Gestik

Palimpsest der Blickwinkel

Die weitgewinkelte Linse ein Schwert, das die vorbeieilenden Wände in Grate teilt und aus Schatten polyphone Sinfonien komponiert. Die abgebildeten Diagonalen, nur auf den ersten Blick zweidimensional, lehren mich Betrachter Pythagoras am steinernen Modell. In der Spiegelung die Offenbarung, in der Ebene den Grat gesucht und die perfekte Komposition gefunden, ziehen seine Bilder Blicke in Bann.

Würde entsteht immer, wenn die Begegnung respektvoll aber offen und ebenso zurückhaltend wie zärtlich gestaltet wird. Hier steht im Fokus dieser eine Moment, der so vergänglich wie zeitlos, so allumfassend wie prägnant. Und so berückend wie unnahbar werden aus verschatteten Winkelhalbierenden sehnsüchtiges Fleisch, aus lebhaften Silhouetten geometrische Harmonie.

Und im Hintergrund ruft wissend lächelnd eine Stille, den Alltag und seine Geräusche mit Leichtigkeit überdeckend, das Licht bündelnd und erfolgreich den zweiten Blick herausfordernd. Der, wenn alle Linien abgetastet, jedes Detail erkundet, der Schalk zwischen Fotograf und seinem Objekt dankbar entlarvt, noch einige Augenblicke in der Totale ruht.

Gesuche

Die falsche Sprache. Ich. Und du.

Bei unserer ersten Begegnung aber schwiegst du, ich sah dich nur von hinten. Gemeinsam wurden wir in die Geheimnisse der Uni-Bibliothek eingeführt. Beide kämpften wir um den nötigen Ernst. Du warst lang und knochig, angemessen ungekämmt und unsagbar lässig. Ein Alphatierchen, noch inkognito, inmitten unserer Gruppe tollpatschiger Erstsemestler.
Ich war dein Fan…

>> An Tagen wie dem heutigen habe ich Angst vor meiner Sprache, vor ihrer Unbeholfenheit, ihrer Unwucht. Wünsche ich mir fliederfarbene Wortwölkchen, die alles anmutig in Szene zu setzen wissen scheinen. Puff-Flöskelchen statt Fragezeichen.
Auch vor ihrer Offenherzigkeit fürchte ich mich, mit der sie die Dinge offen legt, die ich lieber für mich behalten hätte. Vor ihrer adoleszenten Unsachlichkeit. Und nicht zuletzt vor ihrer steinharten Kryptik.

Dann ärgert mich ihre Unzulänglichkeit, ihre mangelnde Treffsicherheit. Ihre Zaghaftigkeit auch, ihre Trägheit, ihre trotzige Unangepasstheit. Ich wünsche sie mir stromlinienförmiger. Charakterstark. Verlässlich vor allem. Stattdessen gebärt sie sich launisch wie ein verschleppter Hustenreiz.
Macht mich rastlos. Unsicher. Zeit verschwenden. Im schlimmsten Falle mundfaul. So wie heute.