Industriepoesie | Lausitz (2017-19)

Hidden Champion: Görlitz in der Lausitz | © Anne Seubert

“Für viele ist Görlitz die schönste Stadt im Land, vom Krieg verschont und detailreich saniert. Nur ihre Bewohner fühlen sich vergessen. Bei der Bundestagswahl erreichte die AfD hier 32,9 Prozent. Und nun schließt Siemens.” – so fatalistisch begann im November 2017 ein Artikel im Tagesspiegel. Seitdem hat sich einiges getan, einiges nicht.

Heilige und Hure also? Zeit, dass ich mir die Hauptstadt der Lausitz an der Ostgrenze ansehe.

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Görlitz, altes Mädchen, ich kann meine Linse einfach nicht von dir loseisen. Heute souffliertest du mir deine Ecken und Kanten von hinten durch die Brust, legtest karminroten Lidschatten auf und ich fing adhoc an zu blinzeln. Ein Konsul hier, eine Magistrale da und schon halt’ ich wieder drauf, verzeih!Görlitz, Sachsen, Germany | © Anne SeubertDer Schutzfolie bereits unterwegs verlustig geworden, spür ich deine Schrunden und hornhäutenen Ballen doppelt, wenn du mir über die Wange streichst, Baby G. Du lässt die Türen offen stehen, bin ja nur ich, die Tore knirschen leise lispelnd mit den Zähnen und öffnen dann auch bereitwillig ihre Lippen.

Zum Küssen aber ist mir nicht, das wird was platonisches mit uns, ahne ich, als ich dir heute morgen das erste Mal in die Augen schaue: Alt bist du geworden, die Falten stehen dir, auch, dass du dich nicht mehr schminkst. Die grauen Schläfen erst recht und dieser Blick, halleluja, den behalt noch ein paar Jährchen, versprochen?

Görlitz, Sachsen, Germany | © Anne Seubert

Ein Tässchen auf Kante, eine Umarmung am Tor, den Schnack auf Hüfte getragen – es war ein kurzes Vergnügen, eines von den Guten gleichwohl, du nennst es mediterran, bildstark und nachhallend, ich einfach Koffein. Für die Woche danach und den Augenaufschlag morgens um 6, ich weiss, du bist eine Arbeiterstadt, ganz schön textilaffin, mitunter spröde und wenn es drauf ankommt immer ein Knopfloch zum Durchschlüpfen parat.

Görlitz, Sachsen, Germany | © Anne Seubert

Ich bleib noch einen Moment auf den Stufen sitzen, Görlitz my Girl, auch wenn du schon zumachst, aber die Sonne fällt grad so schön und ich hab noch einen Schluck vom guten Schwarzen in der Tasse, ok?

Görlitz, Sachsen, Germany | © Anne Seubert

Wenn man erstmal angefangen hat, nicht mehr weiterzuwissen, wird es irgendwann ganz normal an jeder Kreuzung den Finger abzulecken, (abzulenken?), um wenigstens zu wissen woher der Wind weht, auch wenn man trotzdem stehenbleibt. Es wird normal, sich selbst in leeren Schaufenstern um die eigene Achse zu drehen bis einem schwindelig wird und die Antifa frei Haus liefert, egal ob der Lottogewinn den täglichen Bedarf deckt oder auch nur beim Vornamen kennt.

#ifwallscouldtalk!
Eine Stadt ist ja immer viel mehr Mensch als Stein, ein halber Tag viel zu kurz für alles und das Licht meist auf der anderen Straßenseite. Aber das Licht in Görlitz war gnädig und so reichten die paar Tage in Görlitz für eine kleine Bilderstrecke:

Eine Auswahl der Motive wurde übrigens beim Tag des Offenen Denkmals 2019 in der Jakobstrasse 5a ausgestellt und wer schnell war, konnte sich die Motive als Postkarten sichern. Für alle andern hält der Papiersalon in der Schulstrasse Görlitz sie bereit.

Industriepoesie | Hidden Champions
Rund um Görlitz erstreckt sich die Lausitz über viel Fläche, zwischendurch Dörfer. Dörfer, die Hightech und Handwerk vereinen, die aus Hinterhöfen die Welt mit großen und kleinen Teilchen beliefern und ihr Rad ein bißchen schneller drehen lassen. Industrie-Poesie gibt es noch nicht, ich versuche es trotzdem:

Und die Landschaft? Die Menschen? Die gibt es beim nächsten Mal!