Gedanken

2020: Von Glückskäfern lernen heißt leuchten lernen

Skarabäus | © Anne Seubert

Januar
Dieses Jahr begann im Rausch, gut vorbereitet und gleichzeitig maximal im Flow, vermutlich war es sogar Champagner, den wir uns spontan zu Hilfe holten, da war es schon weit nach Mitternacht. Ich unterzuckert, du strahlend, ich mit einer Hälfte meines Körpers im verbleibenden Abendmahl nach Kohlenhydraten suchend, mit der anderen deinen Blick. Du eager. Egal. Es war gut.  Sehr gut sogar.

Februar
Im Februar ein letztes Mal Salzburg, auf der Rückfahrt traf ich in München auf Sabine, wir verbrachten eine Nacht in einem schäbigen Bahnhofshotel, während um uns die Kräfte um die Wette wüteten. Ein Vorzeichen? Gegen Ende des Monats wurde spontan gefeiert. 41 rote Rosen standen Spalier, als wir den werdenden Vater feierten und den Wald, das neue Album und uns, aber das Unheil in C-Moll kündigte sich bereits an. Zunächst aber wurde verpflanzt, verabschiedet und verzärtelt.

März
Während der Frühling seine Aufbruchsstimmung in die Waagschale warf, entwickelten wir Krisenworkhops und digitalisierten, was sich digitalisieren ließ: Zunächst meine Vorlesungen an der Uni, Veranstaltungen und Freundschaft. Manches ging sich aus, anderes verließ einen. Ich wagte eine neue Therapie, mit Maßnahmen und Medikamenten, die mich herausforderten, die mich bis in den Mai hineinquälte, bevor ich sie ver- und meinen Körper wieder atmen ließ.

April
Der April war hart, einsam und surreal. Leben auf broken glass.

Mai
Im Mai wurde die Kraft langsam knapp, doch dann zeichnete sich der Neustart ab und ich entschied mich zum Glück, den Arzt zu wechseln. In der Summe führte das zu neuer Energie. Ich nahm an einem ersten Zukünftelabor teil, und bekam neue Tomatenpflanzen für meinen Balkon. Fasten half dem Körper, wieder zu sich zu finden.

Juni
Im Juni ging es an die Küste und in den Schwarzwald. Und ein neues berufliches Kapitel wurde aufgeschlagen, ja, in diesen Zeiten.

Juli
Das berufliche Blatt wendete sich und es zeichnete sich mehr und mehr eine enorme Arbeitslast im letzten Quartal ab. Wir nutzten den Preussischen Sommer umso mehr für kleine Zusammenkünfte, Ausflüge ins Umland und an den See. Sommer mitten in Berlin.

August
Im August durfte ein zweiter Geburtstag gefeiert werden und es war eine gute Idee, dafür ans Meer zu fahren, auf eine Art vegessener Insel, und sich morgens noch ein ganz besonderes Kleinod zu gönnen, das pünktlich um 7:00 Uhr klingelte und ein Buch in der Tasche hatte.

September
Im September dann begann die Phase des Jahres, die von viel und guter Arbeit gekennzeichnet war, schöne Projekte, tolle neue und alte Projektpartner, neue Formate im digitalen Raum, viel Freude am Ausprobieren und viel Erfolg. Dazwischen immer wieder wichtige Schaffens- und Ruhephasen. Leise machte sich die zweite Corona-Phase laut. Wir gönnten uns Straßentheater und -konzerte, unvergessen die Spreeagenten im Scheinenviertel, in seinen Hinterhöfen und an seinen Hauswänden.

Oktober
Noch glaubten viele daran, das Schlimmste läge bereits hinter uns während ich wieder anfing Kraft zu sammeln und meine Safety-Zonen zu etablieren, innerlich wie äußerlich.  Und auch ich ließ mich hinreißen und entwickelte ein Konzept für eine lyrische Ausstellung samt Lesungen und Workshops mit Freunden und Musikern für den Januar.

November
Immer deutlicher wurde: Das wird nichts, die Ausstellung musste direkt wieder abgesagt werden, alle analog geplanten Veranstaltungen ebenso. Letzteres ließ Raum für einen Dezember der Muße. Einen Fuß vor den anderen setzen. Die Wunder vom Katzentisch an den Wohnzimmertisch bitten. Einen Turm einrichten, einen Schloßpark ins Auge nehmen.

