
Man stellt sich die Dichter ja gemeinhin allzu gern als einsame Gesellen vor, aber meine These wäre, dass Gedichte, Lyrik, in all den mir bekannten Traditionen einen Versuch darstellt, sehr persönliche Empfindungen mit anderen zu teilen, sich anderen mitzuteilen. Einen Ausdruck zu finden, für Eindrücke, die man in natürlicher Sprache nicht auszusprechen vermag. Ein mitunter schwer zu entziffernder Anlauf, eine Verbindung, eine Verbundenheit gar, herzustellen, und zwar nicht mit irgendwem, sondern mit einem Menschen, der zu entziffern vermag.
Der Haiku, Giacometti unter den Skulpturen
Auch der japanische Haiku scheint auf den ersten Blick ein Inbegriff des Solitärs, genügsam gemeißelt aus Sprache, nicht mehr verlangend als eine halbe Seite, streng auf das Wesentliche verknappt, der Giacometti unter den Skulpturen wenn man so will. Es genügen dem Haiku traditionell drei Zeilen, um einen solchen Eindruck, einen als besonders empfundenen Augenblick, in ein Passepartout zwischen zwei Atemzügen zu zähmen, im japanischen Original ist es sogar nur eine Zeile, allerdings verläuft diese vertikal. In seiner Tradition allerdings war der Haiku eher gegenteilig angelegt, seine Ahnen waren sogar sehr gesellig, waren Teil von etwas gemeinschaftlich geschaffenem und zum Teilen gedachten. Das hokku nämlich, aus dessen Geschichte sich der oder das moderne Haiku entwickelte, eröffnete ursprünglich eine Folge miteinander verbundener Verse, ein sogenanntes renga. Eine Stimme begann, die nächste nahm den Faden auf. Poesie als Staffelstab, als frühes Rudel-Schreiben-Momentum, wenn man so will – wobei das Rudel beträchtlichen Wert auf Form, Prestige und Handschrift legte. Es klingen in diesen frühen Texten sowohl in der Sprache als auch in der Gestaltung die Erwartung mindestens einer Antwort mit. Wie auch andere japanische Gedichte wurden sie auf kostbar gestaltete Karten geschrieben. Quadratische shikishi und schmale tanzaku trugen Verse, Kalligrafien und Bilder; sie wurden gesammelt, zu Alben gebunden oder auf Stellschirme montiert und im Raum inszeniert.
Die europäische Lyrik kennt das so nicht, oder? Unser Minnesang war ein einsamer Rufer, der Chronist stets Einzelgänger, wenn auch dem Hofe und seiner Mannschaft gegenüber loyal. Aber gemeinsam verfasste Gedichte? Manifestos ja! Verfassungen ja! Und in heutiger Zeit auch Kriminalromane, Serien und vor allem Drehbücher. Einzig das Poesiebuch fällt mir ein, als gemeinsam gestaltetes Format und dialogische Kulturtechnik. Ein Buch, in das sich mehrere Personen eintragen durften, mehr oder minder lyrisch, aber durchaus mit Fokus auf Form und Gestaltung. Die europäischen und japanischen Traditionen sind nicht gleichzusetzen, gemein ist ihnen jedoch die dahinterliegende soziale Praktik: Ein Buch wird in mehreren Handschriften geschrieben und der Sinn ist ein verbindender. Jetzt möchte ich es genauer wissen: Wie kamen wir zu den Poesiealben, die in meiner Kindheit aus keinem Klassenzimmer wegzudenken waren, die uns den Umgang mit sozialem Erwartungsdruck, dem schmalen Grad zwischen individuellem Ausdruck, Kitsch und Klebebildchen lehrten, und auf den ersten Blick sehr harmlos daherkamen, wenn auch häufig mit einem Schloss versehen, erinnere ich mich? Und wie sähen sie heute aus? Der erste Blick in die Forschung zur Kulturgeschichte des Poesiealbums zeigt, das Buch war zunächst ein Reisebegleiter und der Brauch dazu reicht weit zurück in die Frühe Neuzeit!
