Gelage

Rara

Neun plus zwei Stühle, vier Dreifachstecker, zwei Computer, eine Milchglasscheibe und unzählige Schaumstoffecken und Zettelkästen. Das alles hinter einer Tür aus dunkelgrauem Stahl, so schwer dass er sie nur mit beiden Armen ziehend öffnen kann. Beim Eintritt des Neulings heben sich die Köpfe der Insassen, die nicht völlig vertieft in ihre Aufgabe. Aus dem Halbdunkel begegnen ihm fragende bis genervte Blicke, die ihn zu Boden schauen lassen, bis die Tür krachend hinter ihm ins Schloss fällt. Gerunzelte Stirnen quittieren diese Unachtsamkeit umgehend.
Die blauen Zettel fokussierend wagt er sich schließlich 3 weitere Schritte in den Raum, der damit schon zu Hälfte durchschritten. Schließlich hat er einen Auftrag zu erledigen, einen nicht unwichtigen, vor allem aber einen dringenden. Doch die Zeit geht hinter der Stahltür anders, von Moderne spricht man hier besser nicht, schon Farben jenseits der Grau-Braun-Töne sind hier verdächtig. Wohlweislich hat er eine Garde Bleistifte mitgebracht, Kugelschreiber sind hier verpönt, er erinnerte sich, und so notiert er in schwer leserlichem Hellgrau auf Blau seine Wünsche in dreifacher Ausfertigung, legt seine Identitätsnachweise bei und schiebt den Stapel möglichst lautlos der Wärterin ins Blickfeld.
Die Blicke im Rücken verharren im unteren Bereich seines Kreuzes, ein Fehler von ihm und sie würden vor Wonne vibrieren, doch die Wärterin nickt nach eingehender Prüfung seiner Schriftstücke gnädig, erhebt sich eine halbe Drehung von ihm weg vollziehend und ihm so mit ihrem massigen Rücken den Blick versperrend. Er wagt kaum mehr zu atmen, schließt für einen Moment die Augen.
Quietschen und Scharren, solchermaßen noch verstärkt in ihrer Wirkung auf ihn, zeigen das erfolgreiche Öffnen des Tresors an. Stille. Er öffnet die Augen genau in dem Augenblick, als ihm die Wärterin das Gewünschte aus sicherer Distanz zeigt, übergeben wird sie es ihm erst drei Unterschriften und einen warnenden Blick später. Lächeln darf er jetzt schon. Und dreieinhalb Minuten später ist er einer von ihnen, ein Insasse, der Neuankömmlinge mindestens kritisch beäugt. Auch einer der legitimiert einen der Stühle besetzen, der bei jeder Bewegung, jedem Laut im Raum lautlos stöhnend seufzen darf. Nur immer noch keiner, dem der Zugang auf die Tribüne gestattet wäre.

Gelage

Pantoffelheld

Er war ein Schlachtenbummler, Seefahrer und Haudegen auf allen Meeren, die mit der Lesebrille auf der Nase erreichbar. Etymologien, Enzyklopedien hatte er durchkreuzt, Stürme auf der Hirnrinde ebenso wie sämtlich Hochseekrankheiten durchgemacht, den Pschyrembel kannte er wie seine Westentasche, der Brockhaus lag, hochkomprimiert und die Bände ihrem Gewicht nach geordnet, direkt hinter seiner Stirn. Er wusste um Fußnotenriffs und sichere Leerzeilenhäfen, liebte Abkürzungen und Schleichwege durchs Register.

Trübe war sein Blick geworden, seine Arme plötzlich wieder länger, als auch Band 24 ausgelesen, aufgeblättert und ergeben vor ihm lag und neue Küsten rar geworden waren. Für Minuten schien er nicht mal mehr abgeneigt, sich leserfreundlicher Belletristik zu widmen oder gar neue Worte zu erfinden, raue Nordworte hätten ihn gereizt, zungenspaltend und nur seinesgleichen zu Diensten. Dann aber, ein Wink des Himmels, entdeckte er durch das Zwinkern einer Rabenmutter neuen Boden, in den er seinen Blick schlagen konnte. Dank der einmaligen und durchaus nicht freiwilligen Benutzung der Bahn nämlich, auch noch auf einer Langstrecke. Er hatte über das Wochenende an einer Konferenz in Portugal teilzunehmen und TAB streikte wie so oft bei der Ausstellung des Visas für Seeigel wie ihn, so wich er kurzentschlossen auf den Nachtzug nach Lissabon aus.

Português heißt es da und eröffnete auch ihm Kanäle jenseits bereits befahrener Meerengen. Bilinguale Koryphäen der Sprache, Sirenen der Zweisprachigkeit lockten ihn plötzlich, português-alemão et vice versa den Vorzug gebend. Zweireihige Wortschlangen balzten um sein Augenmerk, um seinen Zungenschlag, um seine Umarmung.
Prompt stürzte er sich bäuchlings auf die Lesewiesen, drückte dabei wollüstig nicht wenige Lesezeichen platt, lachte Aussprachekorrekturen hinweg und fand sich noch unentschieden ob seiner sprachlichen Prioritäten bei den Körperteilen und ihren Funktionen wieder.

Neulich, zwischen zwei Bahnhöfen, stieß ich auf einige seiner im Zug liegengelassenen Notizen, er muß viel Spaß gehabt haben:
Augapfel, schon im Deutschen metaphorisch hoch sieben, ergab im Portugiesischen menina do olho – Mädchen des Auges. Aus der im Deutschen oft als volkstümelnd empfundene Wade machen die Portugiesen den Bauch des Beins – barriga da perna. Und das Gefängis des Bauches, das uns das Gesicht schmerzhaft verziehen und zu Rizinusöl greifen lässt – prisão de ventre – beschreibt Verstopfung mehr als treffend.