Geliebte, The Story behind the Picture

Die Zahl als stille Muse, als poetisch Verbündete

Die Musik ist eine arithmetische Übung der Seele, die sich nicht bewusst ist, dass sie zählt.
Gottfried Wilhelm Leibniz

Vielleicht steht am Anfang kein Gedanke, sondern ein Takt, kein Wort sondern eine Zahl? Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz real: eine Abfolge von Schlägen, eine Ordnung in der Zeit, eine Vorgabe von Silben. Wer Bach hört, hört nicht zuerst Gefühl, sondern Maß. Eine Strenge, die nichts Unfreies hat. Im Gegenteil. Die Freiheit entsteht genau dort, wo uns etwas hält. Weil etwas zählt, mitzählt, aufzählt. Darf ich die Zahl als meine Muse bezeichnen ohne einen Aufschrei in Kunst und Literatur zu provozieren?

Künstlerinnen und Künstler gelten als Gegenentwurf zur Zahl.Als diejenigen, die fühlen, wo andere rechnen. Die sich dem Messbaren entziehen, wo Tabellen beginnen. Kreativität, so lautet das verbreitete Narrativ, entsteht dort, wo Zahlen enden. Vielleicht ist das ein Irrtum. Denn ein genauerer Blick auf künstlerische Prozesse zeigt etwas anderes: Die Zahl ist nicht ihr Feind, sondern oft ihre heimliche Verbündete. Sie taucht nicht als Thema auf, sondern als Struktur. Als Maß, als Wiederholung, als Grenze. Sie ist selten sichtbar, aber fast immer wirksam.

Die Zahl ist eine Muse mit widersprüchlichem Ruf. Sie verspricht Ordnung und erzeugt zugleich Spannung. Sie zwingt zur Entscheidung und eröffnet damit erst den Raum für Freiheit. Künstlerische Arbeit beginnt nicht im Ungefähren, sondern an einer Setzung: so lang, nicht länger. so oft, nicht beliebig. jetzt.

Der legendäre Johann Sebastian Bach wird vermutlich immer als erstes genannt, wenn es um die Beziehung zwischen künstlerischem Schaffen und Zahlenlogik geht. Denn Bach ist in erster Linie kein Komponist des Ausdrucks, sondern der Relation. Hören wir seine Symphonien, treten Stimmen ein, überholen sich, verschwinden, kehren zurück, halten sich im Zaum und ja, alles ist so sorgfältig wie natürlich gezählt, nichts ist dem Zufall überlassen worden – und dennoch wirkt nichts mechanisch, nichts abgezählt oder peinlich genau eingehalten. Bach ist genau, aber nicht kleinlich. Im Gegenteil, seine Musik atmet, sie berührt und macht lebendig, eben weil ihr Rhythmus uns trägt. Bachs Musik ist streng und zugleich durchlässig. Sie hält, ohne zu fesseln. Vielleicht irritiert sie uns bis heute genau deshalb: weil sie zeigt, dass Freiheit nicht dort beginnt, wo Ordnung endet, sondern dort, wo sie tragfähig wird.

Zählen ist Wahrnehmen

Vielleicht liegt hier ein Schlüssel zu unserem Verhältnis zu Zahlen: Unser Beziehung zu und unsere Abhängigkeit von Zahlen hat sich über Jahrtausende entwickelt und an unsere Normen und Gewohnheiten, an unsere Bedürfnisse und Visionen angepasst. Heuer  begegnen wir ihnen meist als Urteil: als Messwert, als Vergleich, als Kennzahl. Zahlen entscheiden über Kreditwürdigkeit und Bildungslaufbahnen, über Sichtbarkeit und Relevanz. Sie sortieren. Sie bewerten. Sie schließen ein und aus. In dieser Funktion erscheinen sie kalt, abstrakt, entkörperlicht. Wir halten sie für kalt, für abstrakt, für das Gegenteil von Leben. Aber das Leben selbst ist rhythmisch. Herzschläge. Atemzüge. Schlafzyklen. Jahreszeiten. Wiederholung ist keine Verarmung, sondern Voraussetzung von Dauer. Zählen heißt zunächst nicht kontrollieren, nicht beherrschen. Es heißt wahrnehmen.

