Gelage

Meine Liebe ist kein Einzelkind

Begräbnis, Brandenburg, Germany | © Anne Seubert

Du schlägst die Augen nieder, das Heft auf, die Wolken in deinen Bann und das Wasser in Wellen noch ehe die Knospe geschauert oder ihre Mitte gefunden, von der Blüte gar nicht zu sprechen. Meine Stunde aber ist aus dem Takt, berührt dich je nach Zeitrechnung um ein, zwei Minuten verspätet, stellt dir nach, stellt dich in den Schatten, den Rücken zur Sonne, you know why, und das Gras ausser Bissweite.

Erinnerst du dich, fragt deine Stimme uns aus dem Off, du bist nicht gekommen und hast mich gleichsam mit Leben gefüllt, erfüllt, geflutet, bis über beide Münder satt und somnambul bereit zu ruhen gelegt zwischen Laken, die mehr Nacht als Weissraum dich willkommen hießen wie einen ersten Satz auf einem Blatt Papier, das eben erst geschöpft. Ich erinnere mich, Kapitelbändchen für Kapitelbändchen bis in den zweiten Akt, als du auftratst und ich die Schatten hinter Glas packte, Milch versteht sich.

Das Holz ist noch warm, splittert in Spänen, die die Zukunft mir unter die Haut treiben wie deinen nackten Zeh, den du unter meiner Decke wissen möchtest, auch wenn der Wecker längst die Aufsicht übernommen hat, oder gerade dann. Die Jahre hast du nie gezählt, hast Sommer und Winter zwischen die zunehmend herbstlosen Reigen gedrängt, in schenkelweitende Sonnenaufgänge geflochten, was du erinnert haben wolltest, und hinters nackte Ohr geflüstert, was verinnerlicht. Mein Nabel kennt was du geheimratsecken umschiffend öffentlich machtest, wenn du dich vergaßt: Meine Liebe ist kein Einzelkind.

Gelage

Now is where my heart is

feierabends beide arme hängen lassen und gehen
schlendern statt gehen, hüpfen!
gehen wohin der pfeffer wächst und die schatten lange blicke werfen:
flirt, du mut gewordene zärtlichkeit
du spitzbübisch lächelnder schwarm meiner seele
das leben blüht vielleicht auch backstage, ganz sicher sogar,
und vielleicht da ganz besonders

jenseits des zauns lässt der duft deines lächelns den flieder stehen,
aus dem lied, das mir der mond erzählt eine zeile entführend
auf der meine gedanken sesshaft werden möchten.
schweigend malst du eine welt, ein welt aus waldrand und wetterscheiden,
dort wo sich der wind ins korn verweht, verwirklicht zu was er geboren:
goldrausch auf dem letzten ton des freitäglichen sonnenuntergangs
vermählt im anblick der sterne, baum für baum sich dem meer der musen anheim gebend
die sich eingefunden in zweiter reihe und nachtkleid.

du zeichnest uns ein lied, das sich trägt, trägt und
verträgt mit dem allnächtlichen chor der stille
stille, die wir sinken lassen bis die angst sich zurückgezogen
zwischen alle stühle und schemel fließend, beine zum schmelzen bringend
boden bereitend für ein leben ohne leine, gegossen in die hände von poeten

und mit dem ersten wort schwingt sich dein gottvertrauen auf,
mich zu tränken für den abstand zwischen letter und komma, zu fruchtbarkeit auserkoren:
den atem schöpfung lehren, zug um zug und wange für wange,
hauch an lippe, lippe an locke, locke an stern und stern an herzgeflüster,
denn noch nicht immer gelingt es ein lied zu flechten, das deinen namen atmet.