Gegenwart

Satz, Zeichen

Wonne | Anne Seubert

in einer muschel geboren
perlst du mir von der nackten schulter,  schalk,
blatt für blatt pflanzend unter einen punkt,der das komma als leib führt.

mein leib dir schatten spendend,
mein atem dir wind,
in dessen hose mein herz die segel setzt: immer der wonne nach!

den nassen pelz mir
wasser schlachtend und nacktheit um den bloßen schädel wringend ist drei ave maria später die aussage ad absurdum geführt und das amen aus der kirche, for ever und gloria:
in allem was nass und damit fruchtbar
bist du mir höhle und heim
traum und ufer
moor und schusterjunges.

dichten heisst auftauchen,
heisst die sohlen wetzen und das hirn in ausgang schicken bis der zapfenstreich die nieten von den losen trennt, die herben von den zarten und die frühaufsteher von den snooze-drückern: morgen ist auch noch ein tag,  aber sas wohl kommt im konjunktiv und die spesen werden auf links getragen,  auf dass der kragen weiss und das knopfloch sichtbar bleibt.

absatz, kehrt!

Gegenwart

Levit spielt Beethoven

“Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.”
 Twin Peaks, 2. Staffel

 

Piano.

Igor Levit spielt Beethoven.
Igor Levit joue Beethoven.
Igor Levit plays Beethoven.

Leise. Leises Stockwerk eines Gebäudes, das du Musik nennst und ich Raum. Musik, die senkrecht steht, schrieb Rilke. Raum, der sich öffnet und schließt, wenn du die Tasten berührst, sage ich, wenn du dich schmiegst, mit allem, was du bist, sein kannst, sein magst, sein musst, in diesen Ton, der deiner ist, von Beethoven gewidmet, dem, der sich kniet, knietief geht und tiefer, der keine Angst hat und alle Angst, der will und Wille ist zugleich. Du legst dich auf den Wellenkamm der Gischt, die dunkler ist als alles Dunkel und wild.

Piano.
Pi mal Ano?

Wie oft spielst du im Jahr, Igorissimo, fragt dich der Hörer, der ein Gast ist in diesem Rund, das die Jahreszeiten in eine Sekunde legt, das Vergehen in das Werden stapelt, das Erlebte in das Ersehnte, das Leichte ins Schwere, das Ruhende in das Bewegte, das Nichts ins Ganze, das Intime ins Fremde.  Wer wenn nicht wir sind diese Musik, diese kreisende, unberechenbare Formel der Zeitlosigkeit in dem Moment, da sie geschieht, so flüchtig, das sie mit dem Ausatmen schon wieder den Raum verlassen hat, den sie eben noch schuf.

Piano, no?

Das Nein in deinem Ja ist ein wertiges. Ein stolzes. Stumme Witwe einer Liebe, die nur durch Berührung zum Sprechen, das hier Singen, gebracht werden kann. Möchte. Erlaubt. Du ruhst zwischen ihren Fingern in schwarz weiss, lehrst sie Farben, die hier Töne. tränen. Und endlich weint  sie, weint in der Umarmung eines Stücks, das B aus Noten zu einem Strauß band, der Halt, Würde und Blüh-Empfehlung zu gleich. Spielst und birgst doch den Ernst der Lage, Obdach deine Musik, die du mitgebrachst hast als Geschenk an den Moment, der dürstete nach einem Ton, der ihn trägt.