Geliebte

Faltenwurf

Als sie die Scheidung einreichte, war ihr sein Antlitz unbekannt, seine Stimme fremd. Seine Schrift nicht weniger ein Rätsel, das zu lösen sie sich nicht einmal vorgenommen hatte. Und auch seine Schuhgröße, schon eher ein Faszinosum, das die mitunter langen Jahre ihrer Ehe ebenso unerfragt geblieben war. Sie kannte den Rhythmus seines Atems und den Duktus seiner Berührungen. Und sie wusste mit Bestimmtheit zu sagen, dass sein rechter kleiner Finger am salzigsten schmeckte. Da kam auch sein linker Ringfinger nicht heran, dafür kannte dieser wie kein anderer die Mulden nördlich ihrer Schlüsselbeine und wusste sein Wissen jederzeit gewinnbringend einzusetzen.

Sie hatte lange gewartet auf den Bissen Sonne, den Teelöffel Licht, auf ein Zähneknirschen fast ebenso stark wie auf ein Lied, die ihr seine Zehen jedes Jahr zu Weihnachten in Form von Gutscheinen feierlich überreichten. Die spießte sie seit jeher an Dreikönig auf Präpariernadeln, welche auf dem Fensterbrett unter dem Drachenbaum aufgereiht wurden. Die Nadeln waren ein Andenken ihres Lieblingsopas, das langsam aber sicher zur Neige ging. Genau zwei Stück befanden sich noch in der kleinen abgegriffenen Papierpackung, die sie nach Entnahme hinten, noch hinter den Heftklammern, in der zweitobersten Schreibtischschublade verstaute.

Der Entschluss zur Scheidung aber war im Hochsommer gefallen, nicht etwa der Sentimentalität zwischen den Jahren anlastbar, darauf hatte sie Acht gehabt. Sie ging davon aus, bis auf besagte Finger wenig zu vermissen. Sie ahnte, in Zukunft häufiger auf Salat- oder Mohnreste zwischen den Zähnen angesprochen oder wegen verschiedenfarbiger Socken belächelt zu werden. Aber sie war Lächerlichkeit gewohnt und für Stunden unbemerkten Grimmassierens und Gähnens erschien ihr der Preis allemal angemessen. Wenn nur die Mulden nicht so wehleidig, die sie umgebenden Hautpartien nicht so nachtragend. So aber blieb ihr nichts, als die trotzig Klagenden akkurat in Falten und darüber wie zu Jugendzeiten wieder Rollkragen zu legen.

10 Gedanken zu „Faltenwurf“

  1. amadea sagt:

    fusserl, du hast hoffentlich nicht auf die rauriser literaturtage vergessen? heuer zu spät – aber für nächstes jahr.
    ich hab dich entdeckt, wird’s dann heißen.

  2. the thilo sagt:

    Und dagegen gibt’s nix von Ratio**arm?
    Werfen Sie bitte keine Falten…

  3. T.M. sagt:

    Rauris? C’est-il en Autriche?

    P.S.: Auch ganz ohne Angst hier.

  4. kopffuessler sagt:

    amadea, meine Entdeckerin und Agentin, ich kann so schwer auf Kommando.

  5. kopffuessler sagt:

    Thilo, bist Du etwa Pharmareferent? Ich hoffe doch nicht, die haben hier striktes Hausverbot.

  6. kopffuessler sagt:

    T.M., Furchtloser, c’est ça! Wir sind hier mindestens trinational zugegen.

  7. mq sagt:

    Falten sind die Haute Couture der Schneiderin Erfahrung.

  8. mq sagt:

    Nur Durchschnitt.

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