Gegenwart

Schattenwahl

Shadow on the wall | © Anne Seubert
“Like a shadow on the wall”
Mike Oldfield

Entworte mich!
Entblättere meine Zeilen, berente meine Sprache:
Mach mich spurenlos, entledige mich aller Zeichen,
nimm mir die Konjunktionen, den Punkt, die Klammer und auch
den Stift aus der Hand.

Beraube mich meiner Silben,
der stummen Konsonanten und der störrischen Umlaute,
der Stille zwischen den Worten auch;
bis nichts mehr ich sagt und nichts mehr Luft holt als ob.

Lass mir den Atem gleichwohl
als leeres Blatt einer Geschichte, die noch nicht gelesen, nicht einmal gedacht,
als Stimme, wo alle Stimmen stumm,
als unsichtbarer Spielball zwischen Lippenpaaren,
als Gut aller Güte to be shared und als
Hauch so zart, dass kaum eine Wimper erzittert und doch jede Zelle den Drang verspürt mit ihrem Schatten zu tanzen.

Gegenwart

Moment mal!

Zaungast | © Anne Seubert

Moment mal, sagst du, was zählt ist doch das, was bleibt, und ich zucke sichtbar und schmiege mich noch enger an das, was gar nicht daran denkt zu bleiben. Dem schon Gedanken allein zu viel der Ablenkung, das so sehr Moment, dass alle Zukunft Feind und alle Vergangenheit kein Vaterunser wert. Schmiege mich an und in diesen Moment, der so groß, das ein Jenseits unvorstellbar und ein Danach pietätlos. Dieser Augenblick, der sich uns aufteilt, der sich in uns verteilt, der mit uns alles teilt, was er ist, weil er nur in uns ist und wir nur in ihm: Ein Ton, der ein ganzes Lied, ein ganzes Konzert, eine Oper, ein Gebrüll gar, das einen Löwen aus seiner Flucht zu locken vermag.

Gebrüll, fragst du und ich schweige, weil dieses Gebrüll Stille ist und absolut darin und die passende Antwort also Schweigen, von diesem sprachgewaltigen, unumkehrbaren, alle Aufmerksamkeit absorbierenden Schweigen, das so viel mehr als Ruhe. Diese Ruhe ist alles, aber nicht ruhig, kein Angebot sondern Pflicht, eine stumme Bühne bauend, auf der eine Leerstelle Platz nimmt, die alle umarmt. Alle, bis auf die, die nur auf die Pause warten, das Pausenbrot schon in der Hand: all diese geschwätzigen Zeiten, die wieder und wieder das Handy klingeln lassen, als machte der Klingelton die Musik, als wäre die Gegenwart nichts als Rampe und der Notausgang Eingang ins Paradies, dabei leuchtet er nur deshalb so grün, weil Rot in diesem Falle bremst statt zum Tanz aufzufordern.

Zum Tanz bittest stattdessen du, nicht mich, sondern den Schatten, der sich hinter meinem linken Ohr gen Schulterbein hervortastet, der gestreichelt werden will von einer Hand, die groß genug, die Leere zu greifen. Einen Tanz nur, sagst du, legst deine Hand auf meine Wange, Angebot und Abstand zugleich, lässt deine Finger ruhen, als hätten sie nichts zu sagen. Erst als der Schatten Witterung aufnimmt und ob des Dufts, den deine Fingerspitzen bei aller sonstigen Zurückhaltung im Handgepäck führen, drei Nuancen Blässe zugibt, beginnst du zu streicheln: meinen rechten Wangenknochen entlang bis zur ersten Muldenandeutung, an den Kamm der Braue und zurück und schließlich dem Schatten folgend bis hinters Ohr. Nicht nur unser beider Atem hält inne, ich weiss unwillkürlich, was bleibt, auch wenn dein Finger dieses Fleckchen Haut irgendwann wieder verlassen wird: Ein Moment, gestreichelt, nicht gerührt.