Hotel Ideal

1. Kapitel – Ankunft im Dschungel

Es ist fünf Uhr morgens, als wir in die beleuchtete Toreinfahrt biegen. Noch weiß ich nicht, dass ich künftig aus eigenem Antrieb jeden Morgen keine halbe Stunde später mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen werde.

Der Fahrer öffnet unsere Türen und während ich noch aussteige, haben freundlich lächelnde, aber schweigende indische Männer meine Rucksäcke geschultert. Wir gehen nicht ins Haus, wie ich erwartet hätte, sondern stapfen rechts daran vorbei, einen dürftig beleuchteten Pfad durch in den Bananendschungel. Die Zivilisation ist direkt neben dem Haus schon wieder vorbei. Der Dschungel ist längst wach und pfeift sich eins: vielstimmig, fröhlich und gänzlich unbeeindruckt von meiner Ankunft oder unseren Schritten. Ich hingegen schleppe einen Jetlag mit mir, der ein paar Kontinente weit und diverse Flugstunden hoch. Meine Sinne sind daher nur partiell ansprechbar, mein System agiert auf Autopilot – mein Lächeln allerdings sitzt, wie häufig in solchen Situationen.

Nach wenigen Schritten, öffnet sich der Dschungel zur Linken erneut, ein Mauerdurchbruch macht Mut, den Blick auf ein Ensemble von mehr oder weniger fertig gestellten Häusern zu richten, der Boden ist gekachelt. Ich erkenne den Pool von der Hotelwebsite, versuche die Größe zu scannen und mich einzugrooven auf diesen Ort, an dem ich die kommenden Wochen wohl verbringen werde. Panchakarma habe ich mir ausgesucht, um dieses aktuell eher brüchige denn tragfähige System zu resetten nach den einigen herausfordenden Monaten, das sie meinen Körper nennen. An diesem Ort will ich für drei Wochen möglichst vielen Reizen und meinen Fragen entfliehen, Ruhe finden.

Wie aber soll das gelingen, wenn nicht einmal Nachtruhe inbegriffen? Ich bin gespannt. Ruhe gibt es hier, das wird sich noch rausstellen, mehr als genug, Ruhe und Reis. Alles andere ist eher dünn gesät, tragfähiges Internet zum Beispiel, Ordnung oder auch Convenience Produkte. Aber Ruhe ist das, was ich meine zu brauchen.

Linkerhand strahlt ein Lächeln durch die Dämmerung: Shameer, der Manager erwartet mich im dunklen Hof, nur genau so weit im Licht, dass ich sein Lächeln erkenne, das mich vor allem durch die dunkleren Tage bringen wird. Er sorgt binnen Minuten für das Gefühl, willkommen zu sein, für ein Zimmer, das sich abdunkeln lässt, für Wasser nicht zuletzt. Und für den WLan-Key. Das Gebäude hinter ihm wird sich bei Tageslicht als das „Office“ zu erkennen geben wird, zentrale Anlaufstelle mit stets geöffneter Tür und Antworten auf alle Fragen, die man stellen können wollte und Wünschen jenseits der Default-Einstellung.

Am nächsten Morgen weckt mich Gelächter von vor meinem Fenster: Ein guter Start. Zwei hörbar weibliche Gäste des Hauses haben es sich mit einer kleinen Reise-Espresso-Maschine auf Korbstühlen bequem gemacht, um über Gott und die Welt zu sprechen. Dass sie Letzteres ernst meinen zeigt sich schon bei dieser ersten Begegnung: Tarot-Karten und ätherische Öle sind oft um Rat gefragter Teil der auf spanisch geführten Konversation, die über die nächsten Tage anhalten wird. Auch Nächte werden ihr zum Opfer fallen, denn es gilt, das geballte Wissen einer selbsternannten spanischen Mystikerin mit 14 Jahren Indienerfahrung und den grünäugigen Blick einer in Buenos Aires angelandeten Norwegerin in Einklang zu bringen.