Gemäuer

Nagelpröbchen auf Format

Der kleine Buchladen, Berlin | © Anne Seubert

Du hast dich mir vorgestellt, Großbuchstabe voran, Komma im Abgang.
12 Silben und ein Vaterunser, hattest du dich lächelnd erklärt, noch ehe ich nachfragen konnte und eine Apostrophe nachgeschoben, imperativ gesetzt. 

Ich hatte keine Zeilen mehr, aber eine Fußnote ließ sich freischaufeln, in die du deine Lettern mehr schobst als schriebst, die Kapitalen linksbündig, die Minuskeln spielend kursiv dazwischen und das T, in das ich mich auf Anhieb verguckt hatte, bekam die Bahn frei. Beschnitt war nicht, aber drei, vier Leerstellen bekamen wir unter. 

Barfuß am liebsten, heiß geprägt, ohne Kaschierung stünde auf deinem Stein, würdest du nicht Papier bevorzugen. Teil des Textes zu sein war dir nie so wichtig, wie auf der richtigen Seite zu stehen, der Ton näher als der Punkt, das Format wesentlich.

Gemäuer

Schönheit im Tun und Lassen

Beauty | © Anne Seubert

Schönheit, sagst du, sei Klarheit, das will mir nicht in den Kopf. Schönheit, will ich ansetzen, ist alles andere als Klarheit, ist diese ergreifende, nicht greifbare Erscheinung, dieses Wow, das aus dem Kehlkopf steigt. Ist gierig und sich selbst genug, ist rund und Askese, Abwesenheit von Zeit und Reife zugleich. Ist Abenteuer und Ankunft, Aufbruch und Vanitas, Stille und Aufschrei.

Schön seien die anderen, erwiderst du, niemals man selbst und ich frage mich, wer dir den Spiegel vorgehalten hat ohne dir dein konvexes Wesen vorzustellen, Schönheit vollendet sich immer im Auge des Betrachters,  möchte ich ergänzen, serviert zwischen dir und mir, da wo dein Atem den meinen umschmiegt und weiss zugleich, wie wenig das Auge allein richten kann über Schönheit und ihre Anverwandten.

Schönheit will gesehen werden, schließt du und ich rufe alle schönen Geister, sich zu versammeln: Schatten und Schäreninseln, Edelfräuleins und Eremiten, im Gegenteil, will ich rufen, Schönheit braucht Einsamkeit, um zu wachsen, Schilf, um zu gestalten, Wundheit, um zu gedeihen,Stille, um zu verweilen.  Schönheit will malen, gestalten, schaffen, schreite ich ein, und ist, um geschaffen zu werden, geboren: Gestatten, von und zu Widerspruch mein Name, mit doppeltem Hauch und unlauterem H im Abgang!