die (guten alten) Zeiten im Plural als unsere kollektive Vergangenheit, nach der wir uns immer wieder nostalgisch zurücksehnen. Es inkludiert die meist nicht näher definierten und unerreichbaren Zeit-Stücke, die uns fehlen, und von denen wir nie genug haben können, die Zeitpunkte und -fenster, in die wir “unsere” Zeit ein- und austeilen, mit anderen teilen, und die Zeiten, die wir verschiedenen Tätigkeiten widmen und die wir dann Plan oder Kalendereinträge nennen. Unser Zeitbegriff umfasst auch die Zukunft genannte Zeit, die nur in unserer Imagination existiert und die wir gleichwohl mit jeder Menge Sehnsüchte, Emotionen und auch Befürchtungen besetzen. Er umfasst unsere ganz persönliche Zeit wie die kollektiv wahr und in Anspruch genommene.

Der Zeitpunkt, an dem Kinder beginnen, von Zeit zu sprechen und unser “erwachsenes”, kollektives Zeitverständnis zu übernehmen, ist ein einschneidender, gleichwohl häufig unbeobachteter Moment. Abgeschaut haben sie sich von den Erwachsenen dann das Agieren aus einem stets drohenden oder als bedrohlich wahrgenommenen Mangel an Zeit. Sie nennen Termine, die eingehalten werden sollen, Zeitfenster, die sich öffnen und schließen, benennen ein Vorher und Nachher. Es ist nicht mehr alles möglich, es gilt, sich zu entscheiden, was man mit seiner Zeit anstellen möchte, was man tun und werden möchte, und was nicht. Kinder entwickeln dabei ein Verständnis für Handlungssequenzen, dafür, Vorhaben nacheinander zu erledigen, Prioritäten zu setzen und Aufgaben etwa erst dann zu erledigen, wenn etwas anderes bereits zu Ende gebracht wurde. Im protestantisch geprägten Kulturraum darf als Beispiel hier oft die Arbeit als Pflicht herhalten, nach der das Vergnügen als Kür dran ist. Es entsteht die Möglichkeit eines Morgens, an dem andere Dinge möglich sind als heute, ebenso wie eine erste Ahnung der Vergänglichkeit und damit der Tätigkeiten, die nicht mehr möglich sind, weil die Oma tot, der Sommer vorbei oder einfach die Schuhe nicht mehr passen. Was wollen wir alles mal, das jetzt noch nicht möglich und wie sieht das Leben und die Zeit dazwischen aus? Woran ließe sie sich messen?

›Das Diktat der Zeit‹: Vom Sein & Haben

Unser Zeitbegriff wird mitunter synonym zum Lebens-Begriff geführt, so beispielsweise, wenn wir uns fragen, was wir mit unserem Leben vorhaben, womit wir unsere Zeit verbringen wollen. Häufig nehmen wir die Zeit als etwas wahr, dem wir ohnmächtig ausgesetzt sind. Mit dem sprichwörtlichen “Diktat der Zeit” stilisieren wir uns als Objekte der Zeit,  zu schieren Opfern, denen übel mitgespielt wird. Figuren auf dem Spielplatz der Zeit und die Zeit als Herrscher über unser Wohl. Die Zeit rennt, sie heilt, sie ist uns voraus, sie bestimmt Rhythmus und  Haltung, Prioritäten und Wunschlisten. Was muss bis wann erledigt werden, wann lässt sich etwas einschieben in das Raster, das sie uns vorgibt?