Seit dem 16. Jahrhundert: Tintenkleckse und Schnörkel
Seit dem 16. Jahrhundert reisten Studenten, Gelehrte, Kaufleute und Adlige mit sogenannten alba amicorum durch Europa. Weggefährten, Lehrer und möglichst eindrucksvolle Bekanntschaften hinterließen darin Widmungen, Wappen, Sinnsprüche, Zeichnungen und ihre Namen. Die Bücher bewahrten somit Erinnerungen an Beziehungen, aber nicht nur. Sie zeigten auch jedem, der das Buch in die Hände bekam, wen man kannte und wer einem wohl gesonnen war: Social Networking, bevor das Wort so klang, als müsse man sich dazu einen Account anlegen. Später zog das Stammbuch aus der gelehrten Männerwelt in bürgerliche Häuser, aus der beruflichen Umgebung in die privaten Gemächer und Kinderzimmer. Aus dem repräsentativen Beziehungsarchiv wurde das persönlichere Poesiealbum, besonders beliebt bei Mädchen: ein intimer Speicher früher Freundschaften, guter Wünsche – und moralischer Zumutungen, Tintenkleckse und Schnörkel. Rosen, Tulpen und Nelken bewältigten darin botanisch fragwürdige Mengen an Vergänglichkeit. Das Album wurde herumgereicht und kam zurück, ergänzt um Glanzbilder, Zeichnungen oder gepresste Blumen und im besten Fall leichter um die Illusion, ein Leben sei Einzelarbeit. Wer es aus der Hand gab, stellte eine leere Seite zur Verfügung und musste hinnehmen, dass jemand anderes sie auf seine Art füllte. Eine kleine Zumutung und mitunter schmerzhafte Lektion in Kontrollverlust. Und eine frühe Übung in Prozessvertrauen. Das Erstaunliche am Poesiealbum war ja nicht nur, dass jemand etwas hineinschrieb, mindestens so erstaunlich war, zumindest nachträglich betrachtet, dass man das Buch hergab mit allem was bereits drinstand.
Zukunft, eine Übung in Prozessvertrauen
Zukunft begegnet uns heute nur selten als leere Seite. Sie erscheint bereits gut gefüllt: mit Prognosen und Fristen, Szenarien, Schadenskurven, Wahrscheinlichkeiten, Hochrechnungen und einer nicht enden wollenden Reihe von Kommentaren darüber, wie all diese Kommentare zu verstehen seien. Wir vermessen die Zukunft doppelt und dreifach, und gern hätten wir sie lieber mehr als weniger unter Kontrolle. Lyrische Anwandlungen wirken angesichts des Pflichtenhefts der Zukunft beinahe fahrlässig. Selbst die Überraschung verfügt inzwischen über ein Risikomanagement und hat kaum noch eine Chance, sich incognito durch die Gegenwart zu navigieren und allen Interviewanfragen zum Trotz vage zu bleiben. Wie schade! Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt moderne Gesellschaften daher als Systeme, die sich nur durch fortgesetzte Konkretisierung, immerwährendes Wachstum, Beschleunigung und sogenannte Innovation stabil halten können. Wir müssen schneller werden, mehr erreichen, Neues hervorbringen – nicht unbedingt, um irgendwo anzukommen, sondern um unseren Platz nicht zu verlieren. Selbst die Pause trägt inzwischen Turnschuhe. Die Welt wird dabei verfügbarer: erreichbar, berechenbar, bestellbar, abrufbar. Doch je entschlossener wir sie uns aneignen, desto eher droht sie zu verstummen. Rosas Konzept gegen Vereinsamung und Entfremdung, gegen innerliche Kündigung wenn man so will, lautet Resonanz. Gemeint ist damit kein Gleichklang und schon gar nicht das freundlich temperierte Gefühl, das sich nach einem Waldspaziergang idealerweise einzustellen hat. Als Resonanz bezeichnet er eine lebendige Beziehung zur Welt, in der etwas uns berührt, berühren darf, und zwar so dass wir darauf antworten! Dass wir in Schwingung geraten und mit einer Empfindung, einer Reaktion, einer Verbundenheit, und aus der Begegnung verändert aus der Begegnung hervorgehen.
