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Nicht im Imperativ: Wortlaute und Weltreiche

Idealisiertes Porträt von Babur (1483–1530) „Sitzender Prinz in persischer Tracht beim Lesen. Albumblatt. Spekulativ am Rand als Bābur identifiziert. Möglicherweise von Aqā Rizā Haravi.

Du bist ein Kolibri,
Du bist das Licht, ich bin der Räuber dieses Lichts.
Ich möchte gerne glauben, dass es keine Verwandtschaft gibt,
und ich, ich bin ein Räuber für dich, Prinz.
Zahir ad-Din Muhammad Babur

Für Max G.

Unsere Gegenwart spricht gern im Imperativ. Sie fordert, positioniert, beschleunigt. Lyrik tut das nicht. Sie hält inne. Seit jeher ist sie Kunstform – und zugleich Kulturtechnik des Begreifens, des Ausdrucks und der Verständigung. Sie ergänzt das wahrnehmende Sehen und das genaue Zuhören um eine eigene Form der Erkenntnis. Sie verleiht Ausdruck dem, was sich im Modus von Tun und Lassen, von Arbeitsauftrag oder Essay nicht sagen lässt. Manche Erfahrungen verlangen eine andere Ebene, eine eigene Sensorik, etwa ein eigenes Auge zunächst, eine eigene Sprache dann, und schließlich ein eigenes Ohr beim Gegenüber. Mit dem lyrischen multiperspektivischen System sehen, hören und aus dem Wahrgenommenen Sprache formen, ist zunächst eine solitäre Tätigkeit. Der poetische Moment entsteht nicht im Konsens. Er will aufgespürt, behutsam geprüft, vielleicht auch gezähmt werden, bevor er sich in Worte kleidet – in eine Sprache, die mitunter neu erfunden oder aus entlegenen Bedeutungsräumen entlehnt wird. Paul Celan sprach von Gletscherspalten, um dem Schrecken gerecht zu werden, den er benennen musste.

Am 18. Februar jährte sich der Geburtstag von Zahiriddin Muhammad Bobur zum 543. Mal. Jahrestage verleiten leicht dazu, Zahlen zu feiern. in Babur-Jubiläum könnte jedoch auch anders gelesen werden: nicht als Rückblick auf Größe, sondern als Einladung, genauer hinzusehen. Was bleibt von einem Herrscher, wenn man die Schlachten ausblendet? Es bleiben Texte. Beschreibungen. Eine bestimmte Art, Welt wahrzunehmen. In einer Zeit, die ihre eigenen Umbrüche erlebt, wirkt ein solcher Blick weniger nostalgisch als überraschend gegenwärtig. Das Jubiläum markiert dann keinen abgeschlossenen Triumph, sondern öffnet eine Frage: Welche Formen des Denkens tragen durch Zeiten der Verschiebung – und welche hinterlassen mehr als nur Territorium?

Als Schrift und Buchdruck den Völkern noch fremd

Noch als die Gemeinschaften kaum zivilisiert daherkamen, als Schrift und Buchdruck den Völkern noch fremd, war ihnen lyrisches Schreiben und Vortragen bereits ein Bedürfnis. Inklusive des vermeintlichen Widerspruchs zwischen der Phase intimen Schaffens und gemeinschaftlicher Rezeption, fast bin ich versucht “Verzehr” zu schreiben, so sehr ähnelt die Rezeption von Gedichten doch dem Genuss einer aufmerksamst zusammengestellten Mahlzeit, bei der jede Zutat, qua Aroma, Textur, Wirkung und Erscheinungsbild eine eigene Aufgabe hat und im Zusammenspiel ein Vergnügen entfaltet, dem eine ausgeklügelte Rezeptur zugrunde liegt. Die Zubereitung obliegt ebenso ausgebildeten wie talentierten Chefköchen, die ihre Zeit in Küchen und Gärten verbringen, um immer wieder neue Zusammenstellungen auszubaldowern und ihren Gästen zum Genuss anbieten zu können. Als Rezipient empfängt man die einzelnen Gänge, Strophen, angerichtet und inszeniert, nicht selten um eine Weinbegleitung komplementiert. Man führt den ersten Löffel, Zeile, zum Mund spürt Textur und Aromen nach, versucht dem zugrundeliegenden Konzept mit seinen Geschmacksnerven zu folgen und die Komposition am Gaumen zur Vollendung finden zu lassen. Die Synapsen können dafür trainiert werden, die Geschmäcker individuell und kulturell vorgeprägt, das Vergnügen eines, das sich mal beim ersten Bissen, Zeile, mal erst im Laufe der Mahlzeit, des Gedichtzyklus, einstellt.

