Gestik

Die Körper der anderen

50 Stunden Rehasport klingen erstmal nicht sexy. 1000 mal Umkleide vielleicht schon eher. Aber well, wirklich? Und dann doch. Sehr. Anders. Nachhallend.

Qualitytime zwischen Leibern, wie nur das Leben sie meisselt. Jetzt zum Ende des Winter im zartesten Weiss. Verschmitzte Sekretärinnen und Damen wie vom Grill, Verkäuferinnen wie Gott sie schuf. Ein Fressen für meine Sinne, das ich Gang für Gang genieße und doch nicht genug bekomme. Da fällt ein Socken, hier wird ein BH geknöpft – ich wage nicht nachzusehen, ob zu oder auf. Es ist kein Kokettieren in diesen Bewegungen, die rein der Entledigung nach Feierabend dienen und ich bin dankbar für die nur selten anwesende Hetze.

Du fragst mich, was ich denn daran schön finden könne und dass du das nicht nachvollziehen könntest. Im Gegenteil. Und ich lächele und weiß, dass du ja nunmal Männer in deiner Umkleide hast. Nicht diese unendliche Vielfalt von Schenkelbögen und Brüsten, von sich beugenden Rücken und quellenden Schulterblättern. Von Kniefalten und hinterrücks dem Körper entfliehen wollende Hintern. Nichts mit Schwerkraft trotzen, hier wird gefrönt. Hier gibt es blaue Flecke, die von unzarten Berührungen zeugen, von Tischbeinkanten und röhrendem Alltag.

Du hast nicht die Sicht auf diese schiere Möglichkeit an Bäuchen, schwärmerisch die einen, zerknittert die anderen, drall die dritten, froh dem Hosenbund entronnen zu sein für eine Runde Entspannungstraining. Als könne man Entspannung trainieren. Ich packe meinen Turnbeutel und nehme mit: Das Paar Schuhe mit den runden Kanten von wegen Theraband, das graue T-Shirt und die Ringelleggins, meine Mitgliedskarte und die Erinnerung an die Körper der anderen.

Gestik

Lass mir ein Wunder übrig!

gelb, zwei, drei

Er wollte berührt werden. Da wo es kitzelte, wo ihre Finger Marmeladenkleckse aufspürten, heimische Zwetschge an Tonkabohne etwa, direkt von der Fingerbeere geschleckt. Wenn sie es denn wagte, zu kosten, das Nagelbett mit draller Zungerspitze neckend. Er aber wollte, dass sie seinen Tag umarmte, morgens so gegen viertel vor sechs in den Sekunden bevor der Wecker erwacht. Und wenn er abends zu lange wach blieb, Club Mate sei Dank.

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Er hatte getrunken, sie sah es von Ferne und lächelte doch. Durch die Sehnsucht hindurch und den Trotz, schob den graumelierten Himmel in den Hinterkopf, pulte mit der Zungenspitze Vernunftsfetzen für die kommenden Minuten aus dem linken Eckzahn. Zahnseide wäre jetzt gut, lakenweise. Stets zu Diensten mit Zeit für eine Siesta, für einen Spaziergang gen Noldehimmel, die Wehmut im Nacken, die Knie aufwärts gerichtet, einem nächsten Schritt den Raum bereitend.

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Er betrat den Raum blinzelnd, die rechte Hand lose am Schenkel; ließ seinen Atem von der Leine, der sich alsgleich nackenwärts schmuggelte, en passant die Mulde hinter ihrem linken Ohrläppchen kosend. Ihre Oberlippe ergab sich dem Schauer als letzte, sie hatte er genau im Auge, seinen Zeigefinger Nanometer darüber postiert, auf der Lauer. Spürbar nicht fühlbar, bereit sich zu senken, ohne sich gehen zu lassen, bereit zur Kontakttat, zum Tanz, zum Wagnis Wunder. Was sag ich, zum Kuss.