Gegenwart

Be my beech tonight

Buchenwald | © Anne Seubert

Waldbaden ist angesagt, angeleht an die japanische Tradition des “shinrin yoku” aka “taking in the forest atmosphere”, aber welcher Wald und warum? Gibt es ein Nichtschwimmerbecken? Ist ein Spa geplant? Und wann ist Warmwassertag? Letzterer war in dem Hallenbad meiner Kindheit traditionell donnerstags, die Wassertemperatur wurde um die entscheidenden Grad angehoben. Auch ein Sprungbecken gab es, bzw. einen Bereich, der an die am Beckenrand aufgestellten Sprungtürme grenzte und nur zu bestimmten Zeiten beschwimmbar war, zu anderen ebenjenen Springern vorbehalten. Manche Bahne wurden zeitweise für Schwimmunterricht oder sportlich ambitionierte Bahnenschwimmer*innen reserviert. Das Wasser aber, die Aussicht, die Duschräume und Spinde aber standen allen offen.

Während ich bei Schwimmbädern heute meine Lieblingsbäder qua Architektur, Erreichbarkeit und Atmosphäre kuratiere, suche ich mir meine Wälder qua Baumarten, Wegesystem und Lichtdurchlässigkeit aus. Für adhoc Wohlgefühl sorgen Buchenblätter auf den Wegen, Anzeichen für Buchen, oder genauer Rotbuchen. Die Rotbuche ((Fagus sylvatica)) wurde zum Baum des Jahres 2022 gekürt. Das kommt mir natürlich sehr entgegen, schätze ich sie schon lange, aber ich hatte ja keine Ahnung, wieviele gute Gründe ich dafür habe!

In den letzten Tagen und Wochen aber habe ich viel über die Buche gelernt und nun viele Gründe, warum mein Bauchgefühl sich seit Jahren für sie ausspricht. Zuletzt war sie mir bewusst geworden, als ich mit einem Typographen die Etymologie der Begriffe “Buch” und “Buchstabe” erörtere und ja, auch da spielt die Buche eine maßgebliche – und damit namengebende – Rolle. Ich sage nur Gutenberg.  Bei dem von ihm entwickelten Hoch-Druckverfahren mit beweglichen Lettern wurden üblicherweise Bleilettern eingesetzt. Für großformatige Drucke, etwa im Fall von Plakaten, waren Buchstaben aus Blei aber zu teuer und die Druckformen zu schwer. Deshalb wurden die Lettern aus besonders harten Hölzern, wie Ahorn-, Birnen- oder eben Buchenholz, die sich zusätzlich durch die kurzen Fasern besonders gut bearbeiten ließen. Die so hergestellten Schriften wurden entsprechend auch Holzschriften oder Plakatschriften genannt.

Aber das nur vorneweg, zurück zur Buche als Baum, der in unseren mitteleuropäischen Wäldern heimisch. Und zwar deutlich. Die Buche ist

  • mit 15 % Anteil tatsächlich der häufigste Laub-Baum in deutschen Laub- und Mischwäldern und dieser Anteil wächst.
  • der mit vollem Namen Rotbuche benannte Baum, Rot weil das Holz rötlich schimmert. Und für mich als Eselsbrücke übrigens auch ihr Laub einen Rotstich hat.
  •  nicht der Baum, der uns den Buchweizen beschwert, dessen Name sich tatsächlich aus dem lateinischen Begriff “Fagus” für Buche und dem griechischen Wort πυρός pyros, deutsch ‚Weizen‘ herleitet, weil er optisch an Bucheckern erinnert. Buchweizen gehört jedoch zu einer ganz anderen Pflanze, die weder Baum noch Getreide, sondern ein sogenannntes Knöterichgewächs, deren 15 bis 16 verschiedene Arten sich vor allem in Eurasien und im östlichen Afrika verbreitet finden und dort etwa kniehoch wachsen, weiß blühen und und sehr unterschiedlich aussehen können, aber eher so an Brennnesseln oder Koriander erinnern.

Die Buche hingegen ist die Pflanze, die uns im Herbst Bucheckern beschert. Buchecker sind die Früchte der Buche, sie “sitzen” stets zu zweit in einem Fruchtstand zusammen. Roh enthalten sie sowohl Oxalsäure als auch Trimethylamin und sind dadurch leicht giftig.Nach einem trockenen heißen Jahr, sogenannten Mastjahr fällt die Bucheckernernte häufig besonders reichlich aus, was nicht nur uns Menschen, sondern auch Wildschweine, Mäuse und Vögel freut, die gerne Bucheckern naschen. (Stelle mir die drei Tiere gerade gemeinsam bei einer Mahlzeit vor und frage mich zugleich, wieviele Bucheckern ein Wildschwein auf einen Happs konsumieren muss um das befriedigende Gefühl zu erhalten, etwas zwischen den Zähnen zu haben!).