Zwischen „Alles wird gut“ und „Alles ist verloren“
Allein, diese existenziell notwendige Wirkung lässt sich nicht planen, noch nicht einmal berechnen. Stattdessen sind Hingabe und Vertrauen gefordert, sonst wäre sie ja nur eine von vielen mittlerweile buchbaren Dienstleistungen. Man kann die teuerste Konzertkarte kaufen und trotzdem innerlich die Einkaufsliste ordnen. Man kann einen Wald besitzen, berechnen, bewirtschaften und kartieren, ohne sich ein einziges Mal von ihm ansprechen und im Rosa’schen Sinne in Resonanz versetzen zu lassen. Oder man kann drei Zeilen Lyrik lesen, sich nicht mehr einsam fühlen und plötzlich pfeifen! Bevor es zu Missverständnissen kommt: Es besteht kein Anlass, die Lage schönzuschreiben. Der Weltklimarat hält fest, dass sich das Zeitfenster für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft rasch verengt. Jeder weitere Erwärmungsschritt begrenzt Möglichkeiten einer klimaresilienten Entwicklung. Zugleich sind wirksame und zum Teil kostengünstige Möglichkeiten zur Emissionsminderung und Anpassung bereits vorhanden. Welche Entwicklungspfade wir einschlagen werden, hängt nicht von einem einzelnen historischen Moment ab, nicht von jedem einzelnen Menschen, oder zumindest nicht nur. Es sind die vielen aufeinanderfolgenden Entscheidungen staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure – und jedem von uns. Gemeinsam. Unser Handlungsspielraum ist also weder unbegrenzt noch verschwunden, weder optimistisch noch pessimistisch zu bewerten, er ist zugleich ein sehr individueller und kollektiver Entscheidungsraum entstanden. Ist es also an der Zeit, Gedichte kollektiv zu verfassen?
Welt, wie häsch’s?
In Welt, wie bisch!? stellt ein von Wolfgang Scheurer in alemannischer Mundart verfasster Lyrikband, der bei mir genau und einzig wegen dieses Titels im Regal steht, im Titel die Frage, die wir als Autoren ausschreiben dürfen – Wie geht es dir, liebe Welt? –, ohne die Antwort fürchten oder bereit halten zu müssen. Was bliebe zu retournieren? Vermutlich immer und immer wieder die erwachsene Form von:
Es kommt darauf an.
Zwischen „Alles wird gut“ und „Alles ist verloren“ liegen die von uns zu beackernden Felder, auf denen sich und genauer wir entscheiden, wie wir Energie erzeugen und Städte an heißen Tagen Schatten und Kühle bewahren, wie Böden fruchtbar bleiben, Wasser in der Landschaft gehalten wird und aus anfälligen Forsten vielfältigere Wälder werden. Kurz, wie wir leben (können) wollen. Es geht um bezahlbares Wohnen, soziale Sicherheit und Bildung, um das Wissen, Dinge zu reparieren, statt sie zu ersetzen – es geht um das Schöne und das Gute, das Herrliche und das Gemeinsame – und um die Frage, wer dabei mitreden und wer entscheiden darf. Auf diesem Gelände steht kein expliziter Hebel mit der Aufschrift Zukunft, schon gar nicht dekorativ auf einem Berg mit Zufahrt und Leitsystem. Es gibt der Hebel viele. Einige sind schwergängig, andere gehören Leuten, die ungern teilen. Gerade deshalb darf Hoffnung nicht mit guter Stimmung verwechselt werden. In der psychologischen Hoffnungsforschung wird sie als Verbindung von Ziel, möglichen Wegen und erlebter Handlungsfähigkeit beschrieben. Hoffnung heißt dann nicht: Ich bin sicher, dass es gelingt. Sondern: Ich erkenne ein erstrebenswertes Ziel, sehe Wege dorthin und halte mich oder uns für fähig, den nächsten Schritt zu tun.
