Geliebte

Auswendig landeinwärts

Happy Birthday | Anne Seubert

Frisch aufgebrüht das Licht, das die Kerze dir flackernd in den Schoss wirft. Landungsbrücken deine Schenkel, meine Handflächen auch, ansatzweise zumindest. Wir lauschen dem Licht, das deine Haut freigibt. Deine Haut, die meinen Namen in Braille am liebsten von hinten nach vorne buchstabiert, auswendig. Happy Birthday?

Mais non, denkt mein Bauch, und räuspert sich in die Stille hinein, die deiner Haut anheim gegeben zu sein scheint und meinen Ohren schmeichelt bis die Ohrläppchen zittern. Kaum sichtbar versteht sich, Contenance first, aber innerlich geht das Vibrato runter wie Öl: Möge diese Stille unendlich und deine Lippen mir treu.

Happy Birthday, raunt der Alltag bei unserem Anblick und schiebt die Kippe einen Mundwinkel weiter. Gratuliert mir ja sonst keiner, dabei ist heute Montag und grau und November. Das Licht hält inne und verweilt, ein Ohr auf deinem Bauchnabel. Einatmen, ausatmen, meine Finger folgen deinem Puls tastend. Ob das schon Leben ist?

Ein paar verwaisten Croissantkrümeln auf die Spur helfend, die an deine Lippen führt, will mein Daumen mehr, als ok ist. Herr, lass Sonntage regnen und Nacktbadetage, das Jahr hat ein paar Wochen offen. Lass uns das Wetter nach Hause schicken, die Fenster zum Hof zeigen und die Erdbeermarmelade links liegen lassen. Stattdessen die Butter zurück aufs Brot, die Beine ins Bett und das Licht übers Land.

Geliebte

Fensterbretter, die die Welt bedeuten

White Shoes | Anne Seubert

Auf dem Fensterbrett gehst du den ersten Schritt, Wörtchen,
selten nur laut, Weisspfötchens Abdruck ist ein leiser, tastender, einer der zuhört.
Selten nur alleine auch, du Wortlaute, Weibliche, die du dir mittels Sprache Gehör verschaffst: Letter für Letter auf Zeilen sortierend, die dir Boden und mir Inselzelle.

Die Einzelteile kennst du und doch: Jeder, der sich hier bewirbt, hat einen Laut mitgebracht,
einen, der sich schwarz auf weiß manifestiert, sobald er auftritt in einem Wort, das er sich nicht immer ausgesucht hat, dem er aber zu
Begrifflichkeit und Ausdruck verhilft.

Aussprechen, was ist, was geschrieben steht, was gedacht wurde, was sich anhäufen lässt,
in Reih und Glied, in Ordnung und Wundertüte. Denn was gelesen wird, steht auf einem anderen Blatt, spiegelt sich in der Scheibe, zuweilen fernab von dem was naheläge.

Der Wortlaut, juristisch, wortgetreu wiedergegeben, also Wort für Wort, genau das was da steht. Der Wortlaut gleichermaßen: Der Klang des Wortes jenseits dessen was geschrieben steht und ja, sogar ohne, dass es je geschrieben worden wäre. Wortlaut zuweilen auch mehr als ein Wort, als ein Laut, eine Anhäufung von Buchstaben. Wortlaut, du Molekül meiner Sprache.

Eine Laute, die sich mit Worten spielt, oder die Worte zum klingen bringt? Auch das: Diese Wortlaute, auf wievielen Seiten auch immer, wie laut oder leise der Klang, der sich zuweilen stumm gibt und doch zittern macht. Gerade da zittern macht, wo das Blatt weiss und die Stimme leer. Wie klingst du, weiß, das sich hinter den Stäben drängelt, sobald ein Wort eine neue Seite eröffnet?

Beim Wort, nehm ich dich, an die Hand nehm ich dich, lauthals nehm ich dich, in den Arm nehm ich dich, Wortflüchtiger, lass verlautbaren was du in mir klingen machst, wenn ich dich ausspreche, aufschreibe, suche und sammele, lese und lagere. Mein Fensterbrett sei Zeuge.