Anders sprechen wir über Zeit, wenn wir ein Verständnis von Zeit als handhabbare und besitzbare Ressource deklinieren. Als könnten wir über eine gewisse Menge an Zeit bestimmen, die uns, da sprechen wir eigentlich nie explizit von, zugeteilt wurde. Passierte das qua Geburt? Und wer entschied, wieviel wir wann davon einsetzen, nutzen und investieren können? Gleich wie Kapital, lässt sich sich Zeit in unserem Kulturkreis tatsächlich investieren, und zwar in andere Menschen zum Zwecke der Freundschaftsbildung, der Netzwerkbildung, der Liebe und Familiengründung auch, wobei letzteres vermutlich nochmal ein eigener Bereich ist. Wir investieren sie in unsere Bildung, in unsere Ausbildung, in unser berufliches Fortkommen, in unsere Selbstverwirklichung, unsere Gesundheit und in letzter Zeit und je nach Bubble auch in unsere Selbstfürsorge. Wir investieren dabei durchaus mit Hoffnung auf einen nicht unerheblichen Turn on Investment, allerdings ohne das genau zu beziffern. Wir investieren Zeit übrigens auch über uns hinaus, altruistisch in unsere Gesellschaft, in das große ›Wir‹, mal bewusst, häufig unbewusst. Wieviel Zeit dabei auf die Verwaltung unserer Zeit verwendet wird, qua To-Do-Listen, Time-Management samt -Kursen und Kalender-Tetris, wird selten ausgeführt, sehr wohl aber welche Gewinne man sich erhofft. Zeit ist Geld, gilt als geflügelte Redewendung, wenn für scheinbar nicht zeit-werte Beschäftigungen keine Zeit ist.

«Alles hat seine Zeit, nur ich hab’ keine!» Der flapsige Spruch dürfte vielen aus dem Herzen sprechen. Wenn Zeit, dann meist knapp.  Zwar nehmen wir uns gerne zeit für Dinge und Menschen, die uns am Herzen liegen, aber woher genau und aus wessen Reservoir, bleibt meist unbestimmt. Warum Zeit zunehmend eine so knappe Ressource, fragt die ebenso eloquente wie belesene Moderatorin Barbara Bleisch daher in ihrer Sendung  Sternstunde Philosophie zwei, die sich damit wissenschaftlich beschäftigen: die Journalistin und Autorin Teresa Bücker (Alle Zeit – eine Frage von Macht und Freiheit) und den Soziologieprofessor Hartmut Rosa, den Botschafter der Unverfügbarkeit. Die Vermessung und Verteilung der Zeit bleibt eine kollektive und eine individuelle zugleich, sind sie sich einige, ähnlich dem Anspruch, den wir an ihre Nutzung stellen. Erst im sozialen Gefüge entfalten sie ihre Macht und wer dem Subjekt die Verantwortung alleine aufbürdet, die Zeit für sich zu verteilen und zugleich zu bewahren, hat die Machtfrage ohne die Zeit gestellt, in der wir leben: Den Kapitalismus.

Das Kapital und sein Takt

Zeit also nicht nur als Ressource, sondern eine Art Kapital, das sich anhäufen lässt? Wir haben, solange man uns nicht zu konkret danach fragt, ein sehr genaues Bild davon, wie man seine Zeit “gut” nutzt. Wir arbeiten sogar auf eine Zeit, die sogenannte Rente hin, in der wir nicht nur Geld, sondern eben auch Zeit im Überfluss und zur freien Verfügung haben, um endlich das zu tun, zu dem wir bis dahin nicht kamen, aus Mangel an Geld und Zeit, dafür sparen wir die Jahre bis dahin beides an: Geld auf einem Konto, in Immobilien und Aktien. Zeit auf einem Konto, das wir immer früher auflösen möchten, die Früh-Rente wird immer häufiger eingesetzt um mehr von der Zeit, die übrige bleibt zu haben, auch wenn das heisst, weniger Geld zur Verfügung zu haben in dieser Zeit.

© Anne Nygård

Wenn Zeit, dann bitte zur Verfügung und zwar verbindlich. Wir verabreden, verteilen und verwalten unsere Zeit mit Hingabe, über Kalender, Wecker, Apps mit immer neuen Reminder-Funktionen. Tracking Apps und Stechuhren Takten wie ein Metronom die Zeit, die wir unseren Arbeitgebern geben, im Deal für unseren Lohn. Wir lassen unsere Zeit am Bildschirm, auf dem Laufband und im Bett von Gerätschaften mitzählen und optimieren und wenn wir ins Hintertreffen geraten, uns verspäten, zu viel Zeit auf eine Aufgabe verwenden, entschuldigen wir uns mit schlechtem Gewissen. Wir schreiben uns Zielvorgaben für die Ergebnisse, welche die von uns investierte Zeit für uns fühlbar und möglichst für die anderen sichtbar machen soll: Erfolg, Karriere, Bildung, Kompetenzen, Schönheit, Liebe. Nicht immer geht diese Rechnung auf. Denn wie genau sie sich denn speichern und vermehren lässt, die Zeit, haben wir, ähnlich wie beim Strom, noch nicht herausgefunden haben.