Zugleich verwundert es nicht, dass Lyriker häufig zugleich Staatsmänner – ja, gut, allesamt Männer, aber das ist ja nicht in Stein gemeisselt – mit einem feinen Gespür für Gemenge-Lagen und adäquate Ausdrucksmittel. Reisen gehören zu ihren Aufgaben und nähren ihre Expertise, die sich mit jeder Begegnung, mit jeder interkulturellen Vermittlungsangelegenheit noch steigert, sie mit Mut, Weitwinkel und Dringlichkeit gleichermaßen ausstattet, und sie in die Lage versetzt, Krisen zu erkennen, zu benennen und zu überwinden. Das Charisma, das sie umgibt ist dabei zugleich Grundlage und Ergebnis. Ein solcher war wohl Babur, der erste Mogul von Indien. Durch einen Sieg über die hinduistische Herrscher in Indien und über die afghanische Lodi-Dynastie, die große Gebiete in Nordindien beherrschte, gelang es ihm, das langwährende indische Mogulreich zu gründen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht am Ende des 17. Jahrhunderts umfasste das Mogulreich fast den gesamten Subkontinent und Teile des heutigen Afghanistans. Auf 3,2 Mio. Quadratkilometern lebten zwischen 100 und 150 Mio. Menschen. Für das Jahr 1700 wurde sein Anteil an der Weltbevölkerung auf knapp 30 % geschätzt.

Verdichtung, wo Diskurse ausfransen

Und vielleicht liegt genau hier der Übergang zu meiner eigenen Schreibarbeit. Als Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin möchte ich Lyrik nicht als Escapismus verstanden wissen, sondern auch und gerade im gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebunden. Lyrik mag dem einen eher als Sensibilisierung, dem anderen als Ausdrucksmöglichkeit, dem dritten als Raum mit eigenen Regeln, in dem Dinge (sic!) aussprechbar, vermittelbar und im besten Falle auch verhandelbar werden. Wer mit dem lyrischen Ohr hinschaut, kommt nicht drumherum, Zwischentöne wahrzunehmen, Ambivalenzen auszuhalten, Sprachlosigkeiten, Perspektivvielfalt und häufig damit einhergehende Diskrepanzen nicht vorschnell zu übergehen, sondern als kreative Herausforderung zu lesen. Diese Schulung der Wahrnehmung wird so ein Format der Erkenntnisarbeit. Kulturwissenschaftlich gesprochen: Lyrik ist eine Praxis der Bedeutungswahrnehmung und -produktion unter als überwältigend empfundenen Bedingungen von Komplexität. Wenn als solche anerkannt und implementiert schafft sie Verdichtung, wo Diskurse ausfransen, und Resonanzräume, wo Positionen sonst verhärten, und ergänzt sie sowohl das individuelle Toolkit wie den kollektiven Methodenkoffer.

Mein Anspruch ist es daher zunehmend, Lyrik als sicherlich herausfordernde Muse und Kulturtechnik in öffentliche und insbesondere konfliktträchtige Räume und Felder hineinzutragen – nicht als Schmuck, sondern als Denk- und Kommunikationsform. In einer Zeit, in der Imperative dominieren und Arbeitsaufträge die Sprache prägen, braucht es Orte, an denen das Unverfügbare gedacht und ausgesprochen werden darf. Thought Leadership bedeutet nämlich nicht, Antworten zu multiplizieren, sondern die Qualität der Fragen und die Anzahl und Qualität der Antworten zu multiplizieren. Die poetische Praxis – das genaue Hinsehen, das Aushalten des Noch-Nicht-Sagbaren, das Finden einer präzisen, verantwortlichen Sprache – wird so zur Grundlage eines Führungs- und Gesellschaftsverständnisses, das nicht auf Lautstärke und Komplexitätsreduktion sondern auf Resonanzfähigkeit und Ambiguitätstoleranz setzt.

