Gelüste

Eine Hand voll Holunder

Moviemento Shortfilms | © Anne Seubert

Du seist eine von vielen, sagen sie, hilfreich, edel und gut, sagen sie. Eine Hand voll von dir, sagen sie, gekommen, dich zu entsaften, berge Tage eines Sommer wie er im Buch steht. Bitter bis in den Herbst und auch über den Winter.

Du, eine Streunerin, dein dunkles Perlenspiel baumeln lassend, wo ich geh und steh auf Augenhöhe gern, jenseits der Brombeerhecke auch, auf dass ich mich recke. Wildwuchs du, Mundraub durch zarteste Bitterkeit vereitelnd, trägst du die Beeren des Sommers rudelweise um den schlanken Hals. Eine der ersten blühst du so sanft, küssen möchte man dich, pflückt man dich, sanft dir die Blüten nehmend, noch ehe der Sommer auch nur eine Zehe aus der Sandale gewagt.

Den Blick stets keusch zu Boden blühst du als eine der ersten herzallerliebst weiss, Holundermädchen, noch den süßesten Zucker zu Unschuld verführend, reifend aber dunkelst du nach. Nahe dem Schwarz gebaut möchte man deine Pantone umschreiben und hat kaum dich auf der Zunge bereits im Herzen, dunkelste aller Sonnen.

Dein Geheimnis aber trägst du mit dir, mit mir, lässt die Rinde dir nehmen, die Frucht, die Blüte, aber nicht das Herz, das im nächsten Frühjahr wieder schlagen möchte, dort, wo der Weg die Segel streicht, Pfad wird und zart sich ins Unterholz schlägt, neue Wälder zu erkunden, die Obdach dir und mir Heimat.

Gelüste

Atemzug an Gleis 9

Cafe Futurium| © Anne Seubert
Neben Kaffee sieht selbst die Zukunft alt aus.

Du meidest mich freundlich.
Ich erde dich heimlich.
Wir wagen es endlich.

Zwischen den Zeilen steht das Glück in Flipflops und kurzen Hosen und reicht seinen Urlaubsantrag ein. Das Glück weint nicht, die paar Tränen kommen vom Staub, den die Vorfreude aufgewirbelt hatte, die du im Handgepäck führtest. Der Strand wartet am Gepäckband in einer Runde Lifeguards, gewohnt selbstsicher, sich eine Zigarette drehend. Unwiderstehlich oldschool.

Er flüstert es willentlich.
Sie verrät ihn zärtlich.
Es beschäftigt sie stündlich.

Die Zeit hält ausnahmsweise die Füße still und fächelt dem Christkind geistesabwesend Schnee unter die rostigen Kufen. Der Herbst will es nochmal wissen, häuft Laub an und lässt das linke Hüftbein rotieren, immer dem rutschenden Kniestrumpf entgegen und den Kick gen Regenrinne, so vorhanden. Es wird, weiss der Himmel, und lässt die Wolken fallen.

Sie lieben sich gründlich.
Ihr verteidigt uns leidlich.
Wir bleiben es, ehrlich!

Die Erde aber öffnet all ihre Gemächer, versiebt den Sand zum 55. Mal, auf dass er streichele, was bislang unberührt. Fährt Düfte auf, Aromen und Geschmeide, so dass das Wort nicht nur gesprochen, sondern gelebt. Die Wasser schmiegen sich an Länder, die Inseln blühen, wo immer es ihnen beliebt. Und die Ferne zieht sich ein paar Berge groß, grün und wild gelockt, von Bariton bis Bass, auf dass die Nähe vibriere, bei jedem Anblick, bei jedem Atemzug, der an Gleis 9 zu stehen kommt um zu verweilen.