Gestik

Mit den Ellbogen lächeln

Die kalten Füße in neue Lederstiefel gesteckt und den Oberkörper in einen dunkelblauen Rollkragenpullover – so lässt sich nicht nur die Realität noch ein Weilchen aushalten, so lässt sich das Strahlen bündeln und deinen wollenen Waden widerstehen. Das Schweigen allerdings bleibt, das murmelnde, im Stillen Wälder abholzende.

Das Rad findet den morgendlichen Weg zum Glück alleine, denn die Sonne blendet auf Augenhöhe. Wo gestern noch Straße, ist heute gleißender Highway. Ein weiterer Tag macht sich auf, mich zu begleiten, ein paar Stunden Regen werden ihn stark machen, bis zur Dämmerung, durchzuhalten. Er wird trotzdem meine Mittagspause einschieben, mit Baguette und frischem französischen Käse. Ein Tag, dessen Angstschweiß mich weckte, dessen Vorfreude mich auf’s Rad hob und gen tägliche Dosis Mitmenschen schubste und dessen stoische Demut mich bis kurz vor die nächste – hoffentlich traumlose – Nacht tragen wird. Dazwischen: viel Zeit zum Schweigen.

Manchmal, da möchte dieses man, das sich heute Ich nennt, ein ruhender Pol sein, eine Polkappe, von sonnenreflektierendem Eis bedeckt, dem Leben zugewandt, die andere konkav gen innerem Kind gedrechselt. In jedem Falle: rund. Die arktischen Temperaturen: nur vorgetäuscht, um das gelegentliche Aufschäumen in Schach und das Lächeln im Mundwinkel zu halten.

Manchmal, da möchte dieses Ich den Blick in den Nacken werfen und das Ohr auf der Stirn tragen. Da möchte ich meinen Gesprächspartnern Stirnrunzeln schenken statt Wimperngedöns, wenigstens Lachfalten ernten statt nickender Kinngrübchen und Kalaschnikows. Da will ich meine Hand ausstrecken und eine Düne warmen Sand zwischen die Finger geflochten bekommen. Da will ich die Erde atmen sehen, ein halbes Dutzend Portweinflaschen köpfen und ausnahmsweise mit den Ellbogen lächeln.

Gelage

Bodenständig: Berlin-Basel

Als ich losfuhr, war ich mir sicher, ich würde nie ankommen. Nicht in Dessau, nicht in Heldrungen, nicht in Craula oder Kerspenhausen, nicht in Altenstadt, Germsheim oder Speyer und schon gar nicht in Basel.

Aber dank nährstoffreicher Verpflegung und liebevoll geführten Unterkünften, einem größtenteils gnädigen Wettergott und nicht zuletzt einem gewichtigen Topf Pferdesalbe im übersichtlichen Gepäck, ließ sich Deutschland kreuzen.

Die Sonnenuntergänge wurden intensiver, je mehr das Zepter des Regengottes die Wettergewalt unter ihre Fittiche nahm.

Und ja, in ganz schwachen Momenten wünschte ich mir vier solcher Räder samt Schneckenhaus unter und um meinen Sattel herum.

(filed under: Erinnerungen an den letzten Sonnenbrand)