Gelage

Der richtige Moment

Horizont | Anne Seubert

Der richtige Moment ist mitunter unerträglich schüchtern, dann wieder unfassbar gut drauf und manchmal erst durch den Kontext unwiderstehlich. Nicht nur das verbindet uns. Auch die fleischgewordene Abneigung gegenüber jeglicher Art von Diät.

Der richtige Moment reift im Dunkeln, redet sich im Schlaf um Kopf und Kragen und fühlt sich unter der aufgehenden Sonne pudelwohl. Er hält wenig von Nachhaltigkeit und Marathonlauf, umso mehr von Punktlandungen. Sein Augenaufschlag macht dich knülle, aber auch mit geschlossenen Augen gehst du vor ihm in die Knie.

Der richtige Moment ist ein Steh-auf-Frauchen, das Haar schwungvoll in den Nacken geworfen, den Absatz gern ruiniert, denn am liebsten ist er barfuß unterwegs, knietief im Nichtsdestotrotz. Alle auf Achtung, empfiehlt sein Adjutant und legt beflissen das Cabrio in die Kurve: Heute verrät die Uhr ihre Zeiger, bleibt pünktlich stehen und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Gegenwart

Tage in Aspik

Fernwehen | Anne Seubert

Wenn einer deine Lippen sucht und am Kinn strandet, könnte Fernweh dahinter stecken. Diese fieberlose Variante, die den Alltag nicht gelten lässt, egal wieviel Mascara er trägt und welche Augenfarbe heute. Heiserkeit ist dann keine Ausrede, es gilt, das Anlegen zu üben, Manöver für Manöver, und die Kichererbsen schonmal zu wässern, better safe than sorry, allem voran was die Eiweißversorgung betrifft.

Und dann ist plötzlich Abend und das rettende Ufer deiner Lippen immer noch weit entfernt, geschweige denn, dass ein Mund offen stünde. Stattdessen nichts als Wangen, soweit das Auge blickt, ein Grübchen im Halbschatten, das nach einer Brücke ruft, die erst noch gebaut werden möchte, aber da kommt auch schon die Flut und ich bin froh, an Land gehen zu dürfen und genieße die Aussicht im Rückspiegel.

Landgang, sei was für Anfänger murmelst du und ich bin froh, den Lippen wenigstens so nahe gekommen zu sein, dass deine launigen Bemerkungen auch bei nur mäßigem Wind Gehör finden. Das durch sie ausgelöste Lächeln spüre ich sogar bis ans linke Ohrläppchen, das schon immer etwas feinfühliger, während das andere traditionell jener Strähne Halt bietet, die du lieber frei siehst, ich aber regelmäßig hinter dem Ohrläppchen geborgen zur Ruhe zu bringen versuche, Fernweh hin oder her.