Die Buche ist zudem

  • als Baum sehr gesellig und taucht daher gerne als Buchen-Ansammlung auf, sie sorgt nämlich für die Buchen in ihrem Umfeld, indem sie nicht zu viel für sich selbst beansprucht und sogar Nährstoff-Carepakete an Buchen in ihrem Umfeld schickt, die unter Mangelernährung leiden oder verletzt wurden.
  • sehr anpassungsfähig, insofern als dass sie zwar klare Vorstellungen hat, was sie als nährenden Kontext versteht, welche Böden sie bevorzugt und welche klimatischen Bedingungen ihr Wachstum  fördern, aber sie kann bis zu einem wesentlichen Maße für eben diesen Boden sorgen, indem sie ihr eigenes Laub “verdaut”.
  • fürsorglich nicht nur, was andere Buchen betrifft, sondern auch Pflanzen die um sie herum und in ihrem Unterholz gedeihen mögen. Indem sie relativ spät Laub anlegt, kommt die Sonne gut durch und erst wenn im Juli oder August die Temperaturen steigen sorgt sie für ein, und zwar ein dichtes, Laubdach, das schützt und Schatten spendet.
  • lang und dünn und ein typischer Herzwurzler (sic!) Sie bildet mehrere nach unten und schräg nach außen laufende Hauptwurzeln und damit eine für die Kommunikation mit anderen, nahestehenden Bäumen hilfreiche hohe Feinwurzeldichte.
  • äußerst produktiv! Ein Buchenbaum produziert kann allein an einem Tag 18 Kilogramm Kohlendioxyd verarbeiten und daraus 13 Kilogramm Sauerstoff produzieren, damit können etwa 10 Menschen einen Tag lang atmen.

Ich könnte noch viel mehr erzählen, möchte aber lieber einladen zu einem Spaziergang unter Buchen, dabei lohnt es sich, den Baum mal von unten nach oben anzuschauen. Unten kuschelt sich oft Moos an und oben, dazu muss mann denn Kopf schon ein wenig in den Nacken legen, beginnen dann die Äste in diverse Richtungen Ausschau zu halten. Buchen werden ganz schön groß und sehen auch mit 100 noch fit und fidel aus. Und weil sie an so unterschiedlichen Orten zu findenn sind, haben sie sich mitunter ziemlich extrem angepasst. An Wind zum Beispiel, wie die mich auf Rügen in ihren Bann ziehenden Süntel- oder Krüppelbuchen, die sich bei Korkenzieherweiden und Bonsaibäumchen das kunstvolle Verdrehen ihres Stamms und ihrer Äste abgeschaut zu haben scheinen.

Gegenwart

Ich gestehe,…

Baum Silhouetten | Anne Seubert

Ich gestehe, ich mag es, wenn Menschen an mich denken, es macht mich lächeln, innerlich, mitunter sichtbar auch für andere. Ich mag, wenn sich das zeigt, wenn also diese Gedanken, in denen ich eine Rolle spiele, die ich mir aber nicht aussuchen darf, wenn diese Gedanken sich in Gefühlen, Geschichten oder Aktionen ausformulieren. Das ist ein wenig wie fotografiert werden, und in den Fotografien eine Rolle von mir erkennen, die ich für den Fotografierenden darstelle. Manchmal erkenne ich mich sofort, mitunter fremdele ich, werde schüchtern oder benötige eine Brille.

Ich gestehe, ich liebe das Schreiben als Akt des Ausformulierens, des Kombinierens von Worten und Gedanken, des Tastens und Begreifens, des Kommunizierens auch. Das bloße Tun ist dabei mindestens so reizvoll wie das Ergebnis, das sich häufig zu einem anderen Zeitpunkt und in einem anderen Format einstellt, als gedacht. Mitunter hatte es bis zur Verwirklichung keinen Anteil am Textprojekt, mitunter ist das Schreiben ein Scheitern, bleiben die Worte mir zu groß, zu klein, bleiben die Gedanken sie selbst.

Ich gestehe, ich lerne leidenschaftlich gern. Daher beobachte ich lieber als dass ich beobachtet werde. Ich lese fast so gerne wie ich schreibe und ich laufe fast jeden Tag. Gern zwischen, unter und um Bäume herum, die in einem steten Wandel begriffen gleichzeitig zu wachsen und zu vergehen scheinen, dem Nebel gar nicht so fremd oder nur in der Silhouette, die letzterer zu bergen, zu umschmeicheln ebenso wie aufzulösen weiß. Ich gestehe, ich lese es gern als einen Akt des Geborgennehmens unter Freunden.