Kinder lernen zählen nicht abstrakt, sondern in der Berührung mit Dingen, indem sie sie einzeln in die Hand oder ins Auge nehmen – und begreifen. Sie zählen Finger, Schritte, Steine. Eins ist nicht eins, sondern etwas, das berührt wird. Zählen heißt zunächst also: aufmerksam sein, Zählen ist eine der zentralen Kulturtechnik des Begreifens der Welt um uns herum. Erst später werden die Zahlen und damit auch der Vorgang des Zählen abstrakt, wird ent-körpert, ausgelagert in Tabellen und Systeme. Und vielleicht entsteht bei dieser Entfremdung das Missverständnis, denn um ein solches handelt es sich. Oder?

Schönheit, Symmetrie und das beruhigende Versprechen einer Ordnung

Unser Begriff von Schönheit ist enger, als wir glauben. Oft meinen wir damit Harmonie, Ausgewogenheit, Stimmigkeit. Und all das ist – mathematisch. Symmetrie beruhigt. Proportionen wirken vertraut, selbst wenn wir sie nicht benennen können. Der goldene Schnitt ist kein ästhetisches Gesetz, sondern eine kulturelle Übereinkunft, die sich erstaunlich stabil hält: in Architektur, Malerei, Design, sogar in der Gestaltung von Interfaces. Wir Menschen sind zählende Wesen und reagieren auf Verhältnisse, nicht auf Inhalte.

Schönheit entsteht dort, wo nichts zu viel ist und nichts fehlt. Das ist keine romantische Vorstellung, sondern eine strukturelle, ist mehr Statik als Diktatur eines Versmaßes. Ein Gedicht kippt, wenn eine Silbe zu viel ist. Ein Gebäude wirkt schwer, wenn ein Fenster fehlt. Auch hier ist die Zahl und die Kombination von Zahlen kein willkürlicher Regel eines künstlerischen Manifests, sondern das unsichtbare Gerüst, das trägt. Interessant ist: Diese Form von Schönheit ist nicht aufdringlich, sie schreit nicht. Sie ist inhärent, unausweichlich, kulturübergreifend, und zeitlos. Sie erschließt sich ohne Vorkenntnis. Vielleicht ist das ihr größter Wert. Wir müssen den innewohnen Zahlencode nicht kennen, um auf die Schönheit mühevoll zu entschlüsseln, er ist keiner exklusiven Elite vorbehalten. Im Gegenteil: Unser Blick erkennt Relationen, bevor er Inhalte versteht.

Dass Zahlen künstlerische Prozesse tragen, ist kein Randphänomen, sondern Teil des Kanons. In der Musik ist das offensichtlich. Johann Sebastian Bach ist das prominenteste Beispiel, aber nicht das einzige. Auch Beethovens späte Streichquartette leben von streng gezählten Motiven, die variiert, verschoben, gespiegelt werden. Der emotionale Überschuss entsteht nicht trotz, sondern wegen dieser Ordnung. Das Ohr folgt Relationen, nicht Ausbrüchen.

In der bildenden Kunst zeigt sich Ähnliches. Piet Mondrian reduzierte Malerei auf Linie, Farbe und Verhältnis. Rechte Winkel, Primärfarben, feste Raster. Was auf den ersten Blick asketisch wirkt, entfaltet seine Spannung aus dem exakten Austarieren der Proportionen. Jede Verschiebung wäre spürbar. Jede Abweichung ein Ereignis. Auch Sol LeWitt verstand Kunst als Folge von Setzungen. Seine Wandzeichnungen bestehen aus klaren Anweisungen: Linien, Winkel, Wiederholungen. Die Idee ist gezählt, bevor sie ausgeführt wird. Die Hand folgt einem System. Und gerade dadurch entsteht Vielfalt – nicht als Ausdruck, sondern als Konsequenz.  Und in der Literatur ist diese Nähe zur Zahl weniger sichtbar, aber ebenso präsent. Die Sonettform mit ihren vierzehn Zeilen, das Terzett, die Strophe, der Reim – all das sind numerische Entscheidungen. Auch moderne Texte, die sich davon gelöst haben, reagieren auf diese Tradition, indem sie sie brechen oder umspielen. Der Bruch selbst bleibt auf das Maß bezogen.

