Gestik

Magisch bis zum Morgengrauen

Dem Weg zur Hand gehen und dem Ziel seinen Schönheitsschlaf gönnen. Eine Runde extra drehen, auf’s Haus quasi bzw. hinterm Haus, da wo der Weg langginge wenn der Fluss ihm nicht das Wasser abgegraben hätte. Den Mut aufbringen und eine Brücke bauen zwischen Vielleicht und Vorgestern und den Tag um Verzeihung bitten für das Reden um den Verstand, über das Wetter und vor allen Leuten.

Heimlich die Augen schließen und Blitzeis vortäuschen, kann ja mal passieren und dann schnell dich an die Lidinnenseite getuscht, bis es brennt und die Wimpern das Weite suchen, als wär das was mit Watte gefülltes, plüschig sanftes, mit Eierlikör genießbares.

Aber das weiß man ja immer erst, wenn man nahe kommt, zumindest näher als du, der du dem Morgen mehr zutraust als dem Zieleinlauf: Wenn das die Sonne wüsste, wäre sie wohl Mond geblieben, der stets unvollendet lockende Rabenvater der Nacht: Magisch bis zum Morgengrauen; unsichtbar, wenn man ihn braucht.

Gestik

Die Körper der anderen

50 Stunden Rehasport klingen erstmal nicht sexy. 1000 mal Umkleide vielleicht schon eher. Aber well, wirklich? Und dann doch. Sehr. Anders. Nachhallend.

Qualitytime zwischen Leibern, wie nur das Leben sie meisselt. Jetzt zum Ende des Winter im zartesten Weiss. Verschmitzte Sekretärinnen und Damen wie vom Grill, Verkäuferinnen wie Gott sie schuf. Ein Fressen für meine Sinne, das ich Gang für Gang genieße und doch nicht genug bekomme. Da fällt ein Socken, hier wird ein BH geknöpft – ich wage nicht nachzusehen, ob zu oder auf. Es ist kein Kokettieren in diesen Bewegungen, die rein der Entledigung nach Feierabend dienen und ich bin dankbar für die nur selten anwesende Hetze.

Du fragst mich, was ich denn daran schön finden könne und dass du das nicht nachvollziehen könntest. Im Gegenteil. Und ich lächele und weiß, dass du ja nunmal Männer in deiner Umkleide hast. Nicht diese unendliche Vielfalt von Schenkelbögen und Brüsten, von sich beugenden Rücken und quellenden Schulterblättern. Von Kniefalten und hinterrücks dem Körper entfliehen wollende Hintern. Nichts mit Schwerkraft trotzen, hier wird gefrönt. Hier gibt es blaue Flecke, die von unzarten Berührungen zeugen, von Tischbeinkanten und röhrendem Alltag.

Du hast nicht die Sicht auf diese schiere Möglichkeit an Bäuchen, schwärmerisch die einen, zerknittert die anderen, drall die dritten, froh dem Hosenbund entronnen zu sein für eine Runde Entspannungstraining. Als könne man Entspannung trainieren. Ich packe meinen Turnbeutel und nehme mit: Das Paar Schuhe mit den runden Kanten von wegen Theraband, das graue T-Shirt und die Ringelleggins, meine Mitgliedskarte und die Erinnerung an die Körper der anderen.