Gemäuer

Ein Buchhändler. Ein Buch. Ein Museum. Eine Geschichte. Eine Freundschaft.

Brachiosaurus_CMYK[1] © Museum für Naturkunde

Für seinen Direktor Johannes Vogel ist es der ideale Ort für das Staunen, für Begegnungen  – und das Aushandeln unserer Zukunft. Für die unzähligen Föten, Skelette und Präparate und Mineralien ist es eine letzte Bühne und für seine Fans und Besucherinnen jeden Alters Magnet und Tür in Welten, die im Alltag nur spurenweise anzutreffen, wenn überhaupt. Für eine Geschichte ist es Fleisch und Blut und Austragungsort – bis zum Showdown. Das Naturkundemuseum Berlin.

Ähnlich geht es vielen Menschen und auch mit mit Büchern, Schlupflöcher und Komplizen in Alltag und Urlaub. Ganz wichtig in beiden Fällen: die Schwellenhüter. Im einen Fall die Museumsmitarbeiter, im anderen Buchhändlerinnen, im besten Fall beide aus Passion. Ich schätze mich glücklich, dass einer dieser ganz besonderen Buchhändler mich im letzten Jahr mit einer Auswahl Diogenes-Bücher beglückte. Unter ihnen das “Museum der Erinnerungen”, das mich erst auf den zweiten Blick erreichte, Titel und Cover waren meine Sache nicht, aber kaum hatte ich zu lesen begonnen, hörte ich nicht mehr auf. Im Zentrum: Das Naturkundemuseum Berlin und eine seiner Mitarbeiterinnen mit ganz eigener Geschichte und eigener Beziehung zu den Objekten des Museums. Selbst Sammlerin auf eine Art.

Ich hatte es noch nicht ausgelesen, da wusste ich, wer dieses Buch als nächstes lesen muss. Meine Freundin Stephanie, ihres Zeichens Archäologin, Kunstwissenschaftlerin – und Museumsliebhaberin, die im letzten Jahr gar ein Projekt dazu gestartet hat: museums.love
Wie die Protagonistin ist auch sie vor einigen Jahren nach Berlin gezogen und tatsächlich waren wir vor vielen Jahren einmal gemeinsam für eine Nacht im Naturkundemuseum, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir trafen uns zu einer Buchübergabe, ich gebe zu, ich war gespannt auf ihre Perspektive: Hatte ich ob der Parallelen und des Sujets richtig vermutet, dass sie das Buch genießen würde? Gestern dann erreichte mich Ihre Nachricht in Form eines Videos – und das möchte hier gerne mit euch teilen:

PS: Wohl dem der solch einen Buchhändler zu seinen Freunden zählen darf, solche Bücher zu seinen Betthupferln, solche Freundinnen zu seinen Musen. In Zeiten wie diesen unbezahlbar.

Gemäuer

Schattenwerfer

Spiegelung | Anne Seubert

Du wirfst den Schatten ins linke Auge. Ein Schatten der erst flackert, dann weicht und es schliesslich wagt, zu landen. Ein Land zu öffnen, das erst blinzelt, wenn das Ufer in Sicht, wenn das Meer sich zurückzieht auf eine Insel jenseits des Sichtbaren. Das Sichtbare, dass du fürchtest, wie der Schatten das Licht, da gleicht ihr euch sehr.

Du weist der Wand die Tür und trägst sie über die Schwelle, als das Wasser steigt. Das Wasser, das Wände flach legt, ganze Mauern, das fließen macht, das selbst Woge und Gischt und Tropfen auf den heißen Stein. Den Stein, den du dir in die Hosentasche sicherst, als gäbe es Halt to go und Gewicht auf Zuruf.

Du stellst die Uhr auf viertel nach acht und legst das Ufer zu den Akten, wie einen ausgedienten Liebhaber. Die Liebe dir zu Füßen wie das Fell, das deinen Fußsohlen schmeichelt als wäre Strand etwas, das nachwächst. Ein Wachstum, an das wir alle glauben, so lange wir noch nicht an Land, so lange uns die Welle im Wasser trägt. Das Wasser, das jeden Gedanken so umspült, dass jede Flucht obsolet, jede Wirklichkeit nur eine von vielen an einem Horizont, der sich mit jeder Welle neu erhebt, auflöst oder teilt, nie aber einen Schatten wirft.