Geliebte

Bevor alles zu spät und wir wahr

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Manchmal denke ich an dich.
Dann erinnere ich mich, dass du
genauso gerochen hast, wie ich dich in Erinnerung hatte,
und schon
denk ich mich an dir entlang,
erst zufällig,
gelandet, da wo dein Hemd einen Knopf offen trug,
und von dort
von Lieblingsstelle zu Lieblingsstelle.
Schließlich über deine Schulter, und von dort,
mit etwas mehr Abstand wieder
weit über dich hinaus.

Manchmal denke ich an dich.
Dann fällt mir ein, dass du
gar nicht da bist, wo ich dich in Erinnerung habe,
und schon
habe ich dich wieder im Arm und dein Gewicht
wiegt so schwer wie du wirklich bist
an meiner Schulter, da, wo eigentlich nur dein Kopf lag.
Wo plötzlich ein ganzes Leben
sich breit machte, und lang und schwer,
denn ausgesprochen macht so ein Leben
ganz schön was her.

Manchmal denke ich an dich.
Dann spüre ich diesen deinen Blick,
der mich wie immer freundlich, aber bestimmt
auffädelt und,
ohne auch nur eine Wimper auf’s Spiel zu setzen,
jeden Augenblick beim Vornamen nennt und ihm Burrata serviert
mit einem Extra-Schuß süßer Crema,
und vor der Sperrstunde ein Glas von dem roten Wein bestellt,
bevor alles zu spät
und wir wahr.

Geliebte

Versuch einer Anschmiegung

St Agnes | © Anne Seubert

Manche Orte erzählen sich selbst,
andere brauchen jemanden, der sie erzählt,
einen Fremden etwa, der sie in seinen Blick genommen, der sich hat berühren lassen, anrühren und der uns berichtet,
von diesem Ort, den er aufgesucht und wieder verlassen,
um uns zu erzählen, was ihn berührt.

Einen Ortskundigen, der die Kunde weiterträgt, Schulterblatt voraus.
Solche Menschen tragen den Schlüssel zu ihrem Ort um den nackten Hals, herznah gebunkert.
Er liegt ihnen auf der Brust, kommt zum Liegen, nur wenn du ganz stillstehst, wird sodann für Momente sichtbar:
das Metall, der Bart des Schlüssels, der senkrecht steht auf deiner Haut, der er fremd und zugleich vertraut.

Diese deine Haut, die sich zeigt, wenn du das Haar zurückschlägst,
wenn du den Mantel aufschlägst,
wenn sich der Saum deines Rocks entscheidet,
ein paar Zentimeter preiszugeben, als gäbe es Maßbänder auch in rosarot,
als wären die Geschichten lesbarer nur weil deine Haut bloß.

Auf leisen Talsohlen legt sich dein Körper in die Kurve,
die das Laken löst, von Schüchternheit keine Spur, die der Schlüssel nicht öffnen könnte.
Spürbar
wage ich Blick für Blick ein Streicheln,
versuchsweise, vague gehalten, es könnte auch ein Versehen,
aber es ist mehr, weiss deine Haut in Schauern zu berichten.

Auf ungemachten Betten liegen wir frühs trunken von einer Reise mit dem Finger auf deiner Haut,
durchscheinend wie frischgeschöpfte Molke unsere Leiber, zart,
den Versuch einer Anschmiegung im Ohr:
die Geschichte zwischen uns, den Ort zwischen den Zähnen,
und auf halb elf ein Frühstück, das noch zubereitet werden will,
sobald der Ort wach und du flügge.