Gegenwart

Heute nehme ich mir frei

Berlin Mitte | © Anne Seubert

Heute nehme ich mir nichts vor, Heute nehme ich mir beim Schopf und schüttle, bis das Gestern sich trollt und das Morgen Reissaus nimmt. Heute schmeiss ich hin, was nicht herkommt und halte der Zeit nicht länger ein Plätzchen frei, nein, heute bin ich mal leise und auf den Punkt genau. Heute ist mal gut, was nicht gerade und gut genug, was nicht perfekt. Heute ist frei, froh zu sein oder traurig, oder müde und matt. Heute ist Tag der Blumenmädchen und Pilotinnen, den Kopf in die Luft und die Füße ins nasse Gras, das heute morgen noch ganz schön frisch zwischen den Zehen blinzelte.

Heute ist Kirschkernspucktag, wenn nur die Kirschen schon reif wären, so bleibt es beim Träumen, ein Tag wie gemacht zum Ideenweitwurf, wobei bei aller Weite die Nähe nicht zu kurz kommen darf. Magst du dich neben mich setzen auf eine Schale Tee? Magst du die Straße fegen, den Staub vergolden im Licht, das fällt, weil die Sonne die Gnade hat, um die Ecke zu scheinen?

Heute nehm ich mir frei von Kummer und Sorgen, von Speck und Knödeln, heute gibt es Luft und Liebe und Streuselschnecken satt, bis das Tageslicht Feierabend macht und meine Laune Liebeskummer vortäuscht und Streicheleinheiten gegen Liebesperlen tauschen möchte und vice versa, wer möchte sich da schon entscheiden, lieber zusammenlegen, überhaupt, viel öfter zusammenlegen, die Leiber, die Liebe, das Geld und die freien Tage, bis die Leichtigkeit exponential und der Weg frei in eine Nacht, die zu den unvergessenen zählen wird.

Gedanken

Ich spaziere gern über Lust.

Tape that | © Anne Seubert

Ich spaziere gern über Lust.
Ich lerne oft zum falschen Zeitpunkt.
Ich weine auch im Sommer.
Ich leiste liegend Widerstand.

Ich denke bei Schmerzen an Wunder.
Ich wage lieber Schönes als Neues.
Ich esse am liebsten mit den Händen.
Ich rege mich an statt auf.

Ich lese vor wie andere nach.
Ich stehe gern am Fuße der Frage.
Ich buchstabiere auch Zahlen.
Ich umarme deine Lügen.

Ich brauche mehr Wasser als Wein.
Ich werde schneller blass als rot.
Ich liege nicht immer aber gern am Strand.
Ich entscheide mich gern dafür.

Ich suche die Guten.
Ich sehe die Gefahren.
Ich lüge in Taschen und Jutebeutel.
Ich lache deutlich.

Ich mache den Punkt vor dem Komma und trage das Ass im Hosenbein, kurz unterm Knie. Wade frei!