Gemäuer

Zeit des Kragenknopflochs

Der Atem zögerlich, die Beine Perserteppichen gleich ein gewebtes Mosaik eingefärbter Wollfäden: ins Stocken geraten, in die Fläche gedrungen, aller Dimension verlustig gegangen, der nächste Schritt einer der unmöglich. Der rechte Fuß dem linken fremd, zwischen ihnen eine Sturmflut brandend, kein Ufer in Sicht. Schenkel, die zittern statt halten, Knie, die ihrer Rolle fern zu Schildern mutieren, durchgedrückt bis an die Wand, die mehr Vermutung denn Architektur, und eine Hüfte, die alle Schlösser schließt, seien sie auf Sand, Stein oder Mutterkuchen gebaut.

Der Schlaf einer, der des Träumens überdrüssig, einer, der fragt bevor er das Fenster öffnet auch wenn ihm bei geschlossener Tür die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben scheint: Augöffnungen als Zeugen eines Kopfes, dessen Leere hallt. Dessen Ufer brackiges Wasser zur Schau stellen um die Trockenheit zu vertuschen: Notdurft Smalltalk.

Der Blick einer, der bei Ankunft heilt. Doch Heilung etwas für Turteltauben, erwiderst du mit Blick auf das Kopfsteinpflaster, öffnest deine Wunde und legst die Mähne aufs Schafott: Aufgeben wieder als Aufgabe wahrnehmen, den Seitenstrang bloßlegend, den Nacken offen tragend: Es ist die Zeit des Kragenknopflochs, das die Nelke trägt auch und gerade wenn der Knopf längst verloren: Die Revolution am Revers und das Revers an der Reissleine.

Gemäuer

Der vorletzte Moment

Abandoned, Heilstätten Beelitz | © Anne Seubert

Zeit, du flüchtiges, du hochverehrtes, hochbetagtes, hochbegabtes Wesen, lass dich anschauen!
Lass dir dieses Stündlein schlagen und diesen Moment servieren, den vorletzten, den, den keiner will, weil alle auf den allerletzten aufspringen wollen.

Zeit, hast du lange warten müssen? Hast du dir Raum und Fenster mitgebracht und Schnittchen?
Lass dich gegen den Strich bürsten und streicheln, zur Brust nehmen und dir die Sonnenbrille abnehmen, lass dich fallen und über die Schwelle tragen: Lass dich ansehen, nur du und ich und ein paar Jahre, die ins Land gegangen waren.

Lass dich zurückdrehen und vorspulen , lass dich ein und aus und vergessen: Du hast mir gefehlt, weisst du das? Du warst mir mal nahe und vertraut, ich wusste alles von dir auf die Minute genau, du stopptest mich nie und dann war es plötzlich leise geworden um dich. Nicht dass ich dich vergessen hätte.

Heute aber lass ich dich von der Leine, lass dich zögern, zappeln und springen: Ich will dich verschenken, verschwenden, verteufeln und vor Gott und der Welt nehmen mit allem was mir zu Kopf steigt, wenn ich im Moment und du bei mir bist.