Selbst dort, wo Kunst spontan wirkt, ist sie oft das Ergebnis präziser Wiederholung, Zwang und Befreiung von ebendiesem zugleich. Pablo Picasso zeichnete unzählige Varianten desselben Motivs, bevor eine Linie stehen bleiben durfte. Reduktion war kein Mangel an Ideen, sondern deren Ergebnis. Die Zahl wirkt hier nicht als Inhalt, sondern als Bedingung. Sie schafft den Rahmen, in dem sich etwas ereignen kann. In der konkreten Poesie tritt die Nähe zur Mathematik offen zutage. Worte verlieren dort einen Teil ihrer erzählerischen Funktion und werden zu Elementen in einem System: gezählt, angeordnet, wiederholt. Reihen, Spiegelungen, Raster, Permutationen bestimmen den Text ebenso wie Bedeutung. Ein Gedicht wird weniger gelesen als betrachtet, weniger verstanden als durchlaufen. Die Seite verwandelt sich in eine Fläche, Sprache in Material. Diese Verfahren erinnern an mathematisches Denken, nicht weil sie rechnen, sondern weil sie Beziehungen sichtbar machen. Wie in der Mathematik geht es nicht um Interpretation, sondern um Struktur: Was geschieht, wenn ein Element verschoben, gespiegelt oder reduziert wird? Konkrete Poesie stellt diese Frage nicht theoretisch, sondern performativ. Sie zeigt, dass Sinn nicht nur aus Bedeutung entsteht, sondern aus Anordnung – und dass Schönheit dort aufscheint, wo eine Ordnung konsequent zu Ende gedacht wird.

Und dann ist da diese eine Zahl, die niemand liebt und ohne die nichts geschieht: die Deadline. Die Zahl, die nicht selten alles erst möglich macht Sie ist kein ästhetisches Ideal, sondern ein Einschnitt. Ein Punkt in der Zukunft, der plötzlich Gewicht bekommt. Vorher ist alles möglich. Danach nichts mehr. Erst die Begrenzung zwingt zur Entscheidung: Was bleibt? Was fällt weg? Was ist wesentlich? In kreativen Prozessen wirkt die Deadline oft wie ein Feind. In Wahrheit ist sie eine Verbündete. Sie zwingt zur Verdichtung. Sie beendet das endlose Offenhalten. Sie ist die Zahl, die Form erzeugt. Ohne Deadline kein Buch. Kein Konzert. Kein Text. Kein Gedanke, der sich festlegt. Auch hier zeigt sich: Die Zahl ist kein Gegner der Kreativität. Sie ist ihre Bedingung.

Weniger Bewertung, mehr Beziehung

Vielleicht mögen wir unser Verhältnis zu Zahlen neu justieren. Weniger Bewertung, mehr Beziehung. Weniger als Urteil, mehr als Rückgrat und Struktur. Zahlen sagen nicht, was etwas ist. Sie sagen, wie es sich zueinander verhält. In einer Zeit, in der alles gemessen wird, verlieren wir paradoxerweise das Gefühl für Maß. Wachstum ohne Relation. Optimierung ohne Sinn. Mehr ohne Richtung. Das Problem ist nicht die Zahl – es ist ihre Entkopplung von Erfahrung.

Bach wusste das. Die konkreten Dichter wussten es. Künstlerinnen und Künstler wissen es bis heute: Ordnung ist nicht das Gegenteil von Freiheit. Sie ist ihr Resonanzraum. Vielleicht ist die Zahl keine Muse im romantischen Sinn. Aber sie ist ein stiller Partner. Einer, der nicht (nur) inspiriert, sondern hält. Der nicht verführt, sondern trägt.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Schönheit.


Anmerkung:
Der Text basiert auf einem Vortrag auf Einladung der internationalen Community Creative Mornings: Anne Seubert: Die Zahl als Muse

Gelage, The Story behind the Picture

Einisch im Bellevue z’Bern? Heuer Jung & Kunst!

Jungs waren wir mal, wären wir gern, würden wir noch lieber morgen wieder sein.
Anonym

Einisch, am’ne Morge oder am’ne Namittag z’Bern? Mani Matter, der kleine große Berner hätte vermutlich nicht so direkt die Hauptstadt ins Visier seines Gedichts oder Liedes genommen, er hätte es verstanden durch Bilder und Referenzen das Bild Berns vor dem inneren Auge seiner Zuhörerinnen entstehen zu lassen. Vermutlich auch eher ein bewohntes, belebtes, denn die Menschen waren ihm sowohl Beute seiner meist zärtlichen aber nicht minder präzisen Beobachtungen, wie Protagonisten seiner Werke.

