Gelage

Avocadokirschkern an Fingerkuppen

Kerne pflanzen | © Anne Seubert

Das Gold in deinen Augen suchen. Und links im Wimpernschatten finden.
Deine Textunsicherheit feiern. Jede unbetont gebliebene Silbe. Heimlichst.
Deine Stimmlage abheften. Doppelter Faden. Lagerfeuer.
Deine Nordwand anklettern, um dann doch an deinem Südhang die Beine auszustrecken.
Deinem Gras beim Wachsen zuhören. Türrahmenweit.

Deinem Schmunzeln ein Dinnerdate verschaffen. Ehrensache!
Deinem Fingerspitzengefühl Fäustlinge stricken, Merino und Rohseide für die Kuppen.
Deiner Zukunftsangst die Luft rauslassen, was sag ich, das Rad klauen.
Deiner Zartheit einen Adventskalender basteln. Mit Lakritz.
Deiner Stille ein Schloss auf geschliffenem Sand bauen mit Ziehbrücke und Blick auf den Strand an meinem Meer.

Deinem Ohrläppchen ein Fingernagelpröbchen schenken, eins, das so schön kitzelt, bis du grinst.
Deinem Ellbogen einen Pfeil schenken. Mitohne Köcher.
Deiner Ferse Trinkgeld geben, 15 Prozent plus alles, was sich auf’s Fensterbrett stapeln lässt.
Deine Unterarme entlangstreichen bis alle Kurven ad acta gelegt und alle Finger knietief im Kaffeesatz stecken.
Deinen Avocadokern erst auslöffeln, dann ablutschen dann einpflanzen.

Manchester Orchestra hören. Laut.

Gelage

Der Apfel frisch vom Baum

Ernte | © Anne Seubert

Morgens meine schlechten Seiten aufblättern, mittags zwei, drei druckfrische Kapitel aufdecken, nur um abends den Titel im Kasten zu haben?

Abends das Buch unters Kopfkissen legen, nachts den Klappentext auswendig lernen, nur um morgens die Frühstücksflocken in alphabetische Reihenfolge ordnen zu können?

Den Traum auf nach Mitternacht schieben, die REM-Phase in den Aufwachraum und den Wecker in den dritten Akt räumen, nur um halbwegs im Bilde zu sein?

Lasst euch nicht bange machen, am schönsten ist das Leben immer noch ausgeschlafen, die Geschichte selbst erlebt, der Apfel frisch vom Baum und das Ende unerreichbar!