Gegenwart

Gesegnet sei das Zärtliche

In diesen Jahren des Reisens und Begegnens wird mir deutlich wie sehr mein Leben von Büchern vorbestimmt ist. Wie ich mir aus Büchern meine Träume gefischt und dann ganz tief in mir vergraben habe, um sie eines Tages aus der Hosentasche zu zaubern und damit Horizonte in mir zum Leuchten zu bringen. Und dann stehe ich da wie jetzt und möchte schreiben und Herzen zum Schlagen bringen und den Tagen eine Nacht andichten, die so nie stattgefunden hat!

Ich möchte wallen und werkeln, Brot backen und über alle Berge eilen, um der Welt meine Freude mitzuteilen, dass ich da sein darf und atmen und lieben und einen Weg verzärtele, der Platz hat für viele und vieles. So bin ich dieser Tage also in dieser Stadt auf diesem Fetzen Erde gelandet, in der ein Buch spielt, das mir seinerzeit so tief ging, dass ich es immer wieder verschenkte, zuletzt dir, Liebster.

Wie schrieb ich einst:

Hinaus aufs offene
Meer
ihr Träume
sturmgepeitscht
Ozeane der Sehnsucht
überquerend
ferne Küsten zu erobern
wo die Erde noch
fruchtbar und die Sinne
gierig nach der Farbe
Leben warten
auf euch
von mir gesandten
mit heiliger Mission:
Ein Fleckerl Boden
suchen für die Pflanze
Mensch

Und unterschreibe es immer noch zu großen Teilen. Pflänzchen, such Boden dir nicht zum Ankommen, sondern zum Eingraben, Rauswachsen, runterkommen, einbuddeln, um zu blühen, zu baden und zu umarmen: Das Leben an sich und die Momente im Speziellen, dich selbst jeden Tag und die Menschen insbesondere. Komm nicht an, dreh noch eine Runde, der Abend ist fern und ich dir nah, wie nie, fruchtbar wie selten. Wohlan ihr Fremden, lasst uns zärtlichst Freunde werden.

PS: Der Titel ist wie könnte es anders sein von einem Buch inspiriert, das ein Freund in den Bergen schrieb: Gesegnet seit das Zeitliche – ich habe es noch nicht gelesen, aber Willi ist einer von denen, die ich gerne lese. Das Buch, das mich herbrachte ist eines dieser Bücher, die dich verführen mit Details und Andeutungen, einem Lächeln, einem Blick und einer Geschichte, die gleichsam erzählt und gemalt und irgendwie nie aufgelöst wird. Schade drum.

Gegenwart

Tage wie dieser

Herbstliches Frankfurt vom Lohrberg

tage wie dieser, auf halbacht geflaggt, auf dreiviertel getaktet und immer eine stürmische begrüßung auf abruf, lagern zwischen zu kurz gekommenen nächten, die ich nicht wiederholen möchte.

der arzt zwar freundlich im ton aber bestimmt in der botschaft, der termin zwar zu spät, aber mit kaffeeweisser zum kaffee, der sekt zwar kalt aber pubertär im abgang, ich stelle nicht nur die uhr sondern gleich die zeit auf lautlos und den wecker unters schafott.

du sprichst von ferne und näherst dich erst beim nachtisch, der temperaturbedingt flachfiel, mit einer nachricht aus ton: man möge sich dir leichtbekleidet aber schwerst an lottogewinnen tragend nähern, die dämmerung zwischen den zähnen und die freien vormittage als eintrittsgehalt pfändend für das leben danach.

wir ziehen diesen nieselnden herbst jedem nuschelnden sommer vor, essen ungern vom eigenen teller, dichten beim fahren großspurige Verse und stürzen doch immer wieder spontan beglückt ins laub -abrechnen können wir später, jetzt wird erstmal geerntet, frau holle!