Gerede

Das Beste am Frühling bleibt der Herbst

Das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, schämen, für das, was man tut bei all dem, was möglich wäre.
Das Gefühl, die Augen auf ewig geöffnet halten zu müssen, für das, was ungesehen bliebe schlösse man die Lider für eine Mütze Schlaf.
Das Gefühl, die Haare offen tragen zu müssen, als Zeichen der Ungezähmtheit.
Das Gefühl, schweigen, die Worte allesamt ad acta legen zu müssen für das Geplapper, das hinter jedem Lächeln lauert.
Das Gefühl, Tschechisch lernen zu wollen, Maltesisch, um eine Sprache für den Frühling parat zu haben.
Das Gefühl auch, alt werden zu sollen, Sehschwäche inklusive und Inkontinenz, möglichst schnell Falten en masse anzubauen, angesichts der übermächtigen Jugend.

Das Gefühl: Reiz überflutet, vollgefressen, und mächtig wie nie – la peur:

Mein Grund morgens aufzustehen.
Mein Grund das Pausenbrot zu schmieren.
Mein Grund für die Anfertigung der To-Do-Liste.
Mein Grund für den Kaffee zwischendurch.
Mein Grund für die Zweisamkeit am Nachmittag.
Mein Grund für den Sport nach Feierabend.
Mein Grund für den Kleiderkauf.
Für das strahlende Lächeln.
Für die Sehnsucht nach Friedsamkeit.
Für die Ruhelosigkeit auch.
Für den Trotz erst recht und für die Disziplin.
Für die in ihrer Intensität immer wieder absurd anmutendenden Bemühungen um Kommunikation.
Mein Grund für das raumgreifende Lachen.
Für den unstillbaren Hunger.
Für die Neugier und die Lust auf alles mögliche.
Und für die Einsamkeit.

Gedanken

Arteriendehnung statt Alternativprogramm

Die Arbeitswoche zerrt die Arme aus den Schultern, saugt jegliches Tröpfchen Sprachgefühl aus dem immer trockener werdenden Rachen, der stete Druck reißt die Lebensmitte(l) aus Adern, die längst Umwege um die Röhrenknochen legten um den drängenden Schmerzen auszuweichen. Die Schulterblätter geben ihr Bestes den Brustkorb schützend zu bedecken, umsonst, und doch auf Kosten des Nackens, der Arme, des Rückens, die Schutz ebenso bedürften und um Vergeltung fluchen. Die linke Seite scheint doppelt bemüht, zumindest brennt dort die Pein wie frisch gedüngt. Umsonst. Die 17,5 Stunden Wochenenden reichen nicht mehr aus, aufzutanken, aufzufüllen mir Wortwärme, mit emotionalem Balsam, mit seelischen Knuspermüsli. Sonntagabend bleibt stets nurmehr der viel zu tiefe Griff in Schokoladentafeln um wenigstens oberflächlich die verheerende Leere zum Schweigen zu bringen.

Verzerrte Galabildchen stürmen die einst liebgewonnen Traumzeiten, die Angst vor dem Montag hat ungeahnte Höhen erklommen. Und doch wird weitergesiebt, gestellt, gestapelt, auf dass der Turm beim Einsturz Staub aufwirble. Anfang und Ende sind gleich gefürchtet, Identitäten im Dreierpack gekauft und der Wahnsinn nicht mehr nur mit Stäbchen, sondern tagtäglich mit dem Suppenlöffel eingenommen. Die Durchhalteparole – mehrmals zu oft proklamiert – ist der Lächerlichkeit preisgegeben, wie so vieles: fünf sind sechs zu viel, Persönlichkeit ist fehl am Platze. Eine Pause wäre zu teuer, keine zerstörend und wieder wird das Andere, das Private auf in drei Wochen vertröstet, dann aber richtig. Man möchte aufstehen und gehen, wenn man nur wüsste wohin. Man möchte in Arme flüchten, wirkliche Arme mit rauen Ellbogen und reichlich wärmendem Fett beideseits davon und schreit allein beim Gedanken an die Berührung auf vor Schmerz. Man möchte liegen bleiben und geht vorsorglich nicht mehr zu Bett.