Geschwister

Bruder in Zeiten der Cholera

Kernzeitverletztend den Capuccino unterwegs süffelnd, rennen wir um ein Leben, das uns nie gehörte. Du lachst atemlos als Du, in der Eile den Blick zurückgewandt, die Laterne streifst und wirfst noch im Fallen Handküsse gen Backstagebereich. Der Wolken Saum riecht wohl etwas streng und Dein Blick beginnt kurz zu flattern. Die Zeit für Rücksicht fehlte heute eindeutig und so bleibt es auch bei einer hilfesignalisierenden Geste, dann müssen wir weiter. Hasten und Jahre ansammeln, als gebe es Payback drauf.
Dass Dir die Luft langsam knapp wird, merk ich am Erröten Deiner Wangen, dass das Wasser Dir allerdings mittlerweile bis unter den Hals gestiegen ist, verbirgst Du bis zuletzt gekonnt. Ich hätte Dir gerne Flügel geliehen, auch einen Baumstamm untergeschoben und sogar Schwimmunterricht bezahlt. Du hättest vermutlich die Flügel theatralisch gespreizt, Autogramme in die Rinde geschnitzt und den Schwimmunterricht schon im Vorhinein als lächerlich abgetan, hättest Du mich überhaupt die Hand ausstrecken lassen.
Auch Brüder haben Geheimnisse voreinander, vielleicht gerade Brüder, auch wenn wir die meisten teilten. Dein Blut kocht in mir hoch, wenn Du wütend wirst und Du lachst, wenn ich einen Witz erzählt bekomme. Wenn sie unser Lied spielen, meist gegen drei Uhr früh, tanzen wir unter der Neonröhre mit jeweils einem lachenden und einem weinenden Fuß.
Dein Scheitel liegt auch beim Tanzen rechts, während meiner von Mitte nach links rutscht, man sieht uns nicht an, dass wir Brüder sind. Kaum einer weiß es mit Sicherheit, manche mögen es ahnen. Es liegen Äonen zwischen uns und oft auch Kontinente, wir haben nie zusammen gefrühstückt. Aber Winnetou wäre stolz auf uns gewesen.