Gegenwart

Zwischen zwei Zügen Halma

Reflections of Berlin | Anne Seubert

Du, mein Wort zwischen all den Zahlen, mir Textaufgabe und Diktat, streichelst den Punkt vor dem Komma und das Semikolon am längsten, weil du vermutlich weißt, was es heißt, aus der Mode zu geraten oder gar nie drin gewesen zu sein. Du streichelst altmodisch leise, in d-Moll und erst kurz vor dem Zeilenumbruch die Tonart wechselnd; überhaupt: Dub sei erst kommende Woche wieder auf Sendung, so lange sei Klassik-Radio das Mittel der Wahl und die stur-demokratische Einstellung reiche zwar bis in den Mittelhandknochen, aber schon der Unterarm schweige, das Fenster als Ablage avisierend für ein Unter, dem alles über und nur ich froh, dass ich Zaungast und Partner in Einheiten, denen der Löffel mehr Stellung als Tool, mehr Sehnsucht als Metall.

Das Fenster öffnet sich erst auf Seite drei, da bin ich dir schon entgegengeschwommen, deine Finger auf der Haut, deine Handballen auch, den linken vor allem, der immer dann nachgibt, wenn mein Fleisch Nachschlag fordern will und dann doch Hingabe übt – entgegengeschwommen in Zügen, die keine Verspätung dulden, keinen Zentimeter Nacken, nur den Kopf über Wasser und den Blick.

Den Blick, den du deinen sehenden Händen, fast hätte ich Hüften geschrieben, bis in die Spitzen folgen lässt, wie sie über meine Wogen wandern, erspähen, aufspüren, wo die Wut, wo der Fleiss und wo das zu Stein gewordene Sehnen Halma gespielt hatten – ein murmelndes Meer, unaufgeräumter als dein Zimmer je, durch das ich deinen Fragen stets zu folgen suche, wenn das Fenster mal wieder geschlossen, du in Gedanken und ich am Strand, dessen Dünen deine Handballen nur unzureichend nachzustellen vermögen, zu maßlos, zu mäandernd und zu viel Sand. Wirst du Blumen mitbringen, sag?

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