Schluss mit Träumereien hin zu evidenzbasierten Zukunftsübungen
Die Forschung rund ums Klima liefert alles andere als Grund für ein bequemes „Positiv denken!“. Eine Metaanalyse von 46 Studien fand im Durchschnitt aber zumindest einen kleinen positiven Zusammenhang zwischen Hoffnung und Klimaengagement. Entscheidend dabei war, worauf sich die Hoffnung richtete. Hoffnung, die mit konkreten Handlungsmöglichkeiten und eigener oder gemeinsamer Wirksamkeit verbunden war, hing deutlicher mit Engagement zusammen. Eine Hoffnung hingegen, die darauf beruhte, es werde schon nicht so schlimm kommen, konnte höchstens beruhigen nicht aber bewegen. Rob Hopkins, Mitbegründer der Transition-Bewegung, arbeitet seit Jahren daran, auf der Grundlage kollektiver evidenzbasierter Zukunftszenarien, konkrete Handlungsschritte und Vereinbarungen auszulösen. Er fragt nicht: Was müssen wir verhindern? Sondern eher: Wie sähe, basierend auf dem was wir wissen, können und seriös vorherzusagen in der Lage sind, ein Alltag aus, in dem wesentliche Veränderungen tatsächlich gelungen wären? In seinen Zukunftsübungen werden mögliche Welten nicht nur beschrieben, sondern probeweise bewohnt. Menschen gehen gedanklich durch Straßen, betreten Läden, hören Geräusche, riechen Essen, sprechen mit Nachbarinnen. Zukunft wird für einen Moment aus dem Diagramm entlassen. Hopkins’ jüngstes Buch How to Fall in Love with the Future etwa versammelt historische und gegenwärtige Beispiele dafür, wie konkrete Zukunftsbilder gesellschaftliche Veränderung anstoßen können.
Ein Ausflug in Verwandtschaftszeit und Verantwortungsbeziehungen gefällig?
Das mag zunächst nach einem Betriebsausflug der Fantasie klingen. Tatsächlich berührt es unser aktuelles gesellschaftliches Phlegma: Menschen sollen sich für eine Zukunft einsetzen, die in der öffentlichen Vorstellung meist als Verzichtsprogramm, Katastrophenfilm oder abgekarterte Präsentation daherkommt. Das klimaneutrale Pflichtenheft aber löst keine Bewegung aus, ein klimamoralisch zertifizierte Utopie ist noch kein Ort, an dem man leben möchte. Unsere Vorstellungskraft ersetzt weder Emissionsminderung noch leistet sie Anpassung, touché. Sie kann aber Ziele sinnlich und sozial vorstellbar machen und die Lyrik kann helfen sie mit Sehnsucht und kollektiv zu besetzen. Wie riecht eine Straße ohne Autos im Juli? Was hört man, wenn auf dem Schulhof wieder große Schattenbäume stehen? Was wird möglich mit in Frage gestellten Zeit- und Besitzparadigmen und verfeinerter Wahrnehmung – um nur zwei zu nennen. Vielleicht wird die Zukünftige nahbarer, wenn sie Verben wie teilen, schützen, umbauen, widersprechen, pflegen, schnuppern, reparieren, zuhören an die Seite gestellt bekommt. Adjektive wie frech, lecker, leise, flamboyant, unvorhergesehen, grasgrün und knallvergnügt?
Vor allem aber verliert sie an Schrecken, wenn aus dem Ich ein Wir wird, ohne dass das Ich sich augenblicklich in einen sehr großen Sitzkreis setzen oder vor einem Tribunal rechtfertigen muss. Kyle Powys Whyte, Philosoph und Angehöriger der Citizen Potawatomi Nation, schlägt mit seinem Begriff der Verwandtschaftszeit a.k.a. kinship time eine ganz andere Erzählweise samt relationaler Zeit vor. Zeit erscheint darin nicht als langer Flur, auf dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ordentlich hintereinander ihre Türen haben, die wir einzeln erleben respektive betreten dürfen. Zeit entsteht bei ihm überhaupt erst in Beziehungen, Verantwortlichkeiten und wechselseitigen Verpflichtungen. Und so fädeln sich auch die sogenannten Krisen hier ein. „Krise“ ist ja für viele indigene Gemeinschaften keine überraschende Unterbrechung einer zuvor intakten Welt, im Gegenteil. Und so fordert denn auch der jüngste Verlust von Lebensgrundlagen für sie zwar grundsätzliche Veränderungen und eine Beweglichkeit jenseits des Bekannten, aber eben auch Schritte, Gedanken, Entwicklungen, die überhaupt nur als Kollektiv gedacht und bewältigt werden kann.
