Gelüste

Ein Lächeln unterm Arm

Komm, lass dich verlocken! Leg dir den Halbschatten heute mal quer übers Knie und würfele dir ein Selbstportrait. Dreifach erfunden und auf Watte gebaut. Aber immerhin: uferlos. Sag, dass du singst, wenn du keuchst, wenn du Lachfalten webst, wenn du über und über mit Federn dich bedeckst und Surrealismus vortäuschst wo Albernheit regiert. Und Wut.

Komm, lass dich ein. Nimm mir den Mut und bau uns ein Haus. Am See meinetwegen mit Steg auch und Pappelhain. Und einem Tisch, den du mir deckst, wenn ich komme. Aus mir heraus. Nieder. Wieder auf die Füße. Wenn ich lache, dass nicht nur du dich willkommen geküsst fühlst in diesem Leben, das seine Regeln gerade wieder neu gemischt. Auf Abstand!

Komm, lass dich nicht aufhalten. Geh auf! Unter! Über vor Scherereien. Ich will ein Oh und ein Ah und ein Feuerwerk, den Knall auf einem Extrateller und ein Jahr nur für Worte und Bilder und dich und die Campagna. Ein, zwei Regentage und eine Woche voller Regentagerennen. Vor dem Untergang flüchten wir, ich habe uns ein Meer geschöpft aus Mohnsamen und Quarz und das Lächeln mit Spinat zwischen den Zähnen schon unterm Arm.

Geliebte

Im Dunkeln

Einer befließ sich sehr obscur und unverständlich zu schreiben, diesem ruffte ein anderer zu: du Narr, wilstu ncht verstanden werden, so schreib nichts: so hastu deinen Zweck gewiß.
(Christian Weise: Die Drey ärgsten Ertz-Narren In der gantzen Welt, 1673)

Und sie nannte ihn ihr linkes Strumpfband, ohne ihn nur unvollständig besockt, er nannte sie seine Carla Columna. Und sie lachten oft und sprachen selten nur miteinander, wenn dann unter Decken, im Dunkeln fand er sie mehr als schön. Er löschte stets alle Lichter, wartete prinzipiell bis weit nach Mitternacht und erst in tiefster Finsternis fanden seine Lippen die schönsten Komplimente. Er räusperte sich andeutungsweise in ihre Richtung, horchte auf ihre Atemzüge und sobald diese die Luft unter der Decke erwärmten, begann er zu flirten. So lernte sie die langen Winternächte zu schätzen und zehrte sommerlang von seiner kissengedämpften lakengefilterten Stimme.

Schien die Sonne nahm er sich frei und verreiste in die Universen jenseits der Kellertür. Er verweigerte die Nahrungsaufnahme, nahm Liebesschwüre nur in Ausnahmefällen entgegen und verkroch sich unter die Werkbank. Im Dämmerlicht der durch die verstaubten dickwandigen Fensterluken hartnäckig einfallenden Sonnenstrahlen übte er, die Scheide des Holzbeils als Spiegel nutzend, heimlich mit den Ohren zu wackeln. In einer Jahre zurückliegenden, weißweintrunkenen Nacht, hatten ihm anbetungswürdig souveräne Männer dies als eindeutigstes Kriterium für wahre Männlichkeit eingeflüstert.

Ironie war seines heute noch nicht. Wann immer sie die Mundwinkel kräuselte und ihre Stimme in süffisanten Dissonanzen schwärmte, hatte er sich angewöhnt, die verbale Kommunikation zu beenden. Er stülpte die Ohrmuscheln nach innen, setzte eins seiner zahlreichen Reservelächeln auf und schaute ihr statt ins Gesicht auf die Mulde zwischen Schlüsselbein und Hals. Meist brachte sie das innerhalb von Sekunden zum Schweigen, andernfalls hatte er noch ein mehrdeutiges Hüsteln in petto, auch ein gelangweiltes Gähnen. Beides fiel ihm – unausgesprochen – schwer. Eher noch trottelte er zerstreut von dannen, leicht gekrümmt sich die linke Niere haltend, flüchtend vor Wortbedeutungen jenseits des Gesagten.