Flick and Float

Rose Wylie, RW Party Clothes (Rose Wylie), 2016, Öl auf Leinwand, 183 × 167 cm, Mr Luke Oxlade & Mrs Louisa Oxlade, Foto: Soon-Hak Kwon, © Rose Wylie Courtesy the artist, Photograph courtesy of Jari Lager

Heuer führen mich zwei Männer mit viel Ahnung durch, aber zwei Frauen mit viel Talent nach Bern: Rose Wylie ist die eine. Sie hat wenig mit Bern zu tun, aber ein Faible für Beine: Beine in Stiefeln, in Strümpfen, unter Röcken, aus Hosenbeinen hervorlugend.

Punk und Kind in einem: Sie malt Schneewittchen mit Staubwedel und das Zöpfchen von Ronaldinho.
“Der Bund”, 19. Juli 2025

Wie immer braucht es eine Weile, bis Pop-Art bei mir zieht und nicht immer klappt es. Bei Rose Wylie aber ist es schwer sich zu entziehen. Zu entwaffnend ihr Humor. ihre Selbstironie, ihr Pragmatismus. Kleines Beispiel gefällig? Viele ihrer Bilder bestehen aus mehreren Leinwand-Tableaus. Ganz einfach, weil ihr Atelier zu klein und der Zusammenbau der Bilder erst im Erdgeschoss ihres Hauses geschehen konnte.  Schlafwandlerisch gelingt es ihr auch Bild und Text zu einem Ganzen zusammenzufügen, ohne das eines dem anderen die Schau stehlen würde.

Rose Wylie, Dinner Outside, 2024, Öl auf Leinwand, 183 × 328 cm, zwei Teile, © Rose Wylie, Courtesy the artist and and David Zwirner, Foto: Jack Hems

Rose Wylie scheut die Farben mitnichten, auch nicht die Vielfarbigkeit und doch wirken ihre Bilder nicht schreiend bunt,  ohne zu sehr um unsere Aufmerksamkeit zu buhlen, sie brauchen nicht jedes eine eigene Wand oder gar einen eigenen Raum, sie passen all in einen und doch sind sie klar Solitäre. Sind politisch, frech, anstößig, ironisch, plakativ und manchmal einfach toll.

In den Raum hören

Marisa Merz, Ohne Titel, o. J., Mischtechnik auf grauem Presskarton, 101 × 705 × 0,3 cm, Merz Collection, Foto: Renato Ghiazza, © 2025, ProLitteris, Zurich

Ganz anders die zweite Frau, die ich in Bern treffen wollte: Marisa Merz(1926–2019) . Ausrufezeichen! Marisa Merz, lese ich, war eine der führenden Figuren der italienischen Kunstszene der Nachkriegszeit und – als einzige Frau – eng mit der Bewegung der Arte Povera verbunden. Ihre poetische Kraft zeigt sich in der Zerbrechlichkeit, in den Medienbrüchen ihrer Werke. Marisa Merz weigerte sich, ihre Werke zu betiteln oder zu datieren, weil sie sich in ständigem Wandel befänden. In ihrem Atelier verwandelte sie die großen Themen Raum und Zeit mittels Zeichnung, Malerei, Bildhauerei und objets trouvés oder zufällig anwesende Materialien wie wie Aluminium, Ton, Kupfer, Nylon, Wachs und Stoff in immer wieder neue Collagen, Installationen oder Bilder. Nicht selten kommunizieren diese (scheinbar?) miteinander, kommentieren sich, stellen sich in Frage, decken oder necken sich. Kunst und Alltag kommen sich ganz nah, Hoch- und Populärkultur verflechten sich ineinander und so darf natürlich auch eine Madonna nicht fehlen:

Madonna di marte, o. J. Mischtechnik auf Papier, 48,5 × 45 × 0,6 cm, Bernier Eliades Gallery, Athens, Foto: Boris Kirpotin
Marisa Merz, © 2025, ProLitteris, Zurich

Bern lässt mich nur ungern ziehen, ich g’spürs. Ich verspreche wiederzukommen und dann die Manni-Matter-Tour mitzumachen und eine gute Kamera mitzubringen, denn Gott, ist dieses Städtchen fotogen und das eigentliche Kunstwerk dieser westeuropäischen Hauptstadt mit jeder Menge Wumms und Heidelberg-Charme umgeben von einer karibisch anmutenden Lagune namens Aare, die nicht aufhört zu locken, bis man sich ihrem kühlen Nass mit einem Aareschwumm ergibt. A bientôt!