Gegenwart

Leibesvisitationen

Kommst du später noch vorbei? fragst du und ich zögere die Antwort hinaus bis du nachhakst und ich bestätige. Später schicke ich dann doch meinen Körper vor, der weniger fremdelt. Fremd bleibst du mir allerdings bis zum nächsten Morgen –den wir getrennt voneinander begrüßen – du mit Kippe am Telefon, ich unter der Dusche mit Verbeugungen gen Mokka,  aber dazu später. Auch ohne Verbeugungen hatten sich unsere Körper am Abend zuvor gut verstanden, so gut, dass weitere Leibesvisitationen anberaumt wurden, es gebe noch so manches.

So manches blieb unausgesprochen an diesem Abend, der kein Einzelfall bleiben wollte und das Später, das ich vorhin kurz ansprach, kam öfter zur Sprache, so oft, dass von Zukunft zu sprechen wäre, klänge das nicht so gewichtig, was dem Abend nicht gerecht, denn der kam ohne Gedanken aus, ohne Erwartungen, ohne Wut. Die Wut, die ich allzu oft am Handgelenk führe dieser Tage, statt Schmuck, die nicht weicht, egal wie weich ich werde, dabei ist Werden so was von 80iger und dein Leib, nach dieser ersten Visite zumindest, ein guter Grund die Gegenwart nicht so schnell wieder zu verlassen.

Verlass ist auf “so manches” sagst du am Telefon, als ich aus der Dusche komme und obwohl ich ahne, wie sehr Kontext hier eine Rolle spielen könnte, beschließe ich, manches hier und heute mal persönlich zu nehmen und voll und ganz auf mich zu beziehen. Es ist schließlich der Morgen, der auf einen Abend folgt, an dem sich zwei Leiber jenseits von zum Gehen- und Gebenlassen zurückgezogen hatten und das Wort außen vor gelassen hatten. Man hatte sich manches zu erzählen und ließ manches offen. Jetzt erstmal Mokka, manches braucht seine Zeit.

Gegenwart

Zwischen zwei Zügen Halma

Reflections of Berlin | Anne Seubert

Du, mein Wort zwischen all den Zahlen, mir Textaufgabe und Diktat, streichelst den Punkt vor dem Komma und das Semikolon am längsten, weil du vermutlich weißt, was es heißt, aus der Mode zu geraten oder gar nie drin gewesen zu sein. Du streichelst altmodisch leise, in d-Moll und erst kurz vor dem Zeilenumbruch die Tonart wechselnd; überhaupt: Dub sei erst kommende Woche wieder auf Sendung, so lange sei Klassik-Radio das Mittel der Wahl und die stur-demokratische Einstellung reiche zwar bis in den Mittelhandknochen, aber schon der Unterarm schweige, das Fenster als Ablage avisierend für ein Unter, dem alles über und nur ich froh, dass ich Zaungast und Partner in Einheiten, denen der Löffel mehr Stellung als Tool, mehr Sehnsucht als Metall.

Das Fenster öffnet sich erst auf Seite drei, da bin ich dir schon entgegengeschwommen, deine Finger auf der Haut, deine Handballen auch, den linken vor allem, der immer dann nachgibt, wenn mein Fleisch Nachschlag fordern will und dann doch Hingabe übt – entgegengeschwommen in Zügen, die keine Verspätung dulden, keinen Zentimeter Nacken, nur den Kopf über Wasser und den Blick.

Den Blick, den du deinen sehenden Händen, fast hätte ich Hüften geschrieben, bis in die Spitzen folgen lässt, wie sie über meine Wogen wandern, erspähen, aufspüren, wo die Wut, wo der Fleiss und wo das zu Stein gewordene Sehnen Halma gespielt hatten – ein murmelndes Meer, unaufgeräumter als dein Zimmer je, durch das ich deinen Fragen stets zu folgen suche, wenn das Fenster mal wieder geschlossen, du in Gedanken und ich am Strand, dessen Dünen deine Handballen nur unzureichend nachzustellen vermögen, zu maßlos, zu mäandernd und zu viel Sand. Wirst du Blumen mitbringen, sag?