Geliebte

Wir sind die Brüder der romantischen Verlierer

Wenn er tanzte – jeden zweiten Juni seit ’85 – hielten wir still und lächelten das Pathos in uns hinein. Wenn er lächelte und sich nervös das Haar hinters Ohr strich, dann wuchs die Wärme in meinem Bauch. Ich war Knöchel und Spann und die Sehnen dazwischen, absprungbereit zum Flug in seine Arme, sowie er mich ansah. (Geflogen bin ich nie.) Ich habe alle seine Briefe an mich aufgehoben und spüre wie gestern die Umarmung aus dem Mai ’99, diese eine wirkliche, die mir Zuvertrauen für drei ganze Monate einflößte. Die die letzte blieb irgendwie.

Dass ich in der Vergangenheit schreibe, heißt mitnichten, dass er starb, mitnichten, dass wir uns auch nur aus den Augen verloren hätten, heißt nur, dass viele Jahre vergangen. Heißt, dass ich mich sehne nach seiner Hilflosigkeit, nach seiner Angst vor Optimismus, nach seiner Wut, seiner Verve. Dass ich die Vergangenheit wähle heißt aber auch, dass ich zu feige bin, ihm in der Gegenwart die Hand zu reichen. Dass ich Distanz brauche, und sei es nur zeitlich, um die Nähe zu überbrücken, die rachsüchtige.

An der Zeit ist es für Nudeln mit brauner Soße, definitiv. Und eine Handvoll Brüder, vorzugsweise jenseits der 45, mit Schalk in den Augen und ausreichend Leergut unter dem Beifahrersitz. Zeit ist es auch für eine neue Aussaat Flaum am linken Wadenbein, zwei Rudel Erdnüsse in die geballte Faust und frischgekürten Rausch aus tausend und einer Vision in die Venen. Ich will, dass er wieder lächelt beim Tanzen, dass der Platz vor ihm frei ist nur für mich und dass die Angst uns beide gehen macht. Verloren wurde genug für drei vier, 17! Zu viel.

PS: One more this time means: only one left. Danke an alle, die wie auch immer da waren und Blümchen streuten.

Gestik

Burgund

Bis gestern hätte er Willibald geheißen, da war ich mir sicher gewesen. Und bin es noch. Willibald und dann vielleicht, also eventuell ein, zwei Jahre später, eine Zoe. Auf keinen Fall umgekehrt und ganz sicher noch nicht jetzt. Vielleicht auch nie. Aber wenn, dann jedenfalls Willibald. Der Einzige. Der Meine. Der Letzte. Nun aber: Burgund. Ohne Alles.

***

In dieser Stadt, die auch mir: Wohlfühlort. Auch mir: Ungetüm. Auch mir: Klette. Was wäre da ein Baum, ein nicht gepflanzter, ein gewachsener, erfahrener, in seinen moosigen Bart grummelnder Baum. Ein Himmel, von Bergen begrenzt nicht von kantigen Giebeln, ein Echo, schluchtenweitend.

***

Lebensliniengeflüster am Rockzipfel des Nie-wieder
du wirfst mir gelbe Sterne in den Schoß
und weinst mir einen Ozean

Ich aber ertrinke nicht in deinem Meer
mein Schoß wird nicht zum leuchtenden Mond
sondern bleibt Venus die Unvollendete

Und meine Vitalis visioniert unentwegt
ihre ureigenste Apokalypse
handwurzelgeboren, burgund