Geliebte

Fensterbretter, die die Welt bedeuten

White Shoes | Anne Seubert

Auf dem Fensterbrett gehst du den ersten Schritt, Wörtchen,
selten nur laut, Weisspfötchens Abdruck ist ein leiser, tastender, einer der zuhört.
Selten nur alleine auch, du Wortlaute, Weibliche, die du dir mittels Sprache Gehör verschaffst: Letter für Letter auf Zeilen sortierend, die dir Boden und mir Inselzelle.

Die Einzelteile kennst du und doch: Jeder, der sich hier bewirbt, hat einen Laut mitgebracht,
einen, der sich schwarz auf weiß manifestiert, sobald er auftritt in einem Wort, das er sich nicht immer ausgesucht hat, dem er aber zu
Begrifflichkeit und Ausdruck verhilft.

Aussprechen, was ist, was geschrieben steht, was gedacht wurde, was sich anhäufen lässt,
in Reih und Glied, in Ordnung und Wundertüte. Denn was gelesen wird, steht auf einem anderen Blatt, spiegelt sich in der Scheibe, zuweilen fernab von dem was naheläge.

Der Wortlaut, juristisch, wortgetreu wiedergegeben, also Wort für Wort, genau das was da steht. Der Wortlaut gleichermaßen: Der Klang des Wortes jenseits dessen was geschrieben steht und ja, sogar ohne, dass es je geschrieben worden wäre. Wortlaut zuweilen auch mehr als ein Wort, als ein Laut, eine Anhäufung von Buchstaben. Wortlaut, du Molekül meiner Sprache.

Eine Laute, die sich mit Worten spielt, oder die Worte zum klingen bringt? Auch das: Diese Wortlaute, auf wievielen Seiten auch immer, wie laut oder leise der Klang, der sich zuweilen stumm gibt und doch zittern macht. Gerade da zittern macht, wo das Blatt weiss und die Stimme leer. Wie klingst du, weiß, das sich hinter den Stäben drängelt, sobald ein Wort eine neue Seite eröffnet?

Beim Wort, nehm ich dich, an die Hand nehm ich dich, lauthals nehm ich dich, in den Arm nehm ich dich, Wortflüchtiger, lass verlautbaren was du in mir klingen machst, wenn ich dich ausspreche, aufschreibe, suche und sammele, lese und lagere. Mein Fensterbrett sei Zeuge.

 

Gedanken

Die Unverfügbare

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Der Weg liegt noch zurück, da weisst du schon, wie und dass es zu spät ist für einen Sommer ohne Schwalbe, für eine Hoffnung ohne Glaube, für eine Liebe ohne Schnee. Ich heize stoisch über den April hinaus, setze auf Kreisverkehr und das Echo der Berge, lege mich quer und dich matt. Schach! dem, der dich irgendwann wieder ausspucken wird, der Stein ist im Brett und meine Geduld an Spucke trainiert. Spucke, die mir den Juckreiz und dir die Zentrifugalkraft nimmt, Speichelfetzen, auf den ich gern verzichtete, stattdessen trocken lege, was du feucht werden liesst.

Das Amen in der Kirche, die Wirbel am Grat, den Fluss hinter der Biegung, wo er endlich wieder Fahrt aufnimmt und dich adoptiert. Enkel müsste man haben, flüsterst du dem Fahrtwind hinters rechte Ohr, als ihr den See entdeckt, zu dem der Fluss wurde, während ihr abtriebt und dem Ufer entfloht. Nicht alles ist Ruhe, first come, first surft, manches bedarf einen Sturm, zitierst du den Strand.

Und während du abwägst, wer sich zu drehen, wer zu ankern und wer am Besten den toten Mann gibt, lässt die Sonne sich herab für ein Schäferstündchen an Seeblick, die Strahlen hinter Plexiglas, das Lächeln auf halb acht. Timing ist alles!