Geliebte

Jeder Mensch ist eine Insel, ich bin das Meer

Taus Makhacheva, Super Taus and a Camel Yasha, 2017; © Foto: Imam Guseinov; Dank an Dzhamilya Dagirova, Naida Omarova; in Auftrag gegeben von R&D Magazine

“If we opened people up, we’d find landscapes. If we opened me up, we’d find beaches.”
— Agnès Varda

Kamelfarben der Sand, der Mantel, das Meer bei Sonnenuntergang auch für Minuten zumindest, ist das Kamel mir als Träger von Träumen und Sehnsüchten ein vertrauter Begleiter – wenn auch selten im Hier und Jetzt. Als Kind verortete ich die Tiere in der Sahara, sah sie im Zoo und lernte in der Schule über sie: Wasser könnten sie literweise speichern und Menschen durch die Wüste tragen. Es gab die mit einem, Dromedar, und die mit zwei Höckern, Kamele. Oder was es andersrum? Es gab sie von aus Schutz vor dem fliehenden Wind bis zu den Augen verhüllten und ebenso starken wie süßen Tee aus kleinen Tassen schlürfenden Tuareg geführt in Karawanen durch die so fernen Wüstenlandschaften ziehen.

Wüstenschiffe, geboren mit Sand in den Augen

Wüstenschiffe nennen wir sie, die wir sie nicht in unserem Alltag, nicht als Totemtier, nicht als Sternzeichen haben. Wir wissen nicht, was Kamele fressen, schon gar nicht wen, und ob sie gefährlich sind? Keine Ahnung! Aber 2024 ist nicht nur das Jahr des Drachen! Angesichts der Suche nach Lösungen für den Klimawandel sind Kameliden zum Hoffnungsträger für Medizin, Ernährung und Textilindustrie geworden und die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat 2024 zum Internationalen Jahr der Kameliden erklärt. Kameliden, das lerne ich, sind sie alle: die in unserem Sprachgebrauch als Kamele bezeichneten Dromedare und Trampeltiere, und die kleineren, höckerlosen Lamas, Vikunjas, Guanakos und Alpakas. Und spätestens da, ahne ich, die können nicht nur tragen, die können auch wärmen, denn die Kamelhaardecke ist die wärmste Decke in meinem Bestand.

Am Horn von Afrika leben die meisten Menschen in nomadischen Gemeinschaften und kämpfen aufgrund des Klimawandels häufiger auftretenden Dürren ums Überleben. Rinder, Schafe und Ziegen sterben während einer Dürre als erstes, Dromedare hingegen sind robust, sie kommen wochenlang ohne Wasser aus und verzehren stachliges Wüstengewächs. Ihre Milch ist fett und nährt die Hirtenfamilien und versorgt sie zugleich mit Vitaminen und Mineralstoffen.

Ein Kamel reiten? Ein Traum aus Kindertagen. Ein Kamel, das einen zur nächsten Oase bringt, die nicht nur Fata Morgana, eine Luftspiegelung, sondern wirklich eine Quelle sprudelnden frischen Wassers beherbergt. Vielleicht war das viel zu kurz gedacht und das Kamel und seine Kameliden als Begleiter auf unserem Weg in die Zukunft vermutlich eine gute Wahl. Ich möchte mehr wissen. Muss ich dazu in die Wüste reisen? Für den Anfang reicht vielleicht ein Ausflug ins Wiener Weltmuseum, aber wie ich mich kenne, ist die Sehnsucht damit nicht gestillt, sondern erst recht befeuert!


Auf dem Rücken der Kamele, Ausstellung Weltmuseum Wien, 27. Februar 2024 bis 26. Jänner 2025
Das Zusammenleben mit Kamelen und ihren Verwandten prägt Kulturen. Es bildet die Lebensgrundlage für Menschen in vielen Teil der Welt und ist Teil deren kultureller Identität. Das Weltmuseum Wien geht im Jahr 2024 den vielen Facetten dieses Zusammenlebens mit Dromedaren, Trampeltieren, Lamas und Alpakas in einer Sonderausstellung nach.

 

 

Geliebte, Stadtrand

Unter Hochdruck

Für B.

Einer kann nur unter Druck
Einer bringt sich erstmal in Form
Einer tanzt auf der Stelle
Einer bleibt lieber allein.

Einer steht gern am Anfang
Einer sitzt vor dem Punkt
Einer lugt lässig aus der Wäsche
Einer lehnt sich lieber an.

Einer versucht es kursiv
Einer trägt nichts als schwarz
Einer mag sich in Farbe
Einer steht zwischen zwei Silben.

Einer kommt mit Familie
Einer frisch vom Klischee
Einer weiß wie er aussieht
Einer liest sich am besten blind.