Gelüste

Dreckiges Tanzen

Ja, es gewittert häufig in diesen Tagen. Viel. Und nass. Und laut. Und nicht erst seit diesem Sommer macht mich ein anstehendes Gewitter entsetzlich müde, einsetzendes Gewitter rollig, und nach dem Gewitter, wenn die Luft im besten Falle klar und kühl, kommt der große Hunger. Gestern aber gelüstete es mich bereits vor dem Gewitter nach Champagner, in hohe dünne Gläsern gefüllt und mit Oliven anbei, dann kam der Appetit, und mit Einsetzen des Regens wollte ich nichts als tanzen.

Da war es gut, dass das Lokal, in dem wir speisten nicht nur Champagner feilbot sondern auch Ausblick auf die Stadt und das Gewitter und den Regen, der auf sie niederging aus Wolken, so stürmisch als wären sie gemalt. Meine Müdigkeit verflog noch während der Vorspeise (Melonencarpaccio!), die Blitze kreischten uns zeitgleich mit dem Hauptgang (Risotto mit Jacobsmuscheln) um die Ohren, elektrisierten die Dächer der Umgebung und ließen mich ein ums andere mal hinter meinem dickwandigen Teller zusammenzucken. Das Risotto tröstet nur halbwegs. Aber während wir uns dem abschließenden Espresso widmeten ging das Gewitter in einen gütigen Sommerregen über, mit prallen, lasziven Tropfen, die auf dem Pflaster lustvoll zerplatzten.

Nichts hielt mich, nicht die Praline auf der Untertasse, nicht die Rechnung, nichtmal du neben mir. Es zog mich raus auf diese Straße, in der die Straßenbahn gen Mitte schwamm, über die Bordsteinkante, die gerade sprudelnd zu versinken drohte, mit rudernden Armen, das Gesicht gen Regen und mit jedem Tropfen, der meine Haut berührte, ging der trommelnde Rhythmus in meine Beine über, Schlamm hin oder her. Aus den Augenwinkeln sah ich dich noch den Kopf schüttelnd in der offenen Tür stehen, die Lippen gespitzt.

Geliebte

Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!

Ich war 12, als er mir das Herz brach, und 19, als wir uns endlich versöhnten. In der Zwischenzeit hatte ich ihm zahlreiche Briefe geschrieben, er hat meine Pubertät wahrscheinlich also gar nicht so verpasst, wie er sich das gewünscht hatte. In den 12 Jahren davor aber war er mein Held, schließlich konnte er nicht nur Hochbetten bauen und Dächer decken, hatte eine Kreissäge im Wohnzimmer stehen und mit einem VW-Bus Norwegen erobert. Er war neben meinem Vater der einzige Mann, der mich auf den Arm nahm – stocksteif machte ich mich wenn er mich in die Luft hob. Kaum einer war so stolz auf mich wie er und so war er der erste, der mir Blumen schenkte, zum ersten Blockflötenkonzert war das damals. Von ihm lernte ich Colatrinken, Taxifahren, Schmerzen ertragen, Fernsehen, Gulaschkochen, Sommerrodeln, Einsamkeit, Geldausgeben und bestimmt noch vieles mehr. Das schönste seiner Geschenke aber waren die vielen Ausflüge, mal übers Wochenende, mal nur für eine Nacht, die Abenteuer im Geiste und die Lust auf den nächsten Moment.

Über drei Jahre ist es her, dass ich ihn das letzte Mal umarmen durfte, da war dieser 1,90-Mann so leicht geworden, dass ich ihn hätte über die Schwelle tragen können. Stattdessen schob ich ihn durch den Garten des Riehener Hospizes hin zu einer letzten Tasse Kaffee samt Zigarette. Seine Hände waren kräftig geblieben und gelb von ich weiß nicht wievielen Packungen Rothändle, später HB. Sein Kopf aber war schmal geworden, die Koteletten hatte man ihm abgenommen, dabei war er einer der wenigen gewesen, dem sie gut zu Gesicht standen. Den Kaffee wollte er nicht mehr trinken, lieber zwei Zigaretten rauchen. Heute besuche ich ihn auf den Wiesen des Hörnli-Friedhofes, am liebsten spätabends mit einer glühenden Zigarette im Mundwinkel und einem guten Plan fürs nächste Wochenende im Kopf, von dem ich ihn begeistern möchte. Meistens gelingt es.