Geliebte

Faltenwurf

Als sie die Scheidung einreichte, war ihr sein Antlitz unbekannt, seine Stimme fremd. Seine Schrift nicht weniger ein Rätsel, das zu lösen sie sich nicht einmal vorgenommen hatte. Und auch seine Schuhgröße, schon eher ein Faszinosum, das die mitunter langen Jahre ihrer Ehe ebenso unerfragt geblieben war. Sie kannte den Rhythmus seines Atems und den Duktus seiner Berührungen. Und sie wusste mit Bestimmtheit zu sagen, dass sein rechter kleiner Finger am salzigsten schmeckte. Da kam auch sein linker Ringfinger nicht heran, dafür kannte dieser wie kein anderer die Mulden nördlich ihrer Schlüsselbeine und wusste sein Wissen jederzeit gewinnbringend einzusetzen.

Sie hatte lange gewartet auf den Bissen Sonne, den Teelöffel Licht, auf ein Zähneknirschen fast ebenso stark wie auf ein Lied, die ihr seine Zehen jedes Jahr zu Weihnachten in Form von Gutscheinen feierlich überreichten. Die spießte sie seit jeher an Dreikönig auf Präpariernadeln, welche auf dem Fensterbrett unter dem Drachenbaum aufgereiht wurden. Die Nadeln waren ein Andenken ihres Lieblingsopas, das langsam aber sicher zur Neige ging. Genau zwei Stück befanden sich noch in der kleinen abgegriffenen Papierpackung, die sie nach Entnahme hinten, noch hinter den Heftklammern, in der zweitobersten Schreibtischschublade verstaute.

Der Entschluss zur Scheidung aber war im Hochsommer gefallen, nicht etwa der Sentimentalität zwischen den Jahren anlastbar, darauf hatte sie Acht gehabt. Sie ging davon aus, bis auf besagte Finger wenig zu vermissen. Sie ahnte, in Zukunft häufiger auf Salat- oder Mohnreste zwischen den Zähnen angesprochen oder wegen verschiedenfarbiger Socken belächelt zu werden. Aber sie war Lächerlichkeit gewohnt und für Stunden unbemerkten Grimmassierens und Gähnens erschien ihr der Preis allemal angemessen. Wenn nur die Mulden nicht so wehleidig, die sie umgebenden Hautpartien nicht so nachtragend. So aber blieb ihr nichts, als die trotzig Klagenden akkurat in Falten und darüber wie zu Jugendzeiten wieder Rollkragen zu legen.

Gelüste

Ich habe ein Wort für dich

Ein gerunzeltes täglich. Ein ruheloses samstags früh zwischen Planschmiede und Beutezug. Und am Sonntag zwei zwischen semmelbröselnden Lippen hervorgebrachte. Meist jedoch eines nur. Ein mitgebrachtes, zellophanumhülltes Einweg-Wort. MHD nicht über 24 Stunden und meist sind vor Dämmerungseinbruch bereits alle tragenden Silben ergraut. Zu Staub ehe der nächste Morgen naht, götterspöttelnd, nachtblind von Betonung an, rattenscheu. Moongebooted.

Ich möchte Teil einer Liebesbeziehung sein, weiß das Wort zwischen Zeilen zu wispern. Rastlos Schnee schippend, auch wenn jenseits der weiß gekalkten Weidenwipfel längst Frühling. Sein sollte. Wollte. Könnte. Können müsste, wenn da nicht winterweiß herrschte, Raucherlunge vortäuschend und Kondition. Breites Kreuz und nuschelnde Einsilbigkeit. Dabei ganze Romane verschluckt, zwischen Niere und Pankreas gebunkert, protein-ummantelt hinter HB-Plättchen verstaut. Es bleiben Silben, vokalkernig tangotanzend, meist nicht auf der Stelle sondern Pore für Pore einen Wortteppich nestelnd, der Geschichten trägt. Erträgt. Aufträgt. Austrägt.

Ich habe ein Wort für dich, sagt er, der er selten spricht, aber immer atmet, Konsonanten flüsternd, so zärtlich, dass ein Bad daraus wird, umarmend nass und drei Schaumschläger spielend beschäftigend. Macht einen Satz, ein Spiel, einen Gedanken, lasst Worte enden und Silben lispeln, legt Vokale frei, erobert doppelte Konsonanten, flirtet mit alleinstehenden Semicola, seid wachsam und mehret euch. Sagt’s und liest, drei Worte auf einmal nehmend, ihr zur guten Nacht ein doppelt gepunktetes U für einen Umlaut verkaufend.