Auf Du mit Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit

Von hinten durch die Brust ins Auge des Hier und Jetzt? Die Zeit mal zu vergessen, wünschen wir uns etwa, wenn im Kalender Wochenende heißt oder es für ein paar Tage in den Urlaub geht. Mal nicht mitrechnen,  ist dann der Plan, mal ohne Zeit-Planung in den Tag starten… und stellen dann fest, wie schwer uns das mittlerweile fällt. Wie wenig ausgeprägt unser natürliches Zeitgefühl ist, merken wir schon, wenn wir ausnahmsweise nicht unsere Mitzähler am Arm oder Bildschirm konsultieren (können). Und so schwer es uns fällt, uns auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, so unsicher sind wir häufig beim Kommunizieren und Erfahren von Zeiten jenseits des Moments: das Früher der Vergangenheit zieht sich häufig auf einzelne Momente zusammen, scheint schneller und zugleich langsamer vergangen zu sein. Und diese Zukunft, die da auf uns wartet, schafft es immer wieder, uns aus der Reserve zu locken. In das Morgen packen wir unsere Träume und Sehnsüchte, die es in der Gegenwart nicht “geschafft” haben, aber auch alle Ängste von der “fear of missing out” – liebevoll fomo genannt –  bis zur alle Lebenswelten umfassenden Dystopie.

1877: der russische Kartograf Pyotr Kropotkin kommt in ein Tal im Schweizer Jura, angelockt von der hochentwickelten Uhrenfertigung dort und von der Nachricht, dass sich Arbeiter*innen zu einer anarchistischen Gewerkschaft zusammengeschlossen haben. Er trifft auf eine Gesellschaft, in der Beamte und Gendarmen über die richtige Uhrzeit wachen und dem Produktionsbetrieb und der Gemeinschaft den Takt vorgeben. Immer effizienter werden die Produktionsabläufe in den Uhrmanufakturen organisiert, die sekundengenaue Kontrolle erzeugt einen steigenden Druck auf die Beschäftigten. Davon kann auch Josephine ein Lied singen, die über die Montage der Unruh, des Herzstücks der mechanischen Uhr, wacht und den zugereisten Kropotkin kennenlernt. Inspiriert von anarchistischen Ideen fordern sie die Befreiung der Zeit, setzen Solidarität und Pazifismus gegen Marktgesetze und Nationalismus.

Die Zeit als Sujet in der Kunst, in Film, Theater und Literatur wäre eine eigene Betrachtung wert. Auch im Glauben und in der Hoffnung würde ich sie gerne untersuchen. Der Teufel, dem wir Zeit für Schönheit anvertrauen und zwar von der wertvollsten, die wir besitzen: Der Lebenszeit. Unsere Beziehung findet natürlich auch Ausdruck in der Wissenschaft, in der Philosophie und nicht zuletzt in den zahlreichen Ritualen aller mir bekannten Kulturen. Anders als Gesundheit, die wir uns nicht zuletzt zum Neuen Jahr wünschen, gerne aber auch zu anderen Anlässen wie zur Geburt, findet die Zeit selten Eingang in Widmungen und gute Wünsche. Dann schon eher Gelassenheit!

Die Zeit: Komplizin oder Antagonistin des Raums

Nicht zuletzt in der Einstein’schen Relativitätstheorie wird die Zeit mit dem Raum in Verbindung gedacht. Die Relativitätstheorie besagt, dass im Bereich der höchsten Geschwindigkeiten (Lichtgeschwindigkeit) Raum, Zeit und Masse relativ, also vom jeweiligen Beobachter abhängig sind. Wenn es also ein Raumschiff gäbe, dass fast so schnell fliegen könnte, wie die Lichtgeschwindigkeit, würde die Zeit in diesem Raumschiff viel, viel langsamer vergehen, als bei uns auf der Erde. Während auf der Erde 22 Sekunden vergingen, wäre im Raumschiff gerade mal eine Sekunde vorbei. Damit setzte Einstein die Absolutheit der Zeit und ihrer Messung nachbar ausser Kraft. Die sogenannte Raumzeit (engl. space-time) führt die Konzepte sogar in einem Kunstwort zusammen: in der Speziellen Relativitätstheorie sind Raum und Zeit keine voneinander unabhängigen  Dimensionen mehr. Raum und Zeit bilden viel mehr ein Kontinuum!

