Gedanken, The Story behind the Picture

Der Tag der Gießkanne

Ich war als Kind gerne und viel alleine. Zehn Jahre war ich als Einzelkind prädestiniert dazu und habe gerade in den Urlauben variantenreiche Welten und Spiele entwickelt. Damals reiste ich oft und gern in mich, entwarf und verwarf, inszenierte und lauschte. Und immer wieder gelang es mir, auch die Welt um mich herum diesem inneren Universum samt eigenen Grundgesetzen und Sprachen anzupassen. Es wurden Dinge zum Leben erweckt, Puppen, Seen, Pflanzen – und Gießkannen. Die mehrwöchigen Sommerferien, wo wir auf uns gestellt sind und uns die äußere Welt zuweilen abhanden kommt, samt ihren ewigen Impulsen und Maßstäben, ihren Nudges und Forderungen, ihren Möglichkeiten und Abgründen, waren dafür besonders geeignet.

Mitunter dauerten diese Welten nur einen Nachmittag, nur wenige Stunden, mitunter einen ganzen Sommerurlaub von mehreren Wochen. Mitunter wurden Epochen aufgebaut und Sprachen entwickelt, Wege in Böschungen geschlagen und Hierarchien gedrechselt, mitunter ergab es sich aus dem Moment. Oft war ich das einzige menschliche Wesen in diesen Welten und die Brücke zwischen innerer und äußerer Welt, immer wieder in der Not auch, die Welten einander zu erläutern, Traditionen und Gewohnheiten zu übersetzen und anzupassen, ja, Brücken zu bauen. Schließlich musste ich immer wieder zurück in die angestammte Welt und sei es nur weil eine Mahlzeit anstand oder meine Eltern einen gemeinsamen Programmpunkt angesetzt hatten. Mitunter setzte aber auch ich die Programmpunkte.

Unvergessen der Tag in diesen Sommerferien, ich muss 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein und wir waren wie häufig in Südfrankreich im Urlaub, residierten auf einem Campingplatz nahe des Atlantiks. Wie es der Zufall wollte, fiel in diese Zeit des sommerlichen Exils der Geburtstag meiner Gießkanne. Aufgewachsen in einem Haus mit Garten, war mir das sommerliche Gießen eine genüssliche Pflicht und so hatte ich eine eigene Gießkanne, knallgelb mit einer loch-reichen Blüte als aufsteckbarem Ausguss, den man abschrauben konnte. Ich erinnere mich genau, denn zuweilen wollte man schwungvoll große Wassermengen ausschütten, da störten die kleinen Löcher nur. Die Gießkanne war klein, fasste nur so viel, wie ich tragen konnte, das nervte zuweilen, denn so musste man häufig füllen und zwischen Beet und Regenwassertonne hin und her laufen.

An diesem Tag sollte es ein Fest geben, mit Blumen, Stuhlkreis und Spielen, wie mir das als Pädagogenkind geläufig war. Und so pflückte ich Blumen, arrangierte Sitzplätze, dachte mir Spiele und Menü aus – und lud als Gast meine Mutter ein, denn ohne Gäste keine Party. Die Gießkanne wurde auf einen Geburtstags-Thron gesetzt, meine Eltern spielten mit und wir feierten den Geburtstag der Gießkanne. Ich weiss nicht, mehr wie alt sie wurde oder welche Aufgabe die Bratpfanne hatte. Das Spiel hieß “Häschen in der Grube”,  mein Vater übernahm die Fotodokumentation und der VW-Bus – lila! – sorgte für das entsprechende Ambiente!

Gedanken

Ruhe oder Wahrheit

schönheit | © Anne Seubert

du nimmst die schönheit dir vor wie ein gericht, das die mutter dir kochte. den geschmack auf der zunge, lässt du wirken, was für die augen unsichtbar. fern dessen, was als gerade und gut gilt, zeigt dir die schönheit ein gesicht, das du nie vergißt und immer suchen wirst. wetten, dass?

du nimmst die wahrheit dir zu brust wie einen flegel, der zum wiederholten mal ausgebüxt war. du liest ihr die leviten, lauschst ihren ausflüchten und siehst, wie sie sich unter deinen blicken windet. gnade vor recht? weil du es bist!

du nimmst die ruhe ernst, die der arzt dir verordnete. du legst sie beiseite, ins regal zu den guten büchern, zu denen du greifst, wenn die lage ernst. du wischt ihr den staub aus den augenwinkeln, monatlich, und küsst sie zur guten nacht. schlaf gut und in fetzen, wir sprechen uns morgen, wenn das tageslicht sich bewährt!