Gegenwart

Ohne Schwimmflügelchen!

Engel mit Harfe | © Ånne Seubert

Manches lässt du dir bringen, anderes träumst du dir. Die Wirklichkeit aber landet im Telemark in einer Anmut, die uns alle Gattungsbestimmungen ad hoc ad Acta legen lässt. Der Geist bleibt anwesend, auch als der Regen applaudierend einsetzt, alle nichterwünschten Gäste ebenso nonverbal wie wirkungsstark zum Gehen auffordernd. Der Punkt ist auf die Sekunde pünktlich und als wir das Weite suchen finden wir eine Nähe, die uns zwar nicht geheuer aber umso vertrauter.

Manches heisst du willkommen, manches heisst du mit zweitem Vornamen eher unabsichtlich: wie ich. Als wir uns im Spiegel entdeckten, war dein Muttermal eines, das ich küssen und meines eines, das du unterm Bademantel tragen wolltest, nahe des Zwerchfells, wie einen heimlichen, aber faulen Liebhaber: stets in Kraulnähe, immer zu küssen, nie zwischen zwei Tönen verlegen. Ich hielt dir das lange zum Vorwurf, bis ich den Vorteil erkannte und unsere Dates direkt mit ihm hinter dem Rücken unseres Terminkalenders vereinbarte.

Manches trägst du mit Stolz, anderes mit verloren geglaubter Fassung. Deine Schönheit aber wie einen Ring, den man dir schenkte, als du in tiefer Trauer, daher unerkannt adoptiertest und immer erst bei Fremdwahrnehmung gewahr wirst. Dann aber mit Verve und drei Stufen auf einmal und erst beim Klingeln wieder Luft holend, mit meiner Verlegenheit um die Wette strahlend! Deine Stille trägst du im Blick wie ein Meer, das sich dem Sturm zu Füßen legen möchte und dann doch lieber schwimmen geht.

Gegenwart

Coming of Age

Vermietet (Berlin) | © Anne Seubert

 

du gibst der sprache die brust, welt,
wie einem hungernden kind
moment für moment flösst du durch meerengen einem see entgegen,
der den horizont in die diagonale schwärmen und den himmel
senkrecht stehen lässt, aus purer flugangst.

du labst noch den blick, den du fürchtest, welt
legst waffen nieder ehe du erwachst, ehe sie geschmiedet, ehe die sonne die füße aus dem bett
und unter deinen tisch gesteckt hätte,
solange das feuer heiss und der wille weich wie
der regen, den du geborgen hälst für tage
trocken wie diese.

dein traum hat federn gelassen, welt, du schlafwandelst
im hellen noch unter den nackten ballen den schlafsand der vergangenen,
flüchtig gewordenen nacht zur untermiete und
knirschst vergnügt mit den zehen, vers für vers verdrückend,
mit dem appetit einer heranwachsenden, die die schuhe stehen und
die augen weit geöffnet:  wirst du bitte nie erwachsen?