Gelage

Küsst Gott? Wenn ja, wen?

In meine Wimpernzwischenräume hast du dich gerettet, am Fuße meines Grübchen dich niedergelassen, hast Wurzeln geschlagen. Dein ebenso heimliches wie kindliches Lächeln, das, das es nur am Telefon gab, hat sich gar hinter meinem linken Ohrläppchen verschanzt. Dort klingelt es bei längeren Zugfahrten und wenn mich nachts eine SMS aus dem dünn gewordenen Schlaf ruft. Mal schüchtern nuschelnd und unterbrochen wie von Funklöchern, mal in breitestem Schwäbisch, den Singsang des Dialekts schwungvoll zur Lippenbogenbildung ausnutzend.

Meine Tagträume haben sichtbar Federn gelassen, sie verlangen nahezu stündlich nach Vitamintabletten, mein Powerhouse, meine Fingerspitzen sind spürbar abgekühlt, ich trage den Mut jetzt eher in den Kniekehlen. Deine bärlauch-farbene Ernsthaftigkeit hat sich den Moment des ersten Kaffeeschlucks gekrallt, unabhängig von der Tageszeit beschleicht mich zur Bitternis des Gebräus nun gerne einer deiner dunklen Blicke. Rumort im Abgang noch in den finstersten Gewölben meines Gaumens, tastet mit Vorliebe die dabei unwillkürlich entstehenden Stirnfalten ab. Weiß um meine Weichheit was die Dämmerung, um meine Unlust was Mundgeruch anbelangt.

Deine Unsicherheit hat Schalk bewiesen und meine Zweifel angezapft um gemeinsame Sache zu machen. Hat Schleppnetze gesät und entsprechend Unmut geerntet, zugleich aber Inseln geschaffen, an die beim übereilten Abschied bereits Schnippsel unserer verzärtelten Ängste, gedrechselte Echos wunderlichen Worte und Skizzen deines bleiernen Elfenbeinturms geschwemmt wurden. Die Steilküste am Nordufer war sturmumfluteter Zeuge unseres Aufbäumens und trägt – eingeritzt in die Wände ihrer unterirdischen Höhlen – die letzten Stempelabdrücke unserer U-Bahn-Karten.

Meine Seele aber giekst weiterhin unwillkürlich, sobald meine Gedanken in deine Richtung abschweifen, sie errötet genüsslich beim Ausformulieren deines Vornamens in einer Art, dass mir das Gefühl deiner warmen Haut meine Handinnenflächen entlangstreicht, meine Lebenslinie wachkitzelt, so dass meine Zunge sich vor konspirativer Kusslust kräuselt.

Alles Oberflächlichkeiten, ich weiß wohl, flüstert mein Seelchen, mein inwändiges Dolby Surround System mit all den untertourig mitschwingenden unübersetzbaren Zwischenzeilen zum Beben bringend, atemlos, aber siegesgewiss. Das wissen wir beide, nicke ich, auch dass der Untergrund, ein wiewohl meist blickdicht verschlossener so doch ausschlaggebender war. Sollte er unseren Weg oder auch nur meine Wahrnehmung nochmals kreuzen, ich lade ihn auf die überfällige Pizza ins Z. ein, die Nacht danach verbringt er in meinem Arm, Lippe an Lippe, grinst sie nonchalant, und es wird keinen Morgen geben.

Generika

Mein Mann in der Wüste

… hat absinthgrüne Augen, aufgerissene Mundwinkel und schmerzhaft verkürzte Achillessehnen. Von letzterem weiß er nicht, dass ich es weiß. Leidenschaftlich hasst er Zehensocken und Wiener Würstchen im Schlafrock, und ist im Herzen ein Mädchen von 43 Jahren, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe, safrangelben Kniestrümpfen und einem Faible für kokett geschleckte Eiskugeln an heruntergekurbeltem Autofenster. Zur Sonnenseite hin versteht sich.

Mein Mann in der Wüste trägt mit Vorliebe weiße T-Shirts – die mit dem Affen – zu schwarzen Jeans. Und Kapuzenpulli. Ein Lächeln wagt er selten, wenn dann auf schattigen Terrassen oder nach dem Kinobesuch in dunkler Seitengasse, wenn er sich fast sicher sein kann, dass seine Begleitung die Straße entlang und nicht ihm ins Gesicht sieht. Er ist Langstreckenläufer mit Hang zur Horizontverzettelung.

Er reist gerne, ausdauernd und nahezu ausschließlich allein, von daher sehen wir uns eher selten. Wenn dann zeichnet uns Käsehunger aus. Nicht auf irgendeinen Käse, nein, Morbier aus der Franche-Comté muss es sein. Griffig, gut durchgereift, mit dem Schmelz der zwei Melkgänge wie annodazumal. Und mindestens jeweils 13 Walnusshälften und ebensoviele Weintrauben. Lieber aber doppelt soviele. Und Port. Ein Glas, mitunter auch zwei und hundertmal so viele Augenblicke. Wir können sehr gut schweigen, dann beobachte ich den Sand, den er in seinen Mund- und Augenwinkeln mitgebracht hat und versuche anhand der Körnung, Dichte und Schattierung der einzelnen Sandkörner seine letzte Reiseroute zu erahnen. Das misslingt zumeist, denn zwischen dem rechten und dem linken äußeren Winkel liegen zwei Augen, die meinen Blick ungern vorbeischlendern lassen, liegen durstige Lippen und eine nur auf den ersten Eindruck angenehm wirkende Stimme. Auf den zweiten trägt diese Stimme sorgsam geschichtete Gedankenwirbel, akkurat auf Pointe gefältelte Gespinste und wild sehnsüchtelnde Traumdeutungen, die sich mir bis in die Leistengegend entgegenrecken, stets auf Umarmung geeicht.

Mein Mann in der Wüste träumt vom Meer und erobert in der Zwischenzeit einen Kontinent nach dem anderen. Oase für Oase. Kamelhaardecken sammelnd und Wortwitze und im Absatz seines linken Schuhs vor allem: Sandkornabdrücke. Ich zähle sie heimlich, während er sich unter der Dusche den Schweiß von der Seele seufzt. Zuweilen hörbar ausatmend, immer aber genussvoll reinbeißend in jedes Abend(b)rot.