Geliebte

¿Lo ha escrito?

Zum Strand | Anne Seubert

Unsere Geschichte beginnt mit deinem Blick als ich mir das Bett aussuche und du Ja sagst. Ja zu deinem Bett, das ich dir damit zugewiesen haben und das ich nicht haben wollte. Dass das Ja ebenso mir galt, verstand ich erst Wochen später.

The six best doctors, zählt das Poster an der Wand auf: Sunshine, Exercise, Sleep, Wate, Air, Love. Keine Pointe.

Um neun wolltest du mit mir an den See, wir trafen uns als die anderen zu feiern anfingen. Du nahmst meine Hand in dein Herz und dann umgekehrt und zwischendurch legtest du deinen Kopf auf meinen Bauch. Den Feueranzünder in deiner Hosentasche bemerkte ich zwar, aber ich wollte nicht verstehen und erst recht nicht nachfragen. Ich roch dein Haar, dass so stark und rau war war meine Fußsohlen. Du hattest einen Plan, das war gut, denn ich hatte keinen. Ich hatte Ja gesagt, mehr Gedanken traute ich mir nicht anzusetzen und vermutlich hätten sie mehr zerstört als ermöglicht.

Yoga um 8 Uhr morgens, African Dancehall abends um sechs, es war klar wofür ich mich entschied und dass du, die du morgens meist noch schliefst, wenn ich mich aus dem Zimmer schlich, auch mit von der Partie warst, lag sicher auch an ihr, deren Namen, ich vergessen habe, die uns aber zu Bewegungen verführte, die wir uns nie zugetraut hätten. Ich machte alles mit und war mir bewusst, dass ich alles andere als anmutig wirkte. Ich wollt einfach Bewegung in diesen meinen Leib einhauchen, der mal wieder viel zu lange am Schreibtisch gesessen hatte.

Coworking klingt gut, ist aber genauso anstrengend wie normale Arbeit und meistens welche am Bildschirm. Genau die also, die ich vermeiden wollte, als ich für den Sommer aufs Land zog. Und doch muss das Geld irgendwo reinkommen und am Bildschirm erledigte Arbeit bringt leider mehr Geld ein als alles alles andere. Wobei, vielleicht sollte ich doch nochmal Coaching probieren. Erstmal aber dich, zumindest war das dein Plan, von dem ich lange nichts ahnte.

Ich freute mich über deine verschmitzten Nachrichten, die auf meine Laptop klebten oder auf abends auf meinem Kissen auf mich warteten und brachte dir von meinen Streifzügen über die Felder wilde Feldblumensträuße mit, wie allen anderen tollen Frauen im Haus auch. Die Ahnung beschlich mich tatsächlich erst bei der ersten Nachricht auf dem Kopfkissen, da fühlte ich mich geschmeichelt und auch ein wenig angestachelt. Wollen wir doch mal sehen und wie sehr wir das wollten.

Trotzdem warteten wir bis zur letzten möglichen Nacht, die du fast in Berlin verbracht hättest, um von da das Land zu verlassen. Und dann warst du doch da, nahmst mich an die Hand und mit an den See und übers Feld, das du für uns in Flammen versetzen würdest, während ich die Augen schloss und mich in deine Arme versenkte.  Ja, die anderen warteten, und zwar auf dich, denn du solltest verabschiedet werden und doch hatten wir den Himmel und den Himmel voller Sterne und das Feld und das Feld voller Flammen und das Bett, das Bett voller Locken, die du mitbrachtest und mir in den Schoß legtest.

Als die Sonne am nächsten Morgen vorbeischaute, lächeltest du bereits zwischen meinen Brüsten und ich weigerte mich dieses Lächeln wieder loszulassen. Wir ignorierten alles, den Raum um uns un die Menschen darin, die Zeit, die nicht zu uns halten wollte und erst recht die Fragen, die uns bestürmten und sich zumindest halbernst um unsere Aufmerksamkeit balgten: Wir  hielten die Augen geschlossen und damit die Nähe geschützt, die sich adhoc in uns ausgebreitet hatte, verführerisch warm und unwiderstehlich bis in die letzten Nervenenden und bis heute den Boden für ein Wir auflockernd, das wir täglich gießen kommen, ein Ja hier, ein Ja dort.

¿Lo ha escrito?

Hast du sie aufgeschrieben, hast du mich heute gefragt. Wie hätte ich das nicht tun können, wollte ich antworten, bis mir bewusst wurde, das ich genau das noch nicht getan hatte, obwohl ich sie täglich las: Zwischen deinen Locken, in deinen Bildern, aus deinen Worten, die du mir unterschiebst, wann immer du zwei Sätze angespart hast, und dann leg ich nach, bis das die Funken sprühen und der Himmel die Flügel ausbreitet und uns Luft zufächelt, bis die Glut alleine brennt, du deinen Blick in den Ring wirfst und ich mein Ohr in deinen Nacken lege. Einen Satz noch, ein Spiel, einen Spagat über Kontinente hinweg, dann schreibe ich uns ins nächste Kapitel. ¿Estás de acuerdo?

