Gelage

Lass mich gehen

S'Abimer | © Anne Seubert

Immer wieder gelingt es, den Tag zur Nacht zu betten.
Immer wieder gelingt es, die Nacht zum Tag zu erwecken.
Immer wieder gelingt es, in der Mitte der Nacht, den Frühling zu spüren.
Immer wieder gelingt es.

Stülp dein Herz mir über den nackten Schädel,
lass mich gehen!

Immer wieder wagen wir den Schlaf der Gerechten.
Immer wieder wagt es der Sommeranfang, den Frühling zu verabschieden.
Immer wieder wagst du es, mich zu wecken.
Immer wieder gelingt es.

Dreh den Rücken mir zu, wenn du die Decke zurückschlägst,
lass mich liegen!

Immer wieder wollen wir mehr als uns lieb ist.
Immer wieder wollen wir das Runde in das Eckige schieben.
Immer wieder will ein Seufzer sich zwischen die Stillen schummeln, die da ausgebreitet sich räkeln zwischen uns.
Immer wieder will das Gras wachsen, auch wenn keiner zuhört.

Leg den Himmel einen Nadelstreifen tiefer, den Horizont in Falten,
Lass mich fliegen.

Immer wieder gelingt es, die Erde in beide Hände zu nehmen und einen Tag weiterzudrehen.
Immer wieder gelingt es, der Luft einen Duft anheim zu geben, der uns atmen lässt.
Immer wieder gelingt es, zwischen Ja und Nein eine Herberge zumindest für eine Nacht zu erweichen.
Immer wieder gelingt es, die Fragen zu wenden und ein Zeichen zu setzen.

Krempel den Ärmel bis zum Knie hoch, schlag den Bogen ellenweit.
Lass dich gehen.

Gelage

Monte Mio

Der Staub deines Herzens trägt schwer.
Dein Haar hat längst die Kurve gekratzt.
Den Morgen begrüßt du wie einen alten Freund.

Was wenn ich schliefe?

Dein Traum hat längst geschlossen.
Du singst wie du pfeifst, den Atem über die geschlossenen Lippen bergend.
Das Wasser schreitet ins Tal.

Was wenn ich weinte?

Das Paradies ist verschneit.
Du legst Hand an mich und eröffnest meinen Leib.
Du riechst wie ich schmecke.

Was wenn ich mir deinen Teil dächte?