Gestern

Ringelegängele

Als ich damals meine Eltern kennen lernte, war mein Vater drei mal so alt wie ich. Ungefähr jedenfalls. Wenn sie nicht wollten, dass ich sie verstand, sprachen sie französisch oder englisch. Meist aber doch glücklicherweise deutsch. Manche Worte hingegen gehörten unserer Familie auch ganz allein und ich werde mich hüten, sie hier preiszugeben. Ringelegängele gehört glücklicherweise nicht dazu.

Sie hatten sich wohl verlaufen, ihr und sein Finger verhakten sich fast auf dem viel zu kleinen Stadtplan, während ihre Füße weitertrippelten, ohne so recht zu wissen wohin. Ich sah ihr Torkeln schon von Ferne und wich bogenförmig aus, nicht aber ohne Fetzen der angeregten Diskussion ans linke Ohr geliefert zu bekommen. Und z’mitts in den Satzfragmenten ganz unverhofft ein Ringelegängele. Von ihr ärgerlich gezischt, von ihm schnaubend vernommen: Ein einziges Ringelegängele, was sie da zusammenliefen.

Im Weiterfahren nuckelte ich mir den Wort-Schatz nochmals aus den Tiefen meines Gehörgangs und stopfte ihn mir beim erneuten Anblick unwillkürlich tief in den Mundraum. Zwischen Zunge und Gaumen entfaltete er sodann, großzügig eingespeichelt und vermittels der Zungenmuskulatur und ein wenig Geschick genießerisch um die eigene Achse gedreht, den verführerischen Geschmack wohltuender Heimaterde. Und zwischen den fruchtbar-feuchten Krumen die Erinnerung alpenbezwingungender Serpentinen, die sich in meine Zahnzwischenräume wand, mir die Mundwinkel unwillkürlich spreizend.

Gelage

One sip at a time

Noch einzeln lächelten wir über seinen Vertrag von Calvados, der ein Freudscher war, lachten uns jeder einen Brottrunk zum Frühstück. Er vertrug kaum einen Schluck und barg seine hohe Stirn im Anschluss und für den Rest des Tages unter dem vorzugsweise schattenspendenden Schild. Schutz bot es dennoch zu wenig und so erläuterte er maßstabsgetreu die Architektur von Stadt und Intellekt. Die der Emotion ließ er, erfahren in Konversation und ihren Tücken, aus. Die Angst vor der Stille teilten wir da bereits, es unbewusst genießend dem anderen ins Hosenbein zu grinsen.

Durch meine hervorblitzenden Zahnschmelz mutig geworden, wickelte er auch andere meiner Ängste aus, eruierte die Grenzen meines Muts lüstern aber behutsam. Gemeinsam scherzten wir über die perforierten Küstenlinien meines Verstands, kicherten ob der geradezu obszön geformten Ausbuchtung meiner Hoffnung. Sein Mund aus Krähenfüßen schluckte Wahrheiten wie warme Milch mit Honig. Am Liebsten abends, nur vom Mond bezeugt. Gleich Nesseln aber bewegten Nachrichten von Feindseligkeit und Missgunst seinen Speichel noch am Gaumen zur Rückkehr

Mitunter hatte ich Tränen übrig, die wir uns auch dann noch teilten, als das Leben unser Lächeln mittels Hasenscharten entzweite. Ich verschleierte meinen Bizeps noch Jahre danach konsequent bei jeder Konversation mit Geschlechtsgenossinnen, betucht nannte mich keine und zur Gebärdensprache fehlte mir die Verve. Er blieb dem Mond treu und ging nur tagsüber mit Fremden, nachts aber beatmete er weiterhin meine Fußsohlen, besprach mein Rückgrat mit blanchierten Moosgummiperlen. Alleine meiner Rippen Echo blieb schwach und die Morgen danach waren still.

Eines Mittags aber überraschte mich beim traditionellen Serviettenfalten eine Botschaft in Braille. Mondgezeugt, ein Lächeln erwirkend, dass von den Fingerkuppen, über Ellbogen und Schultern erst in die Mulden unterhalb des Halses und dann meinen Rachen empor kroch. Schüchtern die Muskeln am Wegrand erweichend und schließlich meinen Lippen ein Ja abtrotzend. Und einen Schluck Calvados.