Tollerweise verbindet die Botanikerin und Angehörige der Citizen Potawatomi Nation Robin Wall Kimmerer “unsere” naturwissenschaftliche Forschung mit Potawatomi-Wissen. In Braiding Sweetgrass und The Serviceberry denkt sie Gegenseitigkeit nicht als freundliche Zugabe, sondern als Konsequenz des Empfangens. Wer etwas erhält, tritt in eine Beziehung ein. Die Gabe erzeugt als Antwort eine Mischung aus Zurückhaltung, Dank, Weitergabe – und Fürsorge. Solche relationalen Perspektiven sind nicht nur poetisch attraktiv. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hält fest, dass Natur auf Gebieten indigener Völker im Allgemeinen weniger schnell zurückgeht als andernorts, obwohl auch diese Gebiete unter wachsendem Druck stehen. Mindestens ein Viertel der globalen Landfläche wird traditionell von indigenen Völkern besessen, genutzt, bewohnt oder bewirtschaftet; diese Gebiete überschneiden sich in erheblichem Maße mit Schutzgebieten und vergleichsweise wenig beeinträchtigten Landschaften. Das ist kein romantischer Beweis einer angeblich natürlichen Harmonie, sondern verweist auf Wissen, Institutionen, Rechte und langfristige Verantwortungsbeziehungen. Vielleicht liegt darin eine entscheidende Verschiebung nicht nur des Verständnisses und der Wahrnehmung und Beschreibung (Besch-Schreibung!) unserer Zeit und ihrer Paradigmen, sondern ganz explizit auch unseres Konzepts von Verantwortung: Die Zukunft als Teil der Beziehungen, die wir heute eingehen, pflegen, beschädigen oder verweigern.
Die Zukunft und wir: Letzte Ausfahrt Paartherapie?
Verweigern war schon beim Poesiealbum keine wirkliche Option. Das Poesiealbum, das zwischen Klimaberichten, Hoffnungstheorien und Verwandtschaftszeiten ein wenig aus dem Blick geraten war. Aber hey, gute Bücher können das aushalten, oder. Das Poesiealbum wurde ja stets mit der Bitte weitergereicht, etwas hineinzuschreiben, das begleiten und bleiben durfte. Seien wir ehrlich, nicht jeder Eintrag war originell oder auch nur ästhetisch oder inhaltlich wertvoll. Die Geste war meist bedeutsamer als der Inhalt: Jemand nahm sich Zeit, wählte Worte aus, setzte sie in Schönschrift aufs Papier, radierte hernach die Hilfslinien weg und fluchte leise, wenn die Tinte noch nicht ganz getrocknet war, bevor er mit dem Ärmel aus Versehen darüberstrich. Oder etwas heroischer: Jemand übernahm für eine Seite von vielen in unserem Buch die Verantwortung! Das bringt mich zum Ende dieses Textes zu einer Denksportaufgabe: Was wäre, wenn wir unser Ego ein wenig eindampften und uns für einen Moment als Poesiealbumgäste der Zukunft verstünden? Nicht als ihre Besitzerinnen, und weder als ihre Zerstörerinnen noch als ihre Retter. Denn ja, Zukunft ist Teil unseres menschlichen Bewusstseins, aber Zukunft ist keine Textaufgabe, die sich bei genügender Konzentration oder ausreichender Expertise lösen lässt. Schuld und Verdammnis bringen uns nicht weiter. Und weder rechtlich noch philosophisch lässt sich das Dilemma zufriedenstellend lösen. Nun also, was würde möglich, wenn wir uns in Bescheidenheit und Demut übten und uns vorübergehende Gäste in einem Buch verstünden, dessen Anfang wir nicht geschrieben haben und dessen Ende wir nicht lesen werden.
