Geliebte

Mama hab ich dich nie genannt

Mama & Anne

Mutter, sing mir mein Lied
Mutter, dass du mich liebst
Mutter, sie war so gemein
Mutter, ich will wieder heim

Mutter, klag mich nicht an
Sag nicht, ich wäre kein Mann
Mutter, du warst doch so stolz auf mich
Mutter, ich lieb doch nur dich

Du hast doch auch gesagt, Beamter
Wär der richt’ge Job für mich
Und dass ich Gedichte schreibe
Das find’st du lächerlich
Und jetzt lässt du mich nicht mal auf deinen Schoß
Weil du meinst, dafür bin ich schon zu groß (…)
Marius Müller Westernhagen

Als ich meine Mutter heute morgen anrief, freute sie sich hörbar. Darüber, dass ich anrief und wir sprechen konnten. Sie hatte nicht damit gerechnet, denn sie hatte den heutigen Muttertag nicht auf den Schirm. Wir lachten zusammen und sie fragte im Scherz, wieviele Punkte sie denn als Mutter bekäme, ohne eine Antwort zu erwarten. Wir sprachen noch kurz von Muttertagsgeschenken, Kreuzsticharbeiten waren uns beiden in Erinnerung, da muss ich in der Grundschule gewesen sein, und Blumen, Briefe, Lieder auch. Hier bog sie auch schon ab zu meiner Inbrunst, mit der ich erschaffte und vortrug, aussuchte und inszenierte. Schenken war mir stets ein Anliegen, ein Vergnügen und ein schmaler Grad gleichermaßen: Ich konnte mich vertiefen und unendlich unter Druck setzen.

Dieser Einstieg in unser heutiges Telefonat steht für mich für diese Frau, die ich tatsächlich nie Mama nannte, nie mit Mutter, Mutti oder Mom ansprach, sondern stets mit ihrem Vornamen. Meine Mutter ist eine schöne Frau. Und doch hat sie es immer geschafft, dass sie für mich vieles war, talentiert, stark, tapfer, zart, albern, anstrengend, ehrlich, hart, kalt, bescheiden, ausdauernd, unerschöpflich, weiblich, kritisch, fordernd, zäh, großzügig und häufig eine Komplizin, wenn es darum ging, das Leben um die nächste Ecke zu bringen. Sie ist auf so viele Weise begabt, dass es mir als Kind oft den Atem raubte. Aber schön? Ihre offensichtliche Attraktivität und Schönheit habe ich erst später entdeckt.

Auf zu neuen Ufern, lautete denn auch ihr Schlachtruf bei Liebeskummer, beruflichen Sackgassen oder Fehlentscheidungen. Als Mutter war sie die ersten Lebensjahre viel an meiner Seite, und seit wir Hunderte von Kilometern entfern voneinander leben, halten wir uns über Telefonate, Pakete, Briefe und Postkarten auf dem Laufenden. An was arbeitest du gerade? Welche Musik inspiriert dich? Ich habe da letztens was gelesen, das könnte dich interessieren – zur Zeit sind das unsere Themen. Sie weiß oft sehr genau, was sie will und was ihrer Meinung nach gut für mich wäre. Nicht immer hat sie dafür die heutige Anne vor Augen, oft schiebt sich die kleine Anne dazwischen. So verriet sie mir letzthin, als die ersten Schatten der Einschränkungen und Bedrohungen durch Corona gerade aufzogen, sie habe überlegt, was ich denn am besten könne und überlegt, mir einen Klumpen Ton zu schicken. Töpfern, das habe ich ein paar Jugendjahre lang tatsächlich gemacht, wenn auch aus meiner Wahrnehmung mit mehr Begeisterung als Talent, aber keiner meiner heutigen Freunde käme wohl auf die Idee, mir mit einem Klumpen Ton etwas Gutes zu tun.

Letzte Woche hat sie mir Samen für meine Balkonkästen geschickt. Feuerbohnen, um genau zu sein. Sie hat die Packung aufgerissen und zwischen uns aufgeteilt. Auch das ist meine Mutter. In einer Familie von drei Männern sind wir zwei Frauen mitunter die Schwestern, die die Kleidung tauschen oder sich Blumen schenken. Wobei letzteres viel einfacher ist, ist meine Mutter doch deutlich kleiner und zarter als ich. Zum Geburtstag näht sie mir manchmal was. Nicht immer ist es mein Geschmack, manchmal geht ihrer mit ihr durch, so bleibt sie bei der tiefen Überzeugung, dass mir Grün steht.

Ich habe von meiner Mutter nicht Kochen gelernt, wobei. Dafür Ehrlichkeit, Mut und Hartnäckigkeit und das Wissen, dass Rollen nur eine Idee sind, meist von anderen, dass man selbst aber mitnichten einer Rolle verpflichtet ist. Dass Ernst nur eine von vielen Optionen ist. Dass man seinen Bedürfnissen eine Stimme schuldig ist. Dass eine kleine Dosis Grossartigkeit ganze Tage erhellen kann. Und die Gabe, damit gerne großzügig zu sein, allen zugute kommt.

Geliebte

Vor Freude

Einfahrt | Anne Seubert
Vor Freude zwei Mal aufwachen
dazwischen
dir um den Bart streicheln
und auch mal durch den Bart durch.
Schön war es
im Traum dir die Füße zu küssen
jeden Zeh einzeln unter der Decke hervorzulocken
und auf Ex
deinen Bauchnabel zu umrunden.
Immer wieder
im Visier deine Lippen
auf die die Sonne sich setzt nicht nur zur Mittagszeit
mit Schattenspielertricks zu necken
ohne dich küssen zu wollen
(was natürlich gelogen war).
Dich berühren
ohne dich zu berühren
ohne teilen zu dürfen
ohne deinen Willen geschehen zu lassen
ohne deine Fingerspitzen zu kosen
mit meiner Haut oder unser beider Atem?
bleibt Vorfreude.