Dezember
Den Dezember hatte ich vorausschauend der Muße und dem Ausruhen zugeordnet. Keine Termine und wenig sitzen. Dafür weitschweifige Klammern durch die Welt, gute Gespräche mit Muße und Aufmerksamkeit.
Mandelblüte.

 

ENDZEITFRAGEN:

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr. Viel gelaufen, noch mehr spaziert, was so gar nicht meins ist.

Der hirnrissigste Plan?
Es alleine hinzukriegen.

Das leckerste Essen?
Bratäpfel mit Bruder.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Gedanken.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Learning by Doing

2020 zum ersten Mal getan?
Wie immer jede Menge.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Eine Ausstellung geplant, um ein Stipendium beworben, einem Traum auf die Sprünge geholfen. Auf einer Virtual Reality Bühne eine Keynote gehalten.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) Diagnosen und Fehlbehandlungen inklusive 10 Kilogramm.
2) Dein Schweigen.
3) Frust.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Uns.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Das gute Gefühl, gehen zu können.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Eine Kiste Bücher.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ja

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Lass es uns versuchen.

2020 war mit einem Wort …?
Frustrierend. Lähmend. In Frage stellend. Gut dass du da warst und interessant, was du aus mir gemacht hast.

 

Zum Jahres-Medley 2019…

Gegenwart

Des Morgens aber, siehe …

Cat Content | © Anne Seubert

Des Morgens aber, siehe es war Nichts, und das Nichts hatte den Tag auf dem Kieker. Das Nichts, das so unmöglich wie nötig, so unsichtbar wie allgegenwärtig, so absolut wie widersprüchlich daherkommt, hat es in sich, je mehr man sich darauf einlässt. Wie fruchtbar so ein Wort sein kann, wenn wir unsere Aufmerksamkeit eine Weile daraufrichten.

Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Ding noch großen Aufhebens wert, es ist ja nichts. Rien. Rien du tout! De rien, sagt die Französin entschuldigend, der Engländer wundert sich: Von nichts kommt nichts, es ist nicht der Rede wert, its nothing at all. Überhaupt gar nichts, versuchen wir zu steigern, was sich nicht verkleinern lässt. Das große und das kleine Nichts.

Was wissen wir über seine Ausmaße, fragen sie zurecht. Ob und wie sehr sich die beiden unterscheiden, das vermeintlich kleine Nichts und das große Alles? Man möchte ein Kinderbuch dazu illustrieren, also ich. Mit Kreisen und Überlappungen und in der Mitte das Menschlein, nicht nichts und nicht alles, doch ohne ihm weder alles noch nichts, es bleibt eine Frage des Bewusstseins und nicht zuletzt der eigenen Verortung im Weltenall.

2020 war für viele ein Jahr voller Nichtse und stellte zum Ende die Frage: Von einem Nichts ins Nächste? Was kommt als Nächstes? Ich bin der Ziele, der treffsicheren Sprache, der Fabulierlust und Fragestellungen gerade ein wenig über und würde gerne einfach gehen. Ent-Kommen, aus-nichtsen, nicht das Jahr sondern die Fragen danach.

Nichts erwarten, nichts vornehmen, nichts Raum geben – ankommen an einem Ort, der keiner ist, mehr Zeitraum als Geodatenmenge, mehr Untiefe als Landmarke. Eintauchen in eine Welle, die gespürt werden will, bevor man sie surft, die das Salz nicht auf der Zunge lässt, sondern bis in den Magen spült. Die will, dass du dich ihr übergibst, mit Haut und Haar und dich erst dann auftreten lässt, wenn sie dich ausspuckt.

Des Morgens aber, siehe es war nichts. Es war und ist alles und zwar hier und jetzt vergangen, dir entgangen wenn du da bist und nie wieder in die Knie gehst. Nimm an und sei nichts, was du nicht bist, wenn ich bei dir bin und die Nacht noch geöffnet.

Mit geschlossenen Augen sind wir alle im Lot, halb Habenichts, halb voll und in Armen zu genießen, die das Sein im Werden ahnen, frühmorgens, wenn der Tag noch möglich und die Nacht noch wach.

…..
Dieser Text entstand angeregt durch die School of Nothing von Martin Ciesielski, Dezember 2020.