Gegenwart

Alphabet der Augenblicke

Sisterhood | Berlin, Kreuzberg | © Anne Seubert

… mich an deine küsten küssend mit lippen, die in der sprache der wälder aufgewachsen: alphabetisierung durch berührung.

… mich an deinen strände stranden lassend mit einem leib,  dem das wasser perlmuttern bis zum hals: licht soweit dein auge tastet.

… mit einem atemzug deinem duft auf die spur kommen, fährten auf abwegen und unter wasser schmiegend, land schöpfend.

… mit einem tanz einen sturm heraufbeschwören, der dir die blätter von der haut fegend dein antlitz blosslegt: still wie gott es schuf.

… mit einem wort deiner stille eine burg bauen, in die der herbst einziehen möchte, regenschauer voran gänsehaut verbreitend, so dass du bebst und ich atme.

… mich an deine rundung schmiegen, da wo keine ecken und schon gar keine kanten, wo selbst die sonne blinzelt, die wolken im spalier.

Gegenwart

Das Blau zu den Akten, den Nebel zu mir

Waldrand im Nebel | © Anne Seubert

Du legst das Blau zu den Akten, die Schönheit ins Auge des Betrachters und das Zögern auf’s Kreuz. Du lockst mich auf deine Fährte, das Rot auf meine Wangen und den Herbst auf die Probebühne, die Nebelmaschine läuft schon. Du flüsterst dem vor der Tür lungernden November deine Telefonnummer in den hochgeschlagenen Mantelkragen, dem Gelb mehr Mut zu Grün zu und mir Gänsehaut über die bloßgelegte Haut.

Du schweigst noch als wir gehen, du schweigst selbst als ich mir im Halbschlaf weiße Westen übers Negligé lächele, du schweigst mit geschlossenen Augen, als wüssten deine Lider jenseits des Sichtbaren alles, was Zähne zeigt und lächelt, alles was ausgedacht und über den Daumen gepeilt, alles, was sich mit den Fingern zählen lässt. Was zählt, schreibst du an, was den Schritt wagen lässt, diesen einen Schritt, der mehr Schreiten als Gehen, mehr Geste als Ausführung, der den Tanz eröffnet.

Ein Schritt, sagt man, mag den Takt angeben, die Reise beginnen, der Frage nahekommen – ich aber trau ihm nicht über den Weg, schon gar nicht über die Straße, zähle mit und gegen ihn alle nicht gegangenen Pfade auf, alle Weiten und Unbekannten, auch die Knopflöcher, und rufe doch nur Nähe hervor. Eine Nähe von dieser purpurnen, Wünschelruten beruhigenden, Wimpern zum Stehblues und den Atem wider Willen in Bredouille bringenden Tiefe, die sich als Nähe tarnt und doch alle Stockwerke ohne Aufzug bedient. Es sei, sagst du, was werden will ohne gewesen sein zu wollen, was heute noch grün, rot oder blau hinter den Ohren, die du für uns hinterlegt hast, man wisse ja schließlich nie, wie weit das Auge reicht.