Gerede

Bastard

Beklebte Wände, verqualmte Luft und der DJ ist der Älteste im Raum. Riesenkronleuchter an der Decke, die schummriges Licht zwischen die Rauchfaden werfen. Barfeeling. Die Musik einen Tick zu laut, als dass man die umgebenden Gespräche mühelos verstehen könnte, man muss sich schon konzentrieren. Die Mitmenschen teils routiniert am Tresen lehnend, teils unsicher erwartungsvoll zur Bühne schauend. Für eine kulturelle Veranstaltung erstaunlich viele Männer im Publikum, ja sie sind definitiv in der Überzahl. Durch die Bank alternativ, alle Altersklassen bedienend.

Du aber willst nicht mehr verführerisch lächeln. Stattdessen lieber Dialektfetzen vor Dich hin brummeln, die keiner versteht, obwohl sie doch alles beinhalten: Kraftvoll verkürzte Wortmutationen, die klingen als spucktest Du unzerkaute Knäckebrotbröckchen.
Du willst nicht mehr lachen, auch nicht ansteckend oder verlegen: Du willst Deine Stirn grimmig in Falten legen, Querfalten im Millimeterabstand und die Mundwinkel ruhig auch mal der Schwerkraft folgen lassen.
Vollkommen verkopft durch die Gegen irren willst Du und nicht anmutend tänzelnd, die Arme ladylike angewinkelt, eine unpraktische Handtasche schlenkernd, Blickkontakte suchen.

Die Tresenkraft ist schwerhörig, aber das Bier kalt und billig und mit etwas Glück beginnt das Programm in Kürze.

Gerede

Der Klingelbeutel des Kripobeamten

800.000 alte deutsche 2-Pfennig-Münzen hätte er bereits durchgesehen – vor meinem inneren Auge erscheint Donald Duck auf einem rotgüldenen Berg, beide Hände darin vergrabend – von den anderen Schillingen, Rupien, Lira, Mark und Reichsmark gar nicht erst zu sprechen. Alles, außer Antiken, denn da kenne er sich nicht aus. Und das Auskennen ist sein Kapital neben seinem guten Ruf unter den Sammlern und Händlerkollegen. Sein Ruf, der sei ihm schon einiges wert.
Der Herr von der Kripo ist groß gewachsen und seine Hände sind so gar keine feingliedrigen Exemplare, sondern vielmehr verschwielte, staubige Männerpranken, aber wenn er von den indonesischen Münzen mit Vogeldarstellungen, von Silberdollars, solchen, auf die damals in den Wild-West-Streifen die Cowboys gezielt haben, von den vielen Händen durch die so eine Münze wanderte und wie sie sich durch die Gebrauchsspuren verändert, nicht nur im Sammlerwert, da wird sein Lächeln weich, seine Stimme warm und die Finger anmutig.

Numismatiker hatte ich mir nie braungebrannt, goldbebrillt und wüstenerfahren vorgestellt, dann schon eher voller Geschichten von Münzen und ihren Sammlern, von schrulligen Arabern und feilschenden Rentnern. Meine Phantasie erbaut sofort schummrige Hinterzimmer gammliger Münzsammelläden, ältere Herren die geduldig 12-Jährige in die ersten Geheimnisse der Münzsammelkunde einweihen und dabei gewichtig dreinschauend den ein oder anderen Schaukasten samt edlem Putztüchlein und passender Politur an den Mann, bzw. den Jungen bringen.
Die Realität heißt ebay und knüpft schnell und lautlos wundersam gewundene Netzwerke weit über Landesgrenzen hinaus, voller Eifer, Gier und auch jeder Menge Fachsimpelei. Wohl dem, lerne ich, der in der Großstadt die Fäden respektive Münzen in der Hand hat, und wehe dem der auf dem Land auf ebenjene Strippen angewiesen ist.