Gestik

Ankünfte

Aus der erst zur Hälfte ausgepackten Tasche stolpern Kussversuche seine linke Wange empor, vorbei an den sich stapelnden noch zu erledigenden Dingen, notdürftig auf altgelben Zetteln notiert. Erster Halt Tränensack. Wimpernumsäumt lockt das Auge himmelblau und bisher weitgehend unbeweint. Die Reise war lang und der Himmel meist blutleer, vereinzelt durchbrachen eiternde Kondensstreifen den konvexen Horizont. Reckten sich nach der Sonne und verglühten träge tröpfelnd.

Im nächsten Leben Streichelzooinsasse argwöhnt er dem legasthenischen Himmel, der nicht bis 10 geschweige denn bis 7 zählen kann. Wohlwissend den Umweg wählende Küsse verfangen sich im Unterholz der Braue. Er beginnt zu lächeln, es mag kaum hörbar kitzeln. Die Hände in der Tasche vergraben sind die Finger auf der Suche nach Fassbarem. Nach eindeutig Verstaubarem. Umgehen Souvenirs, erinnert wird später. Aber das Auge tränt jetzt, den ungeübt gespitzten Lippen hinterher, den Tränensack leerend. Verformend.

Luft schmeckt salzbitter, auch und gerade durch die Nase eingeatmet, lauwarm. Er würde jetzt gerne einen Salamander reiben, dem Kloß im Hals über die Schnelle helfen. Den Lippen ausweichen, die jetzt rechtswangig den Weg zum hinter der Biegung liegenden Ohrläppchen einschlagen. Weiterhin irritierend asynchron seine Bartstoppeln touchierend. Er schauert vergebens. Die Tasche bleibt unausgepackt an diesem Abend, die Contenance dahin, das Ohrläppchen unerreicht. Sein Lächeln aber verbreitert sich.

Gestik

Charmeoffensive

Der genuin Charmante bestach durch Tränen im Ohrinnern, welche sich dem Gegenüber zugegebenermaßen nur offenbarten, so er sich über die notwendigerweise mit dem überdurchschnittlichen Charme einhergehenden ergreifenden Hässlichkeit des Antlitzes bereits hinwegzusetzen vermochte. Und weiter seine Lippen auseinander zwang, um zwischen den Zähnen hindurch den Gaumen zu erspähen und weiter den Rachen hinab, dahin wo der Charme seinen Ursprung haben muss, der nur zu Tage tritt, wenn Klang die Mundhöhle überfüllt. Soweit, bis erste wagemutige Buchstaben sich schließlich dazu anschicken, des Körpers Wärme zu verlassen um anderer Leute Ohrmuscheln zu erobern.

Dann, dann bedarf es keiner glühenden Sonne mehr, keiner flötenden Kellner, keiner libidoschwangeren Trinkhalme, denn dann lächelt sie unhör- aber sichtbar glucksend ihr Konversationspausen umspannendes Strahlen. Dann scheint um halb vier morgens die Sonne, als regne es die nächsten sieben Wochen. Dann nähren ihre Blicke wie Tante Gerdas Schwarzwälder Kirschtorte. Und er labt sich, staunend ob der Wirkung seiner drei Spähfloskeln, schiebt erst zögernd, von ihrer anhaltenden Aufmerksamkeit beflügelt, dann aber beständig Sätze nach, die er vor Wochen bereits in einsamen, aber schlaflosen Nächten gedrechselt. Nicht wissend, ob sie jemals mit Stimme versehen zum Leben auserkoren würden, ins Blaue gedacht und Pore für Pore mit der Würze des bis dato ungenutzten Gaumen veredelt.

Im Windschatten seiner Wortreihen bleibt ihr Lächeln nicht lange allein auf der Tribüne, Nachahmer finden sich ein, erheben den zuvor links außen liegenden, den im Schatten sitzen und Parkenden, den unter der Hutkrempe nur schwerlichst Erkennbaren, den zutiefst Vereinzelten innert Minuten zum Protagonisten. Samt lippenlesenden Groupies mit der ersten Einladung zum Tanz im gepufften Ärmel.
Wie gut, dass er dies eine Mal nicht stumm geblieben, schmunzelt selbst das unter seinem noch von Muttern fransig geschnittenen Milchbubenpony stets anwesende Über-Ich ob der ihm zu Teil werdenden Anerkennung jovial miteinstimmend. Die dreieinhalb Tränen, die heimlich sein linkes Ohrläppchen herab rannen aber bemerkte nur eine.