Im Alltag geht es oft um Zeit als Messinstrument wie bei Geschwindigkeiten etwa, also das Beherrschen und Zurücklegen von Distanzen in möglichst wenig Zeit. Wir ziehen sie zu Vergleichsmessungen heran und verbinden mit erfolgen auf diesem Gebiet Macht- und Herrschaftsansprüche: Höher, schneller, weiter! Dem Erstankömmling gebührt Ehre, dem Schnellsten Ruhm, noch immer zieht Schnelligkeit an Qualität vorbei, und zwar unabhängig davon auf welchem Feld: Man denke etwa an Leistungen im Produktdesign, an Lösungsentwicklungen in der Wissenschaft oder Convenience im Consumerbereich. Während Qualität diskutierbar erscheint, ist es das Ergebnis auf Zeit nicht. Bestzeiten als Weltrekorde sind anerkannte Größen, für die wir bares Geld, Aufmerksamkeit und Ehre zollen.

Tempus fugit? Time will tell!

Zeit ist endlich, sie löst sich zuweilen in Nichts auf, war eben noch da und ist doch nicht greifbar. So vertraut sie uns ist, so unheimlich bleibt sie, sobald wir ihr uns über Gebühr nähern, scheint es. Die Zeit als Komplizin zu denken, die uns ein Leben lang auf unseren Reisen durch die Welt begleitet mag da fast anachronistisch daherkommen. Ein Versuch ist es allemal wert: Sie einzuladen auf einen gemeinsamen Ausflug und wie beim Weg, der ja bekanntlich im Gehen entsteht, auch der Zeit zuzutrauen zu entstehen? Ihr also großzügig gegenüberzutreten, nicht das letzte Minütlein aus den Rippen zu leiern, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt, und ihr zuzutrauen, dass sie uns zugewandt und treu? Time will tell!

 

Gegenwart

Kultur über den Wolken? Im Halteverbot!

Gestern noch war das Wort mir Bühne, heute ist das Merkmal der Kunst Dialekt. Die Sprache fädelt sich neben die Politik, übersetzt Abwehr in Mundart, Verhandlungsbereitschaft in die Bemühung, die Dialektik zu verlassen. Neben mir Peter B. II., links von mir das Aare-Panorama. Ich möchte noch vor der Eröffnung auf Skiern ins erahnbare weisse Rauschen flüchten & habe doch nur die Karte des Box-Trainers aus der Begegnung vom Vortag in der Tasche, Haltung im Supersparpreis auf der Rückseite. Ob und bei welcher Gelegenheit sie zum Einsatz kommen wird?

Cliffhanger. Im diskurs-geladenen Resonanzraum tritt derweil einer auf mit roten Schuhen, die Melodien seiner Gäste abrufbereit in den Augwinkeln, für uns Publikum netzwerktechnikfolgenabschätzende Blicke am Revers. Es gilt den beauftragten Brückenschlag zu wagen, die breite, nicht etwa die spitze, Öffentlichkeit auf die Spuren von Wissenschaft und Forschung zu setzen. Subtil versteht sich und einzahlend gleichermaßen, wir vermeiden die Nachhaltigkeit auszusprechen, denken sie aber natürlich mit.

Aufmerksamkeit sei teuer geworden. Nicht nur, auch rar.

Aufmerksamkeit sei teuer geworden, erzählt das Buffet, welches das Bündner Fleisch an Auberginenmus serviert, die Suppe aus Lauch und den Wein aus der Schweiz. Der Kaffee kommt aus der Maschine, die auch Schokolade kann, und Ovomaltine, wo wenn nicht hier trifft Placemaking auf Geschmackszelle. Die Schweiz eine Brand, die sich auf der Zunge zergehen lässt und im Portemonnaie spürbar wird bei jedem Happen.

Kultur ist, liest die Gastgeberin vom Papier, uns Ausdrucksform, Teilsystem der – gegenwärtigen, ergänze ich mit Blick auf das was kommen mag – Gesellschaft und, demokratischer Raum. Ich setze ein Fragezeichen, vermisse die Quellenangabe und bitte mein Hirn später nachzufragen. Demokratischer Raum? Den hätte ich gern betreten, eingerichtet und als dritten Ort etabliert mit hohen Fenstern und Garten, undoder zunächst verständlich definiert, aber erstmal Musik und Bindestriche, als könne ein Strich irgendwas in Verbindung bringen, was nicht längst schon. Und die Aare schmunzelt in sich hinein und fläzt sich ins indian-summer-gefärbte Hügel-Panorama der Stadt, welches, bei aller Leuchtkraft, nur Rampe zum Alpen-Gipfel-Aufmarsch dahinter. Eiger, Jungfrau und Mönch haben sich auf Weiss geeinigt, ob aus Unschuld oder Bescheidenheit, steht nicht dran, das Matterhorn schwänzt, vermutlich sind wir doch nicht so wichtig.

Über den Wolken im Halteverbot geparkt? 

In den Wolken werde unsere Kontrolle grenzenlos sein, allen voran die, die uns selbst kontrolliert, und sie nennen es gleichwohl oder genau deswegen kuscheln. Kuscheln mit datierten Wetterprognosen, Blutzuckerwerten und Gehaltsabgleichen, darauf kommt nichtmal Sibylle Berg, die, mit dem Glück einst davon gekommen, uns in den Morgen liest und der Digitalisierung ihre Liebe nachdrücklich versagt.

Du wirst heute vermutlich wütend werden, weiß sie. Unter anderem, wenn deine Daten den Schluss zulassen, dass deine Existenz eine marktwirtschaftliche Zumutung sei. Sei? Das ist seit 45 Jahren der Fall, ich lebe trotzdem. Dagegen an. Dafür weiter. Daneben raus. Auf der Ziellinie erst werde abgerechnet ist eine Mär, die wir uns zu lange zu glaubhaft erzählt haben, der liebe Gott und Google wissen es besser und alles von uns, was wir zu teilen bereit und genötigt. Google mittlerweile ungleich mehr, Vertrauen keine Frage der Freiheit mehr.

Wieviel Angst gib uns heute und vergib uns unsere Gier? Wieviel Frust, das wäre vielleicht eine Frage, die ich diesem Wörtchen Wandel, das wie eine Änderungsschneiderei der dritten Genreration, in müde gewordenen Leuchtbuchstaben um Vertrauen buhlt, aber hey, wir sind nichtmal auf einem Auge mehr blind und solange du deinen Change nicht genderst, gilt unser Mitleid Diabetikern und Adipösen, herangezüchtet von einer Industrie, die weiß, was sie tut, auch wenn ihr das wider besseres Wissen niemand zutraut. Wandel, dass ich nicht lache, hier wird schon lange nicht mehr gewandelt, flaniert, mäandert… Ich überlege, Tabularasa als Ersatz-Vokabel anzubieten, aber auch das mir zu neckisch.

Death by technology, death by law oder death by institution?

Es könnte noch spannend werden, verrät das Programm und wir deklinieren in Gedanken digitale Asylgesetzmäßigkeiten und Schlupflöcher, das eigene Mobiltelefon derweil in Sicherheitsabstand an die Ladestation gekettet. Es bleibt eine Frage der Handlungsoptionen und -verpflichtungen. Der Programmierer hat zumindest das Gefühl, die Welt mitzugestalten, aus Nullen und Einsen uns eine Welt zu basteln, in der wir spielen mögen. Aber wir Geisteswissenschaftler taten uns schon bei der hiesigen schwer, unsere Rolle aufs Papier und in die Köpfe zu bringen: Kultur ist, was man draus macht, und das lässt sich digital schon gar nicht festhalten, weiss die Dame, die über Archivierung digitaler Kunst spricht und die 4,5 Beauftragten, die in Deutschland dieser Aufgabe qua Jobdescription in Institutionen formerly known as Museums nachkommen.

Death by technology, death by law oder death by institution? Vor die Wahl gestellt und in Kombination mit der Abhängigkeit von Softwarelizenzen, fragt sich nicht nur der Kapitalismus nach einem neuen Geschäftsmodell, auch die Kultur wird langsam aber sicher nachdenklich.