Gegenwart

Das Blau zu den Akten, den Nebel zu mir

Waldrand im Nebel | © Anne Seubert

Du legst das Blau zu den Akten, die Schönheit ins Auge des Betrachters und das Zögern auf’s Kreuz. Du lockst mich auf deine Fährte, das Rot auf meine Wangen und den Herbst auf die Probebühne, die Nebelmaschine läuft schon. Du flüsterst dem vor der Tür lungernden November deine Telefonnummer in den hochgeschlagenen Mantelkragen, dem Gelb mehr Mut zu Grün zu und mir Gänsehaut über die bloßgelegte Haut.

Du schweigst noch als wir gehen, du schweigst selbst als ich mir im Halbschlaf weiße Westen übers Negligé lächele, du schweigst mit geschlossenen Augen, als wüssten deine Lider jenseits des Sichtbaren alles, was Zähne zeigt und lächelt, alles was ausgedacht und über den Daumen gepeilt, alles, was sich mit den Fingern zählen lässt. Was zählt, schreibst du an, was den Schritt wagen lässt, diesen einen Schritt, der mehr Schreiten als Gehen, mehr Geste als Ausführung, der den Tanz eröffnet.

Ein Schritt, sagt man, mag den Takt angeben, die Reise beginnen, der Frage nahekommen – ich aber trau ihm nicht über den Weg, schon gar nicht über die Straße, zähle mit und gegen ihn alle nicht gegangenen Pfade auf, alle Weiten und Unbekannten, auch die Knopflöcher, und rufe doch nur Nähe hervor. Eine Nähe von dieser purpurnen, Wünschelruten beruhigenden, Wimpern zum Stehblues und den Atem wider Willen in Bredouille bringenden Tiefe, die sich als Nähe tarnt und doch alle Stockwerke ohne Aufzug bedient. Es sei, sagst du, was werden will ohne gewesen sein zu wollen, was heute noch grün, rot oder blau hinter den Ohren, die du für uns hinterlegt hast, man wisse ja schließlich nie, wie weit das Auge reicht.

Gegenwart

Wien macht Freunde

Danke Wien | © Anne Seubert

Manche Freunde nehmen dich nach 3,5 Jahren und 24 Stunden in den Arm als ob und du weisst, manches Ja muss gar nicht ausgesprochen werden um zu halten, und Wien steht Schmiere und grinst sich eins aus purem Sichtbeton.

Mache Freunde stellen sich in die Schlange für dich und auf den Kopf, lauschen Seemannsliedern und machen aus einem schnöden Montagabend einen Susi-Sorglos-Sonntag samt Live-Band namens Strottern, Standing Ovations und Sturm.

Manche Freunde waren eben noch Fremde, haben nur 45 Minuten Zeit, die reicht für Zitronenlimonade zu 3 Zigaretten, eine Gedankenreise nach Innsbruck und DEN Wetterbericht für Berlin und nach 43,5 Minuten steht fest, die nächste Limonade gibt es als Freunde und zwar bald.

Manche Fremde warten eine Stunde auf dich um dir deine Fragen zu beantworten, die ihr vergessen habt, sobald ihr die Antworten erfunden und den Kaffee zum dritten Mal bestellt und plötzlich ist es Abend und die Ausstellung und das Abendessen wie selbstverständlich die Fortsetzung.

Manche Freunde nehmen dich mit in die Sommer ihrer Kindheit, in die Umkleidekabinen und an den Kiosk wo es das Eis am Stiel der Wahl immer noch gibt und erzählen dir die Märchen, die den Sommer wieder jung machen und euch auch.

Manche Freunde halten still bis du sie entdeckst, hinter der Säule, auf dem Berg, im Schloss – und sorgen so dafür, dass ihr euch im richtigen Moment begegnet, wenn die Bar geöffnet, der Weg geräumt und der Wein gekühlt.

Manche Städte halten mein Herz in beiden Händen und pusten jedes Staubkorn, das sich auch nur in meine Nähe wagt kilometerweit weg, küssen Tränen ins Kopfloch zurück und rollen Teppiche aus, darauf sich 1000 und eine Nacht lang und breit machen und Wunder immer Saison haben.

Wien, schau nicht so unschuldig, du bist so eine.