 

Geliebte

Mama hab ich dich nie genannt

Mama & Anne

Mutter, sing mir mein Lied
Mutter, dass du mich liebst
Mutter, sie war so gemein
Mutter, ich will wieder heim

Mutter, klag mich nicht an
Sag nicht, ich wäre kein Mann
Mutter, du warst doch so stolz auf mich
Mutter, ich lieb doch nur dich

Du hast doch auch gesagt, Beamter
Wär der richt’ge Job für mich
Und dass ich Gedichte schreibe
Das find’st du lächerlich
Und jetzt lässt du mich nicht mal auf deinen Schoß
Weil du meinst, dafür bin ich schon zu groß (…)
Marius Müller Westernhagen

Als ich meine Mutter heute morgen anrief, freute sie sich hörbar. Darüber, dass ich anrief und wir sprechen konnten. Sie hatte nicht damit gerechnet, denn sie hatte den heutigen Muttertag nicht auf den Schirm. Wir lachten zusammen und sie fragte im Scherz, wieviele Punkte sie denn als Mutter bekäme, ohne eine Antwort zu erwarten. Wir sprachen noch kurz von Muttertagsgeschenken, Kreuzsticharbeiten waren uns beiden in Erinnerung, da muss ich in der Grundschule gewesen sein, und Blumen, Briefe, Lieder auch. Hier bog sie auch schon ab zu meiner Inbrunst, mit der ich erschaffte und vortrug, aussuchte und inszenierte. Schenken war mir stets ein Anliegen, ein Vergnügen und ein schmaler Grad gleichermaßen: Ich konnte mich vertiefen und unendlich unter Druck setzen.

Dieser Einstieg in unser heutiges Telefonat steht für mich für diese Frau, die ich tatsächlich nie Mama nannte, nie mit Mutter, Mutti oder Mom ansprach, sondern stets mit ihrem Vornamen. Meine Mutter ist eine schöne Frau. Und doch hat sie es immer geschafft, dass sie für mich vieles war, talentiert, stark, tapfer, zart, albern, anstrengend, ehrlich, hart, kalt, bescheiden, ausdauernd, unerschöpflich, weiblich, kritisch, fordernd, zäh, großzügig und häufig eine Komplizin, wenn es darum ging, das Leben um die nächste Ecke zu bringen. Sie ist auf so viele Weise begabt, dass es mir als Kind oft den Atem raubte. Aber schön? Ihre offensichtliche Attraktivität und Schönheit habe ich erst später entdeckt.

Auf zu neuen Ufern, lautete denn auch ihr Schlachtruf bei Liebeskummer, beruflichen Sackgassen oder Fehlentscheidungen. Als Mutter war sie die ersten Lebensjahre viel an meiner Seite, und seit wir Hunderte von Kilometern entfern voneinander leben, halten wir uns über Telefonate, Pakete, Briefe und Postkarten auf dem Laufenden. An was arbeitest du gerade? Welche Musik inspiriert dich? Ich habe da letztens was gelesen, das könnte dich interessieren – zur Zeit sind das unsere Themen. Sie weiß oft sehr genau, was sie will und was ihrer Meinung nach gut für mich wäre. Nicht immer hat sie dafür die heutige Anne vor Augen, oft schiebt sich die kleine Anne dazwischen. So verriet sie mir letzthin, als die ersten Schatten der Einschränkungen und Bedrohungen durch Corona gerade aufzogen, sie habe überlegt, was ich denn am besten könne und überlegt, mir einen Klumpen Ton zu schicken. Töpfern, das habe ich ein paar Jugendjahre lang tatsächlich gemacht, wenn auch aus meiner Wahrnehmung mit mehr Begeisterung als Talent, aber keiner meiner heutigen Freunde käme wohl auf die Idee, mir mit einem Klumpen Ton etwas Gutes zu tun.

Letzte Woche hat sie mir Samen für meine Balkonkästen geschickt. Feuerbohnen, um genau zu sein. Sie hat die Packung aufgerissen und zwischen uns aufgeteilt. Auch das ist meine Mutter. In einer Familie von drei Männern sind wir zwei Frauen mitunter die Schwestern, die die Kleidung tauschen oder sich Blumen schenken. Wobei letzteres viel einfacher ist, ist meine Mutter doch deutlich kleiner und zarter als ich. Zum Geburtstag näht sie mir manchmal was. Nicht immer ist es mein Geschmack, manchmal geht ihrer mit ihr durch, so bleibt sie bei der tiefen Überzeugung, dass mir Grün steht.

Ich habe von meiner Mutter nicht Kochen gelernt, wobei. Dafür Ehrlichkeit, Mut und Hartnäckigkeit und das Wissen, dass Rollen nur eine Idee sind, meist von anderen, dass man selbst aber mitnichten einer Rolle verpflichtet ist. Dass Ernst nur eine von vielen Optionen ist. Dass man seinen Bedürfnissen eine Stimme schuldig ist. Dass eine kleine Dosis Grossartigkeit ganze Tage erhellen kann. Und die Gabe, damit gerne großzügig zu sein, allen zugute kommt.