Die Lyrik der Zukunft: Formeln? Ermahnungen? Hashtags? Reime?
Imagine! Eine Seite ist uns anvertraut. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wozu wollen wir sie nutzen? Formeln? Ermahnungen? Hashtags? Reime? Die Zukunft würde vermutlich nicht danach fragen, wie gut wir reimen können. Vielleicht möchte sie wissen, worauf sich unsere Hoffnung stützte. Welche Wege wir öffneten. Was wir schützten, teilten, reparierten oder sein ließen. Ob wir Humor hatten. Und wie gut wir einander zuhörten. Und well, wer läse unsere Einträge außer der Zukunft? Was stünde bereits drin? Wie und woran würden wir unseren Eintrag messen können müssen? Und wie intellektuell sollten wir unsere Gedanken ausformulieren? Eine Seite ist nicht viel, aber jede große Veränderung besteht irgendwann aus Handlungen, die klein genug waren, um begonnen zu werden und andere inspirieren konnten, mitzumachen. Ein Beschluss. Ein nicht gekauftes Ding. Eine gegründete Genossenschaft. Ein Stück Boden, das wieder Wasser hält. Eine Tür, durch die plötzlich andere Menschen mit an den Tisch kommen. Ein Gedicht. Und siehe da, unsere Seite ist nicht ganz leer. Sie trägt die Druckspuren, Schweissperlen und Tintenkleckse derer, die sich vor uns getraut haben.
PS: Nur unterschreiben galt übrigens noch nie.
Wer es genauer wissen möchte:
Ozaki Hōsai, Right under the Big Sky, I Don’t Wear a Hat: The Haiku and Prose of Hōsai Ozaki, übersetzt von Hiroaki Sato, Stone Bridge Press 1993. (Hoshitori Haiku)
Steven D. Carter, Haiku Before Haiku: From the Renga Masters to Bashō. Columbia University Press, New York 2011.
Japanische Gedichtkarten – The Metropolitan Museum of Art: Objekt- und Sammlungsbeschreibungen zu shikishi und tanzaku
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: „Das frühneuzeitliche Stammbuch: Freundschaft, Prestige und Macht“, zu den alba amicorum als Erinnerungs-, Repräsentations- und Netzwerkmedien
Deutschlandfunk Kultur: „Warum Poesiealben Mädchensache sind“, zur späteren sozialen Funktion von Poesie- und Freundschaftsbüchern.
Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016.
Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018, Suhrkam Verlag, Berlin 2020.
Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability und Climate Change 2023: Synthesis Report.
R. Snyder, „Hope Theory: Rainbows in the Mind“, Psychological Inquiry13, Nr. 4, 2002, S. 249–275. Maria Ojala: „Hope and Climate Change: The Importance of Hope for Environmental Engagement among Young People“, Environmental Education Research18, Nr. 5, 2012, S. 625–642. Nathaniel Geiger, Timothy Dwyer und Janet K. Swim: „Hopium or Empowering Hope? A Meta-analysis of Hope and Climate Engagement“, Frontiers in Psychology 14, 2023. (DOI)
Rob Hopkins, From What Is to What If: Unleashing the Power of Imagination to Create the Future We Want. Chelsea Green Publishing, 2019. Rob Hopkins, How to Fall in Love with the Future: A Time Traveller’s Guide to Changing the World. Chelsea Green Publishing, 2025.
Kyle Powys Whyte, „Time as Kinship“, in: Jeffrey Jerome Cohen und Stephanie Foote (Hrsg.): The Cambridge Companion to Environmental Humanities. Cambridge University Press, Cambridge 2021, S. 39–55.
Robin Wall Kimmerer, Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teachings of Plants. Milkweed Editions, Minneapolis 2013; dies.: The Serviceberry: Abundance and Reciprocity in the Natural World. Scribner, New York 2024.
Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services: Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, Summary for Policymakers, 2019.
Rheingold Institut: Arbeitswelt als Insel der Stabilität – Studie zu Verantwortung in unsicheren Zeiten, Köln 2026.