Mathematica: A Secret World of Intuition and Curiosity. By David Bessis, translated by Kevin Frey. Courtesy of Yale University Press.

In Mathematica: A Secret World of Intuition and Curiosity beschreibt der Mathematiker David Bessis ein „drittes System“ des Denkens – jenseits des schnellen, intuitiven und des langsamen, analytischen, in unserer Gesellschaft bevorzugt genutztes rationalen Denkens. Dieser dritte Ansatz ist weder bloße Intuition noch reine Deduktion, sondern ein tastendes, bildhaftes, neugieriges Erproben von Strukturen. Ein Denken in Mustern, in Analogien, in inneren Bildern, das sich nicht sofort beweisen muss, sondern sich (Ansatz, Methodik, Vorgehensweise) und etwas (Resultat, Bild, Ergebnis) entwickeln darf. Es entstehen so zuweilen nicht nur Lösungen, sondern auch eine eigene Logik, ein Paradigmenwechsel, und zwar eben jenseits des Vorhersehbaren, Berechenbaren. Hier fühlen sich Meta-Ebenen wie Kreativität zuhause, Magie und Genialität hier zeigt sich Lösungs-Intelligenz, hier kann man über sich hinauswachsen und dazu lernen. Und hier tummeln und berühren sich übrigens auch Lyrik, Strategie und Mathematik: Sie agieren mit Verdichtung, mit dem Mut zur Abstraktion und zum denkenden Lustwandeln, mit der Forderung nach Form und Disziplin – und mit dem Vertrauen, dass sich die nötige Lösung nicht nur aus bekannten Argumenten und Formeln erarbeiten lässt, sondern sich zuweilen und gerade in komplexen Kontexten jenseits des Bekannten und Berechenbaren eben im bisher noch nicht Denkbaren ergibt. Das Dichten kann uns nämlich gut als ein Übungsraum für diese dritte Art der Wahrnehmung, des Denkens und der Synthetisierung dienen, schult es doch die Fähigkeit, Komplexität zu halten, ohne sie vorschnell zu reduzieren, Zusammenhänge zu erspüren, bevor sie begrifflich fixiert sind.

Zurück zu Babur. Zwischen Feldzügen und Verwaltung schrieb er über Gärten, über Klima, über Entwurzelung. Dass er reiste, schrieb und dichtete, ist kein dekoratives Detail seiner Biografie. Wer seine Texte liest, begegnet keinem triumphierenden Herrscher, sondern einem Menschen, der beobachtet und in Resonanz ist mit der ihn umgebenden Welt. Seine Wirkungsmacht speiste sich nicht allein aus militärischer Strategie oder administrativer Ordnung, sondern zumindest auch aus einer poetischen Deutungshoheit: Er vermochte Landschaft, Verlust, Sehnsucht und Herrschaft in eine Sprache zu fassen, die Identität stiftete. Vielleicht bewegte er sich – als Feldherr, Staatsgründer und Dichter – bevorzugt in diesem dritten Bereich. Seine Wirkungsmacht speiste sich nicht allein aus militärischer Strategie oder administrativer Ordnung, sondern zumindest auch aus einer poetischen Deutungshoheit heraus, die Landschaft, Verlust, Sehnsucht und Herrschaft in Sprache zu fassen vermochte, die anschlussfähig.

Ähnlich wie beim Dichten, ist genaue unvoreingenommene, unkorrumpierbare Beobachtung und ein anschließendes Sensemaking in welcher Sprache auch immer, Voraussetzung. Wer nur durchsetzt, reagiert. Wer beschreibt, ordnet und kuratiert. Ganz plakativ: Wer Reiche gründet, muss Räume imaginieren können, bevor sie politisch existieren. Er muss Mustern und Zusammenhängen Bedeutung zuschreiben, die in der Realität noch keine feste Form besitzen. Wer Millionen Menschen regieren oder begeistern will, braucht Narrative, die größer sind als Dekrete. Ein Reich entsteht nicht erst durch seine Grenzen, sondern durch die Art, wie es wahrgenommen wird – von innen wie von außen. Vorstellbarkeit geht ihrer Institutionalisierung voraus, nicht umgekehrt bitte. In diesem Sinne berührt Baburs Schreiben jenen Bereich, den David Bessis als drittes System beschreibt. Dieses lösungsorientierte Denken (und Lernen!), das Grundlagenforschung miteinschließt und weder impulsiv entscheidet noch sich im analytischen Zerlegen nach allseits bekannten Formeln und Floskeln erschöpft. Es arbeitet mit inneren Konstellationen, exzerpierte Resonanzräume und Strukturen und lässt sie für andere sichtbar werden, die vorher nicht vorstellbar waren aber anschließend Einzug in unsere kollektive intuitive Wahrnehmung der Weltordnung haben.

Heute fehlt uns zwischen Alarmiertheit und Aktionismus häufig die Phasen des Analysierens, des Reifens, den Kuratierens und schließlich des Formens. Es wird schnell reagiert oder gründlich ausgewertet – aber selten neu er- und gefasst. Das dritte System meint genau diese Zwischenbewegung: eine Bereitschaft, Zusammenhänge erst entstehen zu lassen, bevor man sie bewertet. Gestaltungsmacht läge dann weniger im schnellen Lösungsangebot, als in der Fähigkeit, Komplexität statt zu vereinfachen, zu dramatisieren und sich der Ohnmacht hinzugeben, les- und fruchtbar zu machen, so dass Handeln möglich wird, ohne die Wirklichkeit zu verzerren. In diesen Kontexten könnte  sich poetische Kompetenz zu einer Möglichkeitsbedingung von Gestaltungsmacht emanzipieren. Gestaltungsmacht würde dann weniger im Durchsetzen liegen als im Herstellen von Zusammenhang. Nicht im Dekret, sondern im Entwurf eines Bildes, und Baburs Schreiben wäre soo gelesen keine Flucht vor der Welt, sondern eine strategisch eingesetzte Unterstützung, die Welt gedanklich bewohnbar zu machen.

Man stelle sich vor, das lyrische Denken – das Erspüren von – kulturellen, sozialen, unbewussten – Mustern, das Formgeben des Ungeformten – zöge vom Papier eines Lyrikbändchens im hintersten Regal der örtlichen Buchhandlung verborgen, ins Zentrum politischer Macht. Hier könnte genau diese Zwischenform entscheidend werden, denn auch wenn häufig angenommen, nicht jede Herausforderung verlangt eine schnelle, einfache Lösung, so manche verlangt vielmehr eine tragfähige Form und eine Kuratierung, die nicht simplifiziert, sondern lesbar macht. Und damit sind wir zurück bei der Deutungshoheit und der zunehmend geforderte Ausformulierung (sic!) von Macht: die Fähigkeit, Komplexität so zu fassen, dass Zukunft nicht als Bedrohung erscheint, sondern als etwas, das Gestalt annehmen kann. Könnte poetisches Denken also helfen, Lebensräume, Regierungseinheiten und – vielleicht am wirkungsmächtigsten – kollektive Identität zu gestalten?


Disclaimer:
Der Text wurde inspiriert von einer Veranstaltung der Usbekischen Botschaft zu Berlin, vielen Dank an dieser Stelle!

Leseempfehlungen:
Anne Seubert: Ceci n’est pas la crise
David Bessis: Mathematica: A secret World of Intuition and Curiosity
Understanding the poetic expertise of Babur through his  Persian Poetry  

Gelage

Ich öffne dir die Tür

Ich öffne dir die Tür, obwohl
du gar nicht geklingelt hast, ich schenk dir Glauben
und ein weiteres Viertel ein,
das, in dem ich gern mit dir wohnen möchte

Ich schenke dir mein Herz, mehr
hab ich nicht, weiss Züri West im Radio
touché, und Vertrauen
von dem, welches ich über Bande gespielt hatte

Ich schliesse dich ein
und aus dem Leben aus
das mich ohne dich älter werden lässt
auch wenn du das verneinst

Ich halte dir die Stange, die Türe auf
und dich für wunderbar, immer schon
Wunderbar, die Bar übrigens, in der ich am liebsten
mit dir versacke;

Vielleicht bilde ich mir das alles
aber auch nur ein
und dann bist du der Letzte